Kolumne des Pfarrers
Liebe Freunde und Freundinnen der Gemeinde,
Jetzt werde ich mir Ihre Freundschaft mit mir persönlich endgültig verscherzen, denn Zynismus breitet sich aus in meinem Kopf und wächst allmählich hinüber bis in mein Herz. Dabei sollte ich als Christ eigentlich jeden Zynismus widerstehen, „Spielverderber!“ Oder ist es gar nicht Zynismus, sondern Verzweiflung? Ist es jene Verzweiflung in Kopf und Herz angesichts der Realität menschenverachtender Lebenswelten in unserer einen, gemeinsamen Welt?
Heute las ich einen nachdenklich machenden Beitrag in der von mir abbonierten Tageszeitung. Es ging darin um die WM – worum denn sonst, in diesen Tagen geht es ja fast nur noch um die FIFA-WM. All so auch in meinem Leben? Klar, auch in meinem Leben, der ich, ich gestehe es, kein Fußballfan bin. „Laß doch den anderen ihre Freude, sagte mir ein Freund, die wollen doch nur Fußball gucken!“ Ok, vergesst also nicht, Eure Uhren nach den Spielzeiten der FIFA zu stellen, es ist WM-Zeit! Schaut allerdings vorsichtshalber nicht in Eure Spiegel zu Hause, Ihr könntet dabei entdecken, dass Ihr Menschen seid, nicht Lemminge. Schaltet Euer Wissen und vor allem auch Euer Gewissen ab – denn hinter dem FIFA-Produkt der Traumwelt-WM könntet Ihr den Alptraum der Realität nicht aushalten.
Die WM muß im Winter des Südens sein? Ja! Dann ist im Norden der Sommer, und da sitzen Sponsoren und eigentliche Zielgruppe der Marketingstrategen der WM; da ist das Geld.
Der Verkauf der Tickets geht auch in Südafrika über Internet? Ja, weithin! In den Townships, Elendsquartieren der Städte und den armen Dörfern könnte sich ja jetzt jeder einen PC zulegen, wäre doch toll.
Die Stadien sind erschreckend leer? Ja, oft sind ein Drittel oder sogar noch mehr Plätze frei, man sieht es auch bei uns, wenn die Kamera über die Gänge streift, was sie bei den letzten Spielen allerdings merklich weniger tut, mehr Close-Ups stattdessen. Dabei hatten doch auch die Slumbewohner lange genug Zeit gehabt ausreichend Geld dafür zusammen zu sparen.
Die fröhlichen Gesichter einer Regenbogennation? Ja! “Tanzende Neger“ – ekelhaft dieser Ausdruck und das dahinter sich vor unseren Augen entfaltende rassistische Bild – gehörten zu den touristischen Spezialitäten des Apartheid-Südafrika, das noch gar nicht so lange vorbei ist, die Menschen haben es noch nicht vergessen, jene, die am liebsten wieder zurück wollen zur alten rassistischen Ordnung genauso wenig wie jene, die die Apartheid als Staatssystem, nicht jedoch als Rassismus überwanden, sondern nur der Katastrophe wahres Gesicht bloßlegten: Ausbeutung und Elend für die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, dar hat sich gar nichts geändert!
Und uns wird, durch smarte Werbestrategen der FIFA der Glauben produziert, die Spiele seien Spiele zum Spielen und Wettstreiten in Spielen! Eine riesige Werbekampagne der FIFA hat uns eingelullt, zu Lemmingen ihres Milliarden-Profits gemacht.
Was wird bleiben?
Wir lernen es, Lemminger solcher Werbestrategien zu sein, und wir werden es lieben lernen.
In Südafrika, in den afrikanischen Ländern wird alles beim Alten bleiben, und die Flüchtlinge aus Afrika, auf dem Weg ins „Gelobte Land im Norden“, zur „Festung Europa“, dort wo Sommer ist, wenn Afrika friert, sie werden weiter im Mittelmeer ertrinken, auf südeuropäischen Inseln genauso wie in der Wüste Lybiens hinter Stacheldrahtverhauen in ihren Lagern – heimatlos! - schmachten.
Und, ach ja, an den gigantischen Hightech-Stadien werden später dann einmal europäische Touristen vorbeigeführt werden, wie sie heute an Ägyptens Pyramiden vorbeigeführt werden, nur die passten in ihre Zeit, damals, vor 3000 Jahren, sakrale Monumente der Ausbeutung durch Herrschafts-Religion; die Stadien jedoch passen ganz und gar nicht, sie sind allesamt Sakral-Bauten einer Traum-Kulisse, nur für uns im warmen Norden der Welt gemacht – Kulissen unserer Ersatzreligion..
Pfr. Konrad Knolle, 21. Juni 2010
Zur Fußball-WM 2010
Deutschland, ja die ganze Fußballwelt ist im WM-Taumel. Die öffentliche Meinung von Presse, Rundfunk und Fernsehen verbreitet die Begeisterung, und tatsächlich meinen ja auch viele, diese Spiele seien „Afrikas Spiele“. Bei uns „outet“ sich ein Teil der Fußballgemeinde mit kleinen Nationalflaggen, Zum ersten Mal ist die WM auf afrikanischem Boden. Bischof Tutu tanzt vor Freude auf der Bühne, auch Nelson Mandela hat seinen Jubel darüber schon vorher zum Ausdruck gebracht. Begeisterte Menschen sehen wir auf den Tribünen, Menschen aus allen möglichen Ländern und Kontinenten. Der „gelbe Block“ der südafrikanischen Fans ist unübersehbar.
Wer da innehält und skeptisch die Welt sich beschaut, in der wir leben, fängt an zu grübeln. So schön ist die Welt? So bunt, ein Vielvölkergemisch, Fest der Völkerverständigung? So groß und einträchtig versammelt in Südafrika und mehr noch vor den Fernsehschirmen, zu Hause oder im Public-Viewing-Event: die globale Gemeinde, versammelt um das kleine Stück rundlaufenden Leders? Wer da zu grübeln anfängt angesichts der Wirklichkeit, der möchte, wie Kafkas Besucher auf der Galerie (Kurzgeschichte, F. Kafka: „Auf der Galerie“) sich vornüberneigen und still in sich hineinweinen – wie gesagt: angesichts der Wirklichkeit.
Ich zog diese Kurzgeschichte Kafkas nochmals aus dem Bücherschrank, las sie wieder und wieder und konnte nicht umhin: Hier war die literarische Gestalt dessen, was ich empfinde, jetzt, in der Zeit der Spiele.
Wer die Hände nicht vor dem Gesicht zusammenlegt, sich nach vorne beugt und leise weint, sondern statt die Hände schützend vor die Augen zu halten, die solches sehen, zur Feder greift und schreibt, statt zu weinen laut ruft, der muss gewiß damit rechnen, dass er wenigstens als „Spielverderber“ geächtet wird, dass man im nachrufen wird, es sei jemand, der alles schlecht reden müsse, der einem den Spaß an den Spielen verdirbt, der nur meckern könne, Besserwisserei und Rechthaberei wird man ihm vorwerfen. Im günstigsten Fall wird man es einfach ignorieren. Beliebtheitsgrade lassen sich so wahrscheinlich nicht steigern.
Doch unsere Fußballfreude ist nun einmal nicht ungetrübt. Den Fußball sollen wir genießen können, auch ist Teil der großen Schöpfung Gottes, wie Sport, Spiel, Spannung, also jede gute andere Unterhaltung ebenfalls, und ich vertrete gewiß kein asketisches Christentum, dass den Freuden nicht zugeneigt wäre. Nichts ist mir fremder als dies. Und dennoch, können wir, zumal als Christen, über die Freunde an den Spiel-Möglichkeiten der Welt, das Schauen in den Schattenwurf der Glanzlichter der Stadien wirklich sein lassen? Die alten Propheten Israels haben die Hofspiele der Könige sogar entschieden verurteilt angesichts des Leidens der Armen, der „Witwen und Waisen“. „Wie könnt ihr euch in großen Festen, Lust und Freude aalen und hört das Schreien der Armen nicht?“ Selbst die Gottesdienste sind Gott ein Gräuel angesichts des Elends im Volk, halten sie mit Gottes Wort der Gemeinde vor Augen und Ohren. Elias macht die Hinwendung zum Gott der Armen sogar zum entscheidenden Zeichen für Recht und Gehorsam, nehmen wir Gott ernst. Jesus radikalisiert diesen Anspruch Gottes im Neuen Testament: Wollt ihr Gott erkennen, schaut auf das, was sich an Freiheit unter den Niedergeschlagenen und Armen tut und werdet solcher Zeichen Zeugen vor der Welt.
Unzählige Menschen arbeiteten am Ausbau bestehender bzw. dem Aufbau ganz und gar neuer Stadien voller Hightech und gigantischer Ausmaße, an den neuen Schnellbahntrassen und Strassen, die zu den Stadien führen. Für einige Jahre hatten sie Arbeit im Land mit 40% (tatsächlich schätzen viele Fachleute diese Zahl viel höher!) Arbeitslosigkeit. Die Eröffnungsfeier war beeindruckend, schlicht, ohne Pomp und mit nur wenig elektronischen Mitteln gestaltet. Die Bilder der Freude, wen hätten sie nicht ergriffen? Das war wohltuend schön. Enttäuschend dagegen die Besucherzahl, mehr als ein Viertel des großen Stadions blieb leer. Die Kommentatoren versuchten zu überzeugen, dass die Massen noch vor dem Stadion oder auf der Anfahrt, aber vom Verkehrschaos behindert seien, rechtzeitig zur Anfangsfeier zu kommen. Kein Wort über die immensen Eintrittspreise von 20 Dollars, vorgesehen vor allem für die südafrikanischen Fans und in Landeswährung zu zahlen, das Tageseinkommen von ca. 50% der Bevölkerung – davon betroffen sind ca. 60% der schwarzen Bevölkerungsmehrheit - beträgt nur 2,50 Euro pro Tag. 480.000 dieser Tickets der Kategorie 4 hat Südafrika für seine eigene Bevölkerung reserviert. Die anderen Tickets der Kategorien 1 – 3 kosten bis zu 900 Dollars von den ausländischen Fans, in Dollars zu zahlen in einem Land, von denen nach offiziellen Schätzungen 50% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze des Landes leben müssen und 40%, vor allem junge Menschen unter 35 Jahren arbeitslos sind. Allein aus Vermarktungsrechten, Fernsehlizenzen und Sponsoring wird die FIFA 2,5 Milliarden Euro, 313 Millionen mehr als vor vier Jahren in Deutschland, bei einem Gesamtvolumen an Investitionen von 681 Millionen Euros einnehmen. Die WM ist vor allem ein Geschäft für die FIFA!
Platzwechsel
Jan Mpepe Maran erlebt mit seinen lustig dekorierten Makarapa-Helmen – vor der WM für 1,50 Euro zu haben, jetzt für 12 Euro pro Helm - die Traumstory des Aufstiegs vom armen Strassenhändler zum reichen Unternehmer. Angie Madlala dagegen hat Pech gehabt, ihren aus zwei Eimern und einem Brett zusammengestellten Mini-Verkaufsstand für Cola und Chips, vor der WM beliebte Anlaufstelle vieler Fans vor den Spielen, musste sie räumen. Der Stand eignet sich nicht für die Werbebanner der Sponsoren. Alfred Mukeke, Besitzer einer kleinen Stehkneipe mit Fernsehanschluß muß, wie alle anderen Imbiß- oder Gaststättenbesitzer 5.000 Euro Gebühr im voraus bezahlen, will er seinen Imbiß – wie immer bei den sonstigen früheren Fußballspielen - als Zuschauerort öffnen. Die beiden und nahezu alle Kneipiers und Kleinhändler hofften auf das „große Geld“ auch für sie – und gehen leer aus. Die FIFA erlaubt nur solche „Geschäfte“, die von den Sponsoren- und Vermarktungsverträgen mit den „Großen“ abgedeckt sind, von ihnen als Werbeträger für die ausländischen Kameras akzeptiert werden. Die „Kleinen Leute“ haben keinen Zugang zum Topf des „Großen Geldes“. Viele werden jetzt in den Ruin getrieben, wie Angie Madlala und Alfred Mukeke.
Das war immer so – aber hier, in Südafrika schlägt es besonders zu Buche angesichts der Tatsache, dass Südafrika, das allein im letzten Jahr der Vorbereitungen zur WM, 2009, fast 900.000 Menschen – darunter wieder mehrheitlich die Menschen aus der schwarzen Mehrheitsbevölkerung - arbeitslos wurden. Tendenz steigend. Ach ja, ganz schweigen dürfen wir auch nicht, dass gleichzeitig weiter nördlich schlimmste, grassierende Armut in Afrika herrscht und Kriege um Afrikas Reichtum an Bodenschätzen, wie jener im Kongo mit seinen bisher ca. 3 Millionen Opfern- die gigantischen Flüchtlingszahlen Afrikas gar nicht mitgerechnet - die Welt eigentlich erschüttern müssten. Ach ja, und dann sind da ja auch noch die afrikanischen Boat-People im Mittelmeer, die, falls sie die Flucht über das Meer in kleinen Nachen überleben, in unseren südeuropäischen Staaten oder, von Europa abgeschoben, in Lybiens Stacheldraht bewehrte Wüstenlager (eine Erfindung auch deutscher Politiker der neunziger Jahre) dahinvegitieren. Man kann nur hoffen, kommt mir der zynische Gedanke, dass sie in ihren Lagern Fernseher haben, über die erste WM Afrikas in Südafrika in Freudentaumel zu geraten. So wissen sie wenigstens, dass sie stolz sein können müssten auf ihr Afrika, dass für sie die furchtbare Lebenssituation in Elend, Armut und Krieg bedeutet, und wo ihre Kinder barfuß mit Gummifetzen Fußball spielen. Fußball war früher auch bei uns einmal Spiel und Freude der Armen und der „Kleinen Leute“; aber das war bevor Fußballer Millionenbeträge beim Wechsel von einem Verein in den anderen kassierten, das war bevor der Fußball der Leute sich zum großen Geschäft mauserte.
Ich kriege den Kopf nicht hoch aus meiner nach vorne gebeugten Position auf der medialen Galerie; ich kann das Weinen, die Tränen in meinen Augen doch nicht die anderen sehen lassen. Das passt doch nicht! Sie werden es nicht verstehen können … oder wollen? Ich sollte doch mitjubeln, wenn alle jubeln. Mit allen mitjubeln, schreibt Elias Canetti („Masse und Macht“), befreit, gibt mir das Gefühl der Zugehörigkeit, ja, ich gehöre dann dazu, zu allen anderen, kann eintauchen, erleichtert und moralisch entlastet in die massenhafte Freude. Und, das nur nebenbei, wir üben es ja seit einigen Jahren, auch hier in Deutschland, dass wir ungezwungen uns massenhafter Euphorie zu überlassen lernen mögen … „Wir sind Lena!“
Es hat also gar nicht nur mit der WM in Südafrika zu tun, wenn ich mein Weinen nicht stoppen kann. Ich erkenne dahinter, was man Zeitgeist nennen könnte, in wachsender Not nicht nur in Afrika, auch bei uns. Wie war das doch gerade? – Ein Land im Lena-Taumel hörte die Regierung scheinbar sozial ausgeglichene Sparmaßnahmen verkünden, die die Armen bei uns noch ärmer macht. Man trifft sich ja auch nicht auf den Empfängen in teuren Hotels, die Armen mit den Reichen und Schönen und mit bestimmten Politikern, meine ich.
Statt aufzublicken und durch den Schleier der Tränen hindurch der Wahrheit der Wirklichkeit das erkennende Auge entgegen zu halten, möchte ich nur noch tiefer versinken auf meiner Galerie, am liebsten weg sein, nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr reden oder schreiben. Aber dann wäre ich einer jener drei Affen, jenen angenommenen Vorfahren unserer menschlichen Evolution, ein Entwicklungsstand, den wir doch eigentlich überwunden zu haben glauben.
Im Lichterglanz der Stadien, im großen WM-Jubel , in der fiebernden Hoffnung auf Sieg der eigenen Nationalmannschaft, vor unseren fest verschlossenen Augen und Ohren bleibt die Wirklichkeit im Dunkeln. Der römische Dichter Juvenal, wir lasen seine Satiren im Lateinunterricht, prägte in einer dieser Satiren jenen Satz, der mir nicht aus dem Kopf will: „Panem et Circensis“ , „Brot und Spiele“ und beschrieb damit die Befriedigungspolitik der römischen Eliten und ihres Staates im Angesicht schreienden politischen und wirtschaftlichen Unrechts. „Panem at Circensis“, Das gaben sie ihnen, den Armen, hin und wieder, von Mal zu Mal – und sie wollten’s so und waren’s zufrieden, sagt Juvenal (Satiren 10.81). Damit alles sicher verläuft
„Das Fest ist das Ziel“, schreibt Elias Canetti (Masse und Macht), „die Masse folgt dem vorgegebenen Ziel und lebt einer Halluzination“. Die WM – bloß eine Halluzination?
Ich richte mich nun doch wieder auf, keine Tränen mehr, kein Weinen, keine Resignation ..! Dagegen hilft dann doch nur der Mut zum Schauen und Hören und zum Handeln. Ich bin kein Affe und, ich bin auch nicht wie jener junge Mann auf der Galerie, verfalle weder der Hulluzination noch der Resignation.. Ich habe Augen und Ohren frei, ich sehe nun Menschen, nicht wenige, die sehen, was ich sehe, höre nun auch andere Stimmen, warnend mahnend, wie die des anglikanischen Erzbischoffs von Kapstadt, Thabo Makgoba, den Schrei der Armen aus ihrem Elend vielfältig widerhallend in der Zeit der Spiele.
Pfarrer Konrad Knolle
15.06.2010
Literatur:
• Jean-Paul Thuillier: Sport im antiken Rom. (Editions Errance, Paris 1996) Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, bes. S. 173 -186 (Kap. „Kaiser und Spiele – Opium für das Volk“)
• Evangelische Sonntagszeitung, 13. Juni 2010
• Elias Canetti, „Masse und Macht“, Werkausgabe, Frankfurt am Main 1980
• Ben Khumalo-Seegelken, „Damit der Ball für alle rund ist - auch in Südafrika“, Vortrag in St. Katharinen, Osnabrück, 31.5.2010
• Länderbericht, Aussenamt der Bundesregierung, Journal I.22/3
• Tagespresse, FR, FAZ, Die Zeit, Starkenburger Echo u.a.m.
• Franz Kafka, „Auf der Galerie“, Gesammelte Kurzgeschichten 1978
• Bibel
Osterzeit
03.04.2010
Es ist Osterzeit. Friedensmarschzeit. Wer das Ostergeschehen als Realität erfährt, erlebt es als Widerstand, dem man nicht Erfolg versprechen könne, sagen manche, als Widerstand für den Frieden, der mehr ist als das Schweigen der Waffen, nämlich ihr Abschaffen, die Ausradierung des Krieges aus unseren Handlungsmöglichkeiten. Wer meint, Ostern sei möglich, der kann auch wissen, und daran festhalten, dass solcher Frieden möglich ist. Nun also gehen wir wieder, diesen Frieden zu fordern: Linke und andere Sozialisten, Idealisten und Christen, Atheisten oder auch solche, die ganz einfach nur Angst haben. Die Spinner sind unterwegs, sagen die einen, die Idealisten und Träumer sind losgelassen, sagen die anderen. Alle manipuliert vom Osten, das sagten die einen, die immer alles zu erklären wissen als wäre es ein Komplott finsterer Mächte. Nun, diesen Osten gibt es nicht mehr. Sie müssen sich etwas anderes einfallen lassen, die solches sagten. Wie wäre es mit: „Die Muslime manipulieren das alles“? Oder: „Die Linken …“?
Bin ich manipuliert? Nein, ich könnte es ja sein lassen, am Montag nach Frankfurt zu fahren. Ich fahre aus eigenen Stücken. Ich lasse mich ein auf die „finsteren Mächte des Friedens“. Sollen sie mich doch zum Frieden „manipulieren“, wenn das mit der Manipulation denn überhaupt stimmen sollte. Und so „finster“ sind sie ja auch gar nicht; ganz im Gegenteil: Lichtblicke der Hoffnung sind sie mir.
Warum nur reden jene so? Warum reihen sie sich nicht ein in den langen Weg zum Frieden? Wollen sie keinen Frieden?
Doch, das will ich ihnen nicht unterstellen, dass sie keinen Frieden wollen. Sie wollen ihn nur anders, mit Waffendrohungen, mit Waffenlieferungen in die Krisengebiete, mit Atomwaffen in der Eifel, mit den Kriegen in Afghanistan und Irak. Sie wollen ihn mit allen möglichen Mitteln, nur nicht mit denen der Abschaffung alles Kriegerischen für den Frieden. Ich glaube, sie wollen Realisten sein. Sie meinen dann, dass die Welt nun einmal voll des Bösen ist und, wie mein Vater das sagte vor Urzeiten in den Sechzigern, damals, als ich den Kriegsdienst verweigerte, Krieg ist schlimm, aber unvermeidbar, solange die Welt ist wie sie ist. Mein Vater irrte. Tragisch. Er kannte den Krieg.
Ja, wie ist denn die Welt? Ist sie nicht durch unsere Hände geformt, vielmehr deformiert, weil wir sie den Händen der Ressourcengier ausgeliefert haben, jener Gier die am Ende immer Geld sehen will, jener Gier, die unter uns gewachsen ist, in die wir hineingeschult werden, die unsere zweite Natur wurde, unsere Luxusgier, die jenen anderen in ihrer Geldgier gut passt, die in ihr System passt, in dem sie uns mit immer schöner glänzender Werbung zu einem Marktkalkül machten, zu Marionetten an den Fäden in ihren Händen.
Wenn die Marionetten erkennen würden, dass sie an ihren Fäden im Reich des Notwendigen leben, würden sie vielleicht traurig sein ob ihrer Unfreiheit, aber sie würden weitertanzen, grad so, wie die Spieler es wollen. So leben auch wir im Reich des Notwendigen.
Schauen wir auf dieses Reich des Notwendigen, so sehen wir, dass es klare Spielpläne, gibt, in deren Produktion wir kaufen. Ein solcher Spielplan besteht aus den Gesetzen des Marktes, wie man uns sagt und vorrechnet. Kaufen, was angeboten und verkauft wird. Aber, kaufen wir etwa nur, was notwendig ist zum Leben im Reich des Notwendigen – oder besteht das Reich des notwendigen Marktes nicht vielmehr aus dem Angebot von allerlei Tünneff und Unnotwendigem?
Doch unser Reich des Notwendigen besteht tatsächlich aus vielen uns unübersichtlich gewordenen Verstrickungen. Kaum wegzudenken unsere Handys, seit es keine öffentlichen Telefonzellen mehr gibt. Coltan gehört dazu und der Krieg, die Armut, das Elend im Kongo. Verzichten können wir nicht mehr auf unser Auto, besonders auf dem Land, seit die öffentlichen Verkehrsmittel den Gesetzen des Marktes unterworfen wurden und die vielen kleinen Bahnhöfe, an denen kein Zug mehr hält, verrotten. Kein Weg führt mehr vorbei an den Discountern, und unterwegs laufen wir vorbei an den in gähnender Leer uns anstarrenden trüb gewordenen Schaufenstern aufgegebener kleiner Geschäfte und Läden. Vorbei die Zeiten, in denen sogenannte „Sozialbauten“ uns, den Mietern, eine erschwingliche Wohnung gaben, vorbei, seit die Wohnungen verkauft wurden an britische und us-amerikanische Pensionsfonds, vorbei, seit die Wohnungen nur noch zum Verkauf anstehen. Vorbei die Zeit, in der der Staat, geleitet und vertreten durch unsere demokratisch gewählten Parlamente, einen nach unserem Willen einen auf sozialen Ausgleich ausgerichteten, gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag haben sollte. Hatten wir nicht einstmals in der 7 Klasse gelernt, der Staat, das seien wir? Vorbei die Zeit, in der wir zwischen Jungen und Alten von der Solidargemeinschaft redeten. Wissen wir doch, wie viele Kriege gemacht werden, um dieses Vorbei zu sichern und fortzuschreiben! Vorbei, vorbei, vom Wind der Geschichte verweht. Notwendig vorbei. Notwendig, ja, aber doch mehr Not wendig, auch nicht etwa die Not wendend, sondern zur Not gewendet.
Träume ich von einem goldenen Zeitalter der Vergangenheit? Angesichts des Reichs des Notwendigen mag ich diesen Traum, der allerdings nicht der von einem vergangenen goldenen Zeitalter ist, sondern ein Traum der Zukunft, weil die Gegenwart eine gemachte Gegenwart ist, eine von uns Menschen gemachte Gegenwart und ich die Zukunft dieses Reichs des Notwendigen nicht an meine Nachkommen übergeben will. Das ist mir Alptraum!
Ostern geschieht unter uns. Vom alten Thales wird berichtet, dass er einmal begeistert nach den Gesetzen der Sterne suchend in den Himmel starrte, dass er den Brunnen nicht sah, in den er dabei fiel. Eine Magd – oder war sie Sklavin? – sah das und sagte: „Der strengt sich an, die Dinge im Himmel zu erkennen, von dem aber, was ihm vor Augen und vor den Füßen liegt, hat er keine Ahnung.“ Starren wir also nicht in den Himmel, dort sind nur die Sterne. Ostern ist unter uns.
Ostern ist hier auf diesem Planeten geschehen. Ostern liegt uns vor den Füßen, da starren wir nicht in den Himmel. Ostern ist der Widerspruch zu unserem Alptraum im Reich des Notwendigen. Für alle jene unter uns, die das Reich des Notwendigen als Golgatha erleben, ist Ostern eine neue Realität vor unseren Füßen. Ist der Widerspruch zur Schädelstätte, jenem „Killing Field“, ist die neue Realität derer, die nicht daran fest halten, dass das alles nun einmal so ist im Reich des Notwendigen wie es ist, was schon immer ein dummer Gedanke und ein gefährlich gefährdendes Leben war. Ostern ist die Wende aus dem Reich des Notwendigen. Ostern ist die Realitätswende in unserer Welt. Ostern ist die Botschaft: Es muss nicht alles so bleiben wie es ist, es kann und ist alles schon ganz anders, es geht auch anders, ganz anders. Ostern heißt, dass das menschliche Leben als menschliches Ebenbildleben Gottes ein neue Chance hat. Ostern ist die große Schere, die uns die Sticke an denen wir tanzen zerschnitten hat – und wir plötzlich erfahren können: ohne solche Stricke sind wir Menschen, nicht Marionetten, Pinocchio lebt! Schneewittchen ist erwacht! Rumpelstilzchens Name ist bekannt. Unsere Augen sehen die Blöße des Kaisers, dessen neue Kleider seine alte Haut sind, in der er steckt, fett und dreist, dumm und fortschrittsgeil, voller Gier nach mehr und mehr und mehr. Ostern ist: Godot ist da!
Ostern ist für mich die Erfahrung, die Lebenserfahrung, dass wir uns – gegen Kants Definition der Aufklärung – nicht selbst aus unserer selbstverschuldeten Dummheit befreien können, dass es mitten im falschen Leben des Reichs des Notwendigen doch das Richtige gibt.
Ich freue mich, dass Ostern ist.
Und ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest – ein Leben lang!
Ihr Konrad Knolle
Ein Briefwechsel zur Weihnachtszeit
23.12.2009
Liebe Renate
Morgen ist der Heilige Abend. Eigentlich sollte die Friedensbotschaft überall in der Welt gehört werden. Aber das ist leider nicht so. Wenigstens wir Christen sind dafür verantwortlich, dass sie nicht überall gehört werden kann, weil wir nicht deutlicher und klarer eintreten für die Rechte der Menschen auf ein gutes uns sicheres Leben.
In Afghanistan und Irak dröhnen die Bomben und die Gewehre statt der Friedensgruß
Im Kongo leben immer noch 1 Millionen Menschen auf der Flucht vor kriegerischen Horden
In weiten Teilen der Welt schreien die Menschen nach Frieden, nach Gerechtigkeit und nach Brot zum Essen – und Christen feiern Weihnachten.
Die christlichen Länder sind die reichsten und die mächtigsten der Welt, aber statt Frieden zu machen, sind sie führend im Krieg.
Herr Obama hielt eine große Rede beim Friedensnobelpreis, und zum ersten Mal redet auch er vom gerechten Krieg in Afghanistan. Es kann aber nie und nimmer jemals einen gerechten Krieg geben. Nicht, wenn wie bisher, in Kriegen Menschen getötet werden.
Für Öl?
Für Macht und Herrschaft?
Für die Kontrolle über die Märkte?
Für Diamanten und Coltan?
Für den Luxus in den Ländern, die sich als „christliches Abendland“ verstehen, aber schlimmer leben als viele andere.
Und in diesen Ländern gibt es ja auch immer mehr schreiende Armut!
Ungerechtigkeit in der Verteilung des Wohlstands dort, und sie produzieren Waffen, die exportiert werden in die ganze Welt, damit man Krieg machen kann.
In Deutschland lügen uns die Politiker vor: Es gibt keinen Krieg in Afghanistan. Wir wissen es besser!
In Israel/Palästina, dort, wo der Frieden für alle Menschen zu erst verkündet wurde, herrscht durch Israels Arroganz und Selbstherrlichkeit Not und Elend und finden unter Palästinensern menschenverachtende Radikale das Gehör der Verzweifelten. Auch in Israel gibt es Friedensfreunde, die heute schon ihre Wege finden zu den Palästinensern, aber sie werden still gehalten, verschwiegen, an den Rand gedrückt, vom israelischen Geheimdienst kontrolliert, beschimpft von dortigen Radikalen.
Ist kein Friede im „Heiligen Land“, ist auch kein Friede in den Ländern dieser Welt, solange Menschen leiden unter menschlicher Gewalt und Herrschaft und Ausbeutung.
Die globalen Klassenkämpfe und die imperialistischen Kriege (die wir freilich nicht so nennen dürfen!) hören nicht auf, solange es Ausbeutung in Folge dessen Unterdrückung gibt. Die verbrecherischen Trittbrettfahrer dieser Klassenkämpfe gibt es auch. Sie machen sich anheischig, die Interessen der unterdrückten Völker zu vertreten.
Ich las in diesen Tagen nochmals Franz Fanon, „Die Verdammten dieser Erde“, dazu Elias Cenettis warnende Gedanken zum Krieg. Manchmal möchte ich aufhören zu leben, aber solche suizidalen Gedanken sind reaktionär und leisten nur Selbstmitleid. Das ist aber fehl am Platz. Also mache ich es wie Sisyphus, der den Stein den Berg hinauf rollt, obwohl er immer wieder versagt dabei. Doch, solange wir den Stein am Rollen halten wissen wir, dass er bewegt werden kann und nicht in die Niederungen des Elends der Unterdrückten gehört, sie zu zermalmen. Also rollen wir ihn immer wieder hinauf, bergauf, irgendwann werden wir auf dem Gipfel stehen.
Übrigens: Welches Vertrauen schenkt Gott seinen „Kindern“, dass er ihnen das Böse, die Wahrheit der Erkenntnis des Bösen“ in die Hände gibt, dass sie es den Berg hinaufrollen mögen. Vielleicht haben wir nur Utopien in der Erkenntnis und der Formulierung dessen, was das „Heil“ ist. Keine Utopien haben wir in der Erkenntnis der Wahrheit des Bösen. Da sind wir total realistisch und weltbezogen und klar. Das Gute erhoffen wir, das Böse bekämpfen wir, das Gute liegt vor uns auf dem Gipfel, das Böse ist uns in die Hand gegeben, dass wir es zum Gipfel hinaufrollen mögen. Das ist das Vertrauen, das Gott in uns setzt.
Weihnachten ist so etwas wie der islamische Ramadan. Im Ramadan feiern Muslime die Lichtwerdung durch die Offenbarung des Koran an den Propheten. Weihnachten feiern Christen die Lichtwerdung durch Jesus Christus.
Ramadan ist ein herrliches Fest der Gemeinschaft der Menschen, Weihnachten ist ein herrliches Fest der Gemeinschaft der Menschen.
Wir alle, Ihr und wir, die wir dies Licht feiern, wollen festhalten daran:
Frieden ist möglich, wenn wir es nur wollen und den Stein des Bösen, des Unfriedens unter den Menschen vielleicht nicht mehr nur verzweifelt gegen die Schwerkraft nach oben rollen, sondern ihn in der Hoffnung, dass er uns von Gott in die Hände gegeben ist, ihn zum Guten zu rollen, zum Frieden, zur Gerechtigkeit, damit er dort aufgelöst werde zu Staub, der verweht im Wind.
Gruß
Konrad
26.12.2009
Lieber Konrad,
du hast Recht mit deinem Brief, mit deinen Hinweisen auf das, was nicht stimmt bei uns Christen: Dass wir vom Frieden reden und ihn nicht tun, zumindest nicht weltweit und konsequent.
Die Amerikaner vergleichen ihr kriegerisches Engagement immer wieder mit ihrer militärischen Befreiung Europas von der Hitler-Regierung. Aber spätestens seit Vietnam gibt es auch andere Beispiele, wie die USA Krieg führen. Und diese Kriege waren aussichtslos. Sie haben keinen friedlichen Neuanfang bewirkt.
Kann man konsequent pazifistisch sein? Wäre die Nazi-Regierung auch ohne Waffen besiegbar gewesen? Meine Mutter meinte nein. Sie hätte weiter gemordet und auch das Christentum und die Kirche ausgelöscht. Und die Slaven versklavt.
Ja, das mag sein. Da fällt mir eine konsequent pazifistische Argumentation schwer. Aber Vietnam, der Irak und Afghanistan sind nicht Europa. Die Motive, sich dort militärisch zu engagieren, sind andere.
Gibt es Rechtfertigungen für Waffenanwendung? Jesus hat ja auch nicht grundsätzlich alles Militärische verdammt. Aber seinen Leuten hat er gesagt: Ihr aber, die ihr mir zuhört......
Trotzdem: Ich hatte ein friedliches Weihnachtsfest, obwohl auch in meiner Familie Diplomatie nötig ist. Aber mit Diplomatie geht vieles.
Euch beiden, dir und Flois, noch einmal ein herzliches Danke, dass ihr bei meinem Geburtstag dabei wart!
Eine schöne Nachweihnachtszeit wünsche ich euch!
Renate
27.12.2009
Liebe Renate.
Dank für Deine Gedanken
Ich stimme Dir voll und ganz zu - fast.
Deine Mutter hatte gewiß das ganz richtig gesehen: Die Nazis und die verrückt gewordenen Teile Deutschlands konnten nur durch Krieg aus der Macht getrieben werden.
Doch wer hat die Nazis, von denen jeder halbwegs intelligente Menschen wissen konnte, was sie wollen! - wer hat also diese Verbrecherbande gefördert, gestützt, groß werden lassen? Aus welchem Schoß krochen sie, wer und was prägte Hitler und seine Generation? Auf welchen Coctailpartys wurde ihnen gehuldigt? Wer stellte ihnen kostenlos Flugzeuge zur Verfügung, damit sie zu ihren Kundgebungen fliegen konnten – bis nach Königsberg? Wer verkaufte ihnen die Autos, mit denen sie zu ihren Aufmärschen zogen? Wer nähte ihre Uniformen? Wer waren ihre „Steigbügelhalter“
Das Kapital und die Kapitalisten sind zu nennen. Scheuen wir uns, dieses Wort zu gebrauchen? Ist es ein Un-Wort geworden? Haben sie so weit in unseren Hirnen gesiegt, dass wir sie nicht mehr benennen können, weil wir sie in ihren Tun und in ihren gesellschaftlichen Verbrechen nicht mehr sehen sollen, die Menschen, die das sind und das System, mit dem sie handeln?
Ein großes Lager im benachbarten Gernsheim. Jetzt schließt es, die 5 fetten Jahre der Steuerfreiheit, die die Gemeinde Gernsheim zusprach, sie sind vorbei. Jetzt müssten sie "löhnen", jetzt wandern sie weiter, Viele Männer und Frauen, mitunter ohne berufliche Ausbildung, "Hilfsarbeiter", wie wir sie früher nannten, stehen auf der Strasse, die Spitzenmanager des Lagers ziehen natürlich mit. In der Hl.Abend-Predigt sprach ich diese Schweinerei an und fragte, wenn die das hier machen, dann können wir uns vielleicht endlich vorstellen, was sie mit den südamerikanischen oder ostafrikanischen Bauern machen! Es sind solche Verhältnisse, es ist die Gemeinheit und Ungerechtigkeit, die "Freiheit des Kapitals", die Teil eines jeden Krieges ist. Wir wissen doch, wie viel die "Großen" an den beiden Kriegen in Afghanistan und Irak verdienen. Haben wir das über Obamas „Yes we can“-Euphorie schon vergessen, dass schreiendes Unrecht die erste Quelle eines jeden Krieges ist?
Die früheren Großmächte, wer hat denn die Nazis toleriert, mit ihnen staatlich sanktionierte Maßnahmen gemeinsam ergriffen, obwohl, wie in Frankreich, schon längst Zehntausende als Flüchtlinge aus Deutschland lebten, Thomas Mann, Bert Brecht schon im Exil waren, wie auch Rudolf Serkin, Walter Bauer, die Buschbrüder (alles jüdische oder mit Juden solidarische Musiker), Mühsam, Feuchtwanger.
Als Herausgeber der Zeitschrift Die Weltbühne wurde Carl v. Ossiezki bereits 1931 wegen "staatsgefährdender Umtriebe und Spionage" ins Gefängnis gesteckt, denn er hatte die Aufrüstung der Reichswehr schon damals aufgedeckt; den Friedensnobelpreis konnte er 1936 nicht selber in Empfang nehmen, weil er im KZ saß. Im gleichen Jahr: Olympia!
Die Sportler der "Staatengemeinschaft" marschierte hinter ihren nationalen Fahnen wissenden Auges ins Olympiastadion in Berlin ein, Nationalhymnen erklangen, auch die polnische, die drei Jahre später nur noch im Untergrund gesungen werden durfte. Man feierte den Sport obwohl schon 1936 Juden von allen öffentlichen Belangen ausgeschlossen waren, obwohl in Spanien die Stadt Guernica gerade von deutscher Luftwaffe probeweise für Warschau und Rotterdam zu Trümmern bombardiert wurde, obwohl die Faschisten in Italien schon im Krieg in Äthiopien waren und Franco sich anschickte über Spanien zu herrschen.
Die internationale Schweigekooperation war doch lärmend laut als würde nicht zeitgleich schon all das geschehen, was im 2. Weltkrieg vielfach gesteigert dann verbrochen wurde! Ja, wer waren die Menschen, Herren meistens, die sich im Oktober 1931 in Bad Harzburg trafen, die Nazis zu ihrem Leithammel zu machen?
Im fernen Boston verwaltete des letzten Busch-Präsidenten Großvater das Vermögen der Nazis, war er selber offensichtlich, Berichten zufolge, ein amerikanischer Faschismussympatisant und Rassist gegen Schwarze und Juden! Wenige Jahre später zog es diesen Busch nach Texas, die Ölfirmen riefen, damit er als Jurist die Gewerkschaften zerschlage, was er erfolgreich mit Hilfe der Mafia auch ausführte.
Und wir warten bis nichts anderes mehr geht als der Krieg. Der "muß" dann wohl sein, weil wir in seinem Vorfeld die Menschen schon mit Schuhen treten, bevor dann die Stiefel sie zertreten.
Und deswegen "muss" der Krieg eben nicht sein. Wir erlauben Verhältnisse, in denen der Krieg Teil des brutalen Verbrechens gegen die Menschen ist.
Dann unsere Sprache. Wie ein "Mantel durch Blut geschleift" (Jesaja): Wir nennen sie die "Gefallenen", deren Mägen aber tatsächlich aufgerissen sind, die Därme quellen hervor. Die sind nicht mehr lange. Anderen: Hände abgerissen, Beine, Füße, die Hirne durchschossen, sie leben noch, sind nicht "gefallen", nur Krüppel für's Leben. Nicht nur als „Verwundete“ sondern auch als Traumatisierte kommen sie nach Haus, leben unter uns, Verdrängen idealisieren gar, ihr Schreckenserleben, menschlich verständlich, dennoch aber falsch. Kinder zermatscht, Frauen vergewaltigt, Männeropfer zu Helden stilisiert, Erschießungen, Militärgerichte hinter der Front, nicht nur bei den Deutschen, der "Mut zur Fahnenflucht" wird "Verrat an den Kameraden", Elias Canetti schrieb darüber bereits Ende der zwanziger Jahre.
Wann fängt Friedenspolitik an? In der bloßen Vermeidung des Krieges 5 Minuten bevor die Kanonen tatsächlich donnern und die Kriegsgegner ins Gefängnis wandern - oder ist Friedenspolitik einfach ein ganz und gar andere Politik als die, die unsere Politiker heute zu denken und zu machen in der Lage sind?
Und immer spielt Gerechtigkeit eine so große Rolle in jeder Friedenspolitik. Ich las unlängst einmal wieder Max Webers Definition der Macht. Er hat beschrieben, was Unfrieden bewirkt, auch wenn er das selber gar nicht so sah.
Macht ist, schreibt Weber (§16 Wirtschaft und Gesellschaft) "jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance besteht". Wenn Weber später noch meinte, dass dies natürlich nicht bedeute, Macht könne mit Zwang ausgeübt werden, so ist dies wohl mehr ein Nachtrag, nachdem er erkannte wie gefährlich seine These zur Macht ist. Und noch vor Weber, Machiavelli in seinem "Der Fürst" So etwas wurde doch zur politischen Grundlagentheorie seit eh und je und wurde praktisch ja auch schon seit eh und seit je ausgeübt. Wenn ich sehe, mit welchen "Machtspielen" unsere Politiker in die Machtregionen vorstoßen, wie sie tricksen und austricksen, mobben und beiseite schieben, wie können die noch etwas von Friedenspolitik verstehen?
Bischöfin Käsmann sagte am Hl. Abend: "Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden". Nein, nicht Phantasie, sondern konkretes Lernen der Gerechtigkeit, Verlernen der Macht, wie Weber sie versteht. Es ist übrigens interessant, dass Max Webers Machtideen seit den späten siebziger Jahren, besonders in den achtziger Jahren in keinem Fortbildungsprogramm der seit dem "neuen Eliten" in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche fehlt und wir prompt als Deutschland in unsere ersten Kriege nach dem 2. Weltkrieg eintraten.
Hoffnungslos?
Nein! Ich sehe im „Internationalen Staatsgerichtshof“ in Den Haag einen riesigen Fortschritt in Richtung auf eine Friedenspolitik. Aber wer boykottiert ihn? Richtige Friedenspolitik müsste diesen Staatsgerichtshof zum obersten Strafgericht gegen Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Kriegstreiberei aller Staaten machen. Das wäre ein konkreter Schritt, dass jeder Politiker vor Gericht gestellt wird, der die Charta der Menschenrecht (UN) verletzt. Das wäre ein Meilenstein.
Das „Europäische Menschenrechtsgericht“ in Straßburg, auch das ist eine unglaublich wichtige Sache, die ja tief einschneiden kann auch in unser Recht. Aber welches Schattendasein fristen beide Gerichte? Und wer darf Klage führen, Anzeige erstatten vor ihnen?
Damit ist die Menschheit nicht vor Kriegen gerettet, Aber es sind Schritte in ein ganz neues Politikdenken, und diese Schritte sind konkret möglich. Warum ist das Recht auf Arbeit bei uns nicht verfassungsrechtlich geschützt? Auch das wäre ein solcher Schritt, in der DDR war bestand es als Grundrecht.
Förderung der Rüstungsindustrie in Produktion, Verkauf und Export ihrer Todesgüter durch unsere Regierungen, das gehört vor ein solches Gericht. Warum gelten da z.B. unsere Waffengesetze oder noch bessere da nicht? Auch das wäre ein Schritt in Richtung auf Friedenspolitik; einige kleine Ansätze des Exportverbots gibt es ja, aber viel zu wenige und bewusst lasch gehandhabte.
Warum sind unsere Kirchen nicht eindeutiger, klarer im Verbot der Gewalt des Krieges. Warum machen sie den Krieg nicht zum status confessionis, wie einige kleine Friedenskirchen das ja haben? Immerhin, Käsmann rief zum Rückzug aus Afghanistan auf.
Ich hätte mich gefreut, Barak Obama hätte den Friedensnobelpreis nicht angenommen bzw. gleich weitergegeben, z.B. an den "Internationalen Staatsgerichtshof" oder eine Frauenrechtsgruppe in Afghanistan
Nun Renate, ich wünsche Dir eine gutes und gesegnetes Neues Jahr. Ihr können dem Argument der scheinbaren Notwendigkeit des Kriegs gegen Deutschland entgegentreten. Er wurde notwendig weil man früher nichts Friedenschaffendes für Notwendig erachtete und weil Frieden leider immer noch bedeutet, "nur", dass die Kanonen schweigen. Das ist er aber nicht.
Ich grüße
Dein Konrad
Liebe Freunde der Gemeinde, liebe Gemeinde,
heute feierten wir das Erntedankfest in der Kirche. Bunt gemischt hatten sich Kinder, Eltern und Großeltern in der Kirche zum Gottesdienst mit dem Kindergarten versammelt. Meine Frau zählte „16 Schnuller“ und das war aus der Sicht von der Empore, wo man nur die Hälfte der Kirche einsehen kann. Der Platz vor dem Altar und der Altar selbst waren mit Nahrungsmitteln drapiert, die am folgenden Montag zur Lampertheimer Tafel gebracht werden
Der Gottesdienst begann, wie das nun einmal oft der Fall ist bei Erwachsenen, mit einem ernsten Thema. Die Geschichte eines vor Gott nörgelnden Bauern wurde verlesen, der gerne sich selber um das für die Landwirtschaft günstige Wetter kümmern möchte, der Regen und Sonne denn auch wohlproportioniert für das Wachstum organisiert, aber den Wind über all diese Arbeit vergisst, jenen Wind, der die Pflanzen befruchtet, der die Körner der Ähren erst möglich macht. Er sieht ein, dass er nicht alles kann und bittet Gott, er möge seine Zuständigkeit für das Wetter – sei es gut oder schlecht - wieder wahr nehmen. Mahnende Worte ur Klimakatastrophe folgten und Lieder zum Fest dieses Gottesdienstes wurden gesungen.
Dan kam die Predigt über die „Speisung der 5000“ wie sie Lukas für uns aufgeschrieben hat, die zeigte, dass, wenn wir die Ressourcen dieser Welt gerecht unter uns verteilen und gegen die Dominanz der Profitgier der gigantischen Lebensmittel- und Agrokonzerne zu Felde ziehen, für alle Menschen genug da ist zum Leben.
Da waren schließlich auch die Lieder der Gemeinde dieses Gottesdienstes. Ach ja, das Singen. Wem das Herz voll ist vor Dankbarkeit für alles was wir zur Nahrung haben, dem sollte doch eigentlich der Mund überfließen voller Jauchzen und Singen und Loben. Statt Liederklang aus voller Brust ertönen zu lassen, durchzog allerdimgs nur ein leises Säuseln den Kirchraum. Was nur hemmt die Menschen, diese Lieder zu singen?
Ist es Unglaube? Nein, das zu behaupten, maße ich mir gewiß nicht an. Gott allein sieht das Herz an und weiß was es denkt und fühlt, ich scheitere zu oft daran mit meiner menschlich begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit. Also: Unglaube ist das nicht.
Ist es Angst? Angst vor der eigenen Stimme? Nein, das glaube ich nun wiederum auch nicht. Von einer ganzen Reihe der Anwesenden weiß ich, dass sie ihre Stimme stark erheben können, dass sie lauthals lachen, ja, auch fröhlich singen können, an anderen Orten in anderen Zusammenhängen, in Chören.
Ist es mangelnde Kenntnis der Lieder? Nein, denn bei vier Strophen mit schlichten Kehrversen sollten Erwachsene und auch Kinder in der Lage sein, Einiges an Singen zu meistern.
Ist es mangelnde Erfahrung im Singen? Nein, denn ich gehe davon aus, dass nicht nur unter der Dusche, sondern auch im Kinderzimmer die Eltern mehr oder weniger zu singen wissen.
Ist es die fehlende Stimme? Nein, der liebe Gott hat die meisten von uns mit Stimmbändern und alle unter uns mit Atem versehen, die beide die einzigen Voraussetzungen zum Singen sind.
Was also ist es?
Im Gesang, so sagen mir Psychologen, offenbart der erwachsene Mensch ein Stückchen seines Kindheits-Ichs. Er zeigt ein Stückchen seiner Seele, offenbart eine Seite seines Ichs, die im zunehmendem Erwachsenwerden immer mehr verschüttet wird, bis das Erwachsenen-Ich so viele Kontrollmechanismen im Menschen entwickelt hat, dass das Kind in ihm zu verschwinden scheint.
Das Erwachsenen-Ich ist das rationale Ich, das nach Normen internalisierter, gesellschaftlicher Kontrollmechanismen funktioniert. Beim Gesang lassen wir uns ein Stück weit gehen, geben wir uns der Melodie, dem Klang hin, benutzen wir unseren eigenen Körper als Instrument, erfahren wir den Atem, das tiefe Luftholen, kommt etwas aus unseren Kehlen, das dann unkontrollierbar ist, wenn es einmal ertönt ist. Im Gesang erleben wir ein Stückchen jener Freiheit des Lebens, die wir durch unser Erwachsensein oft meinen, uns nicht mehr gönnen zu dürfen.
Da finde ich die erste Antwort auf meine Frage. Viele von uns leben in unseren eigenen Gefängnissen, Unfreiheiten, unser Erwachsenen-Ich hat so sehr die Kontrolle über uns gefunden, dass das befreiende, singende Jauchzen vor Freude oder auch das entsprechende Klagen in Trauer keinen Platz mehr in uns finden kann.
Jesus sagte einmal: „Werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“. Recht hat er! Denn die Kinder haben die Freiheit des Gesangs wenigstens so lange, bis wir sie ihnen abgewöhnt haben. Der Gesang ist eine Widerspiegelung eben dieses Himmelreichs auf Erden, das aus unserem befreiten Körper kommen möchte, aber nicht darf bei uns Erwachsenen.. Denn wer, wie ihm Singen, ein Stückchen seiner Seele offenbart, ist verletzbar, verwundbar. Wer möchte das schon sein? Wer kann sich das in der Leistungsgesellschaft schon wirklich leisten?
Der Gesang in der Kirche ist etwas anderes als der Gesang in Chören. Einige Eltern unseres Gottesdienstes singen in schönen Chören. Das macht ihnen Spaß und sie sind mit Begeisterung dabei. Aber das ist einstudiertes, organisiertes Singen. Damit können wir leben, das können wir machen, das entspricht ganz und gar unserem Erwachsenen-Ich. Der Gesang in der Kirche ist rudimentärer, elementarer. Da ist kein Dirigent auf saubere Töne und korrekte Rhythmen achtend, sie mahnend zu fordern. Der Gesang in Chören entspricht der Arbeit, die wir aus unserem Leben als Erwachsene kennen, da geht es auch um Leistung. Der Gesang in der Kirche kennt keine Leistungskriterien, da singen die Leute, wie ihnen „der Schnabel gewachsen ist“. Der eine brummt, ein anderer findet die richtigen Töne nicht, mancher hat einen eigenen Rhythmus, der nicht mit der Orgel und auch nicht mit dem des Nachbarn übereinstimmt, mancher könnte vielleicht auch ein Pavarotti werden. Im Gesang in der Kirche gestaltet jeder und jede ihr Singen nach eigener Fasson und innerer Verfassung Und gerade darin liegt die Freiheit: Kein Meister steht vor uns mit dem Rohrstock, das Richtige zu fordern. Anders und religiös gesagt: Im Gesang in der Kirche singt jeder und jede mit den Basisgaben der Schöpfung, dem eigenen Klang seiner Natur, wie er ihm gegeben ist.
Doch reicht mir dies noch nicht als Antwort auf die Frage, was es denn sein könnte, das unser Singen verklemmt. Da sind, im Gesang in der Kirche, die Texte unserer Lieder. Viele von ihnen sind alt. Die Bilder der Texte sprechen uns oft nicht mehr an. Lieder von Queens, Lieder aus Pop- und Rockmusik schon eher. Auch kommen vielen unter uns englische Texte leichter über die Lippen als deutsche. Ihre sprachliche Fremdheit bleibt uns emotional fremd und ist so leichter zu „verdauen“. Nein, nicht die intellektuelle Fähigkeit kritischer Textanalyse scheint hier gefragt zu sein. Vielmehr könnte es vielleicht sein, dass uns der religiöse Bezug zu den Texten verloren gegangen ist. Das können wir noch mit einer weiteren Vermutung überbieten: Uns ist der Bezug zu unserem religiösen Lebensdeutungen verloren gegangen, womit wir freilich auch wieder beim Thema unseres Erwachsenen-Ichs wären. Was wir in unserem Leben glauben, drücken wir anders aus als in den überlieferten oder auch den neuen modernen Worten der etablierten Religion. Vielleicht fällt uns deswegen das Singen englischer Texte leichter, weil es unverbindlicher bleibt in seinen Worten als wenn wir in unserer deutschen Alltagssprache religiöse Lieder singen.
Über alles rein musikalische Singen hinaus ist das Singen kirchlicher Lieder auch eine Einübung religiöser Sprache. Unsere im Alltag verwendeten Worte gewinnen im Kirchenlied eine neue, eine weitere, vielleicht gar eine tiefere Bedeutung, sie werden gewissermaßen „umfunktioniert“. Es wird unsere Alltagssprache im Kirchenlied zu einer neuen Sprache, zu einer Spracherweiterung über den Alltag hinaus in eine ganz neue Dimension des Denkens und Fühlens hinein.
Unsere Alltagssprache ist weithin durch unsere Arbeit und die verschiedenen Formen gesellschaftlichen Lebens geprägt. Sprachwissenschaftler haben gezeigt, dass wir heute in unserem Alltag mit einem Wortschatz von ca. 500 Worten auskommen, dass die Grammatik mit viel weniger Formen auskommt, als die deutsche Sprache sie eigentlich anbietet, Es dominieren Präsenz, Imperfekt, die einfache Zukunftsform wie auch der einfache Konjunktiv, der Imperativ. Wer kennte noch die verschiedenen Formen des Konjunktivs, gar des Plusquamperfekt, des erweiterten Futur? Da haben wir alle einstmals in der Schule gelernt, das wird aber im Alltag unseres Sprechens nicht gebraucht und also vergessen. Wie titulierte doch einst ein Buch dies: Auch die Satzstruktur hat sich im Alltag vereinfacht. „Der Dativ ist dem Genetiv sein Feind!“ Genauso haben wir das Kommunizieren mit Idiomen , also kit Sprachbildern weithin verlernt. Unser Sprache ist nüchtern, rational und im wahrsten Sinne des Wortes einfältig und weithin bildlos geworden. Sind deswegen Politikerreden so langweilig geworden?
Wir sind es inzwischen gewohnt, kurze, prägnante Sätze zu formulieren und auch unsere Lehrer hielten uns an, keine langen Sätze, die berüchtigten Schachtelsätze, zu schreiben. Das passt in unsere rationale Zeit. Dem steht nun aber die Sprachkultur der Kirchenlieder – und übrigens auch die der Bibel – radikal entgegen. Deswegen stehen wir mitunter wie der berühmte „Ochs’ vorm Berg“ und verstehen oft rein gar nichts von dem, was wir da singen könnten. Singe ich die Lieder mit den Konfirmanden im Konfirmandenunterricht, muss ich die Texte immer erst übersetzen, nein, nicht in die Jugendsprache, sondern ganz elementar ins allgemeine Deutsch, bis ihnen der Sinn der Lieder wenigstens einigermaßen plausibel und verständlich ist.
So wird das Singen in der Kirche zu einer Herausforderung unseres Praktizierens und unseres Verständnisses der eigenen Sprache in der wir leben, dem beiden der normale Lebensalltag und also unser „normales“ Sprechen in eben diesem Lebensalltag kaum noch entspricht. Auch das wirkt sich als Hemmschuh gegen unser Singen aus. Mit dem Glauben hat das alles gar nichts zu tun.
Viel eher sehe ich auch hier das Erwachsenen-Ich stark am Wirken. Denn es ist dieses Erwachsenen-Ich, das unsere Kommunikation weithin bestimmt; das muss sich im Lebens- und Arbeitsalltag bewähren und behaupten und benutzt dazu auch die Sprache, die zwischen uns „funktioniert“.
Nur unser Liebesleben scheint hiervon ausgenommen – da erlauben wir dem Kindheits-Ich freie Bahn. Aber sobald es zum Liebeslied kommt, haben die billigen Liebesschlager längst viele unsere Sprachmöglichkeiten besetzt, oder wir helfen uns mit dem Englischen, falls wir dessen mächtig sind und genügend englischsprachige Liebeslieder kennen. In der Liebe spricht Herz zu Herz, Seele zu Seele. Deswegen werde wir in der Liebe auch so leicht verletzbar, denn das Kindheits-Ich, das hier jubeln möchte voller Liebe und Glücksgefühlen, offenbart sich damit ungeschützt und ungesichert mit der Wahrheit und dem Bekenntnis unserer Seele zum anderen. Unsere Seele möchte sich dem oder der Geliebten hingeben, möchte den „Mond vom Himmel“ holen, deutet die „Sterne in all ihrer Schönheit“, lechzt nach den schönsten Bildern unserer Gefühle.
Zum Glück haben wir die Liebe noch. Sie rettet uns vor der vollkommenen, unserer so sehr vom bloßen Funktionieren dominierten Verödung unserer Sprache, unseres Sprechens und vielleicht auch, trotz aller billigen Liebesschlager, unseres Singens. Von allen Erfahrungen unseres Lebens und unserer Lebensgefühle kommt die Sprache der Liebe dem Sprechen und Singen des Glaubens am nächsten.
Sind wir zu lieben in der Lage – können wir uns auch auf die Lieder des Glaubens einlassen, denn sie sind Liebesbekundungen zu Gott.
Doch mit der Liebesbekundung zu Gott haben wir unsere Schwierigkeiten. Zu sehr ist uns die Erfahrung Gottes in unserem Alltag abhanden gekommen. Unserem Erwachsenen-Ich ist er zu einer bloßen kulturellen, zivilisatorischen Kategorie verkümmert, die wir vielleicht noch mit unseren kleinen Kindern praktizieren können, nicht mehr aber unter uns als Erwachsenen. Deswegen nehmen es uns unsere Kinder auch langfristig nicht mehr ab, dass wir von Gott reden, wenn wir ihnen von ihm erzählen. Das schöne religiöse Volksliedchen „Weißt du wie viel Sternlein stehen“. „Gott hat sie gezählet …“ ist nicht mehr, was wir wirklich glauben.. Das Gebet „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ ist unserem eigenen Erwachsenen-Herzen so fremd als würden wir es auf Chinesisch sprechen. Unser Erwachsenen-Ich steht dem entgegen. Das merken die Kinder, die uns ja so klarsichtig durchschauen, ob wir wirklich meinen was wir sagen.
Im Singen unserer religiösen Lieder können wir also Sprachformen entdecken, die unser religiöses Für-die-Kinder-Reden, wie unser Reden als Erwachsenen wieder wahr und wahrhaftig werden lassen können. Die Musik unserer Kirchenlieder ist ein Schlüssel zu einer neuen, einer ehrlichen, den in uns wohnenden Gefühlen Raum und Zeit erlaubenden Sprache und Kommunikation. Im Klang unserer singenden Stimme, wie brummend sie auch sein mag, geben wir uns der Erfahrung von uns selber hin, die der Schönheit der Kindheitserfahrung entspricht, die wir im Werdegang des Erwachsenwerdens verloren haben. Jeder und Jede, die Atem hat und Stimmbänder, kann singen. „Nackt und bloß“ unter der Dusche und in der Liebe beweisen wir es. Warum nicht auch in unseren Gottesdiensten, als Lied und Gesang von und aus vollem Herzen gesungen?
Deswegen ermutige ich zum Singen in der Gemeinde, deswegen ermutige ich die Gemeinde zum Singen, weil wir im Singen in der Kirche etwas lernen und erfahren können über eine Dimension unseres Lebens, für die wir sonst keine Zeit haben, die wir sonst in unserem Leben als unwichtig erachten, die wir in die intimsten Bereiche unseres Lebens oder in das Kinderleben unserer Kinder verdrängt haben, statt das Singen offenherzig und öffentlich miteinander zu teilen. Das Singen in der Kirche hat mit der Liebe zum Leben zu tun und das sollten wir offen und öffentlich bekennen und besingen können, denn wir haben sie, diese Liebe zum Leben in uns, dank Gott.
Pfarrer Konrad Knolle
Okt. 2009
Zum Tod von Michael Jackson
Michael Jackson ist tot. Diese Nachricht wirbelte um den Globus Die Medien überbieten sich gegenseitig mit Schlagzeilen, kein Begriff reicht aus, diesen Menschen zu beschreiben – und die meisten messen ihn, den „Mega-Star“ am Umsatz seiner Platten. Darin ist er ganz offensichtlich der größte Musiker aller Zeiten“, wie eine Zeitung schrieb. Kein Bach’sches „Jauchzet frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium oder auch keine seiner Passionsmusiken, keine Neunte von Beethoven inklusive ihrer „Ode an die Freude“, keine Zwölftonleitern Schönbergs und seiner „Wiener Moderne“, auch kein Duke Ellington, kein „Satchmo“ Louis Armstrong, auch keine Ella Fitzgerald – keiner von ihnen kann da mithalten. Und doch, dass dem so zu sein scheint, ist wohl der Grund seines Todes.
Ich erinnere mich an ihn als er noch ein kleines Kind war. Ich war in den USA. Zu Hause hatte ich die Größen der „klassischen“ Musik kennen und spielen gelernt. Es gab nur diese Welt, eine wunderbare, eine schöne, eine hochintelligente Welt, Aber auch eine Welt des europäischen Bürgertums, des Bildungsbürgertums, die, gewiß nicht zu Unrecht, eine universelle Bedeutung für sich gelten machen kann. Hier in den USA lernte ich eine andere Musik kennen, und es waren die „Jackson Five“ mit Michael als dem Jüngsten unter ihnen und mit diesen auch Sängerinnen wie Nina Simone und Dionne Warwick, die mir diese Musik erschlossen. Es war die Musik und Kultur des Schwarzen Amerika, die ich kennen lernte, die mir die Tür aufschloss zu dem großen Feld der so genannten Unterhaltungsmusik, von der ich bald lernte, dass das Etikett „Unterhaltung“ schlichtweg nicht stimmte. Der unvergessene Leonard Bernstein hatte einmal gesagt, „Es gibt keine ernste Musik und keine Unterhaltungsmusik, das ist Blödsinn, es gibt nur gute und schlechte Musik. Basta!“ Und die Musik der „Jackson Five“ gehörte zu jenen, die Bernstein mir als „gute Musik“ deutete. Ich hätte es wohl auch ohne Bernstein kapiert, erfahren, gespürt, dass hier „gute Musik“ war, denn ihr Klang, ihre Rhythmen, ihre Melodieführungen, ihre Harmonien, die Verbindung von Musikästhetik und der Ästhetik ihrer Performance, zunächst noch ausschließlich auf der Bühne, bald dann aber erweitert zum Video, auch ihre Texte, das alles erschloss sich mir mit jenen afroamerikanischen Sängern und Sängerinnen. Sie, allen voran eben die „Jackson Five“, erschlossen mir eine neue Musikwelt, die ich selber zwar musikalisch nicht gestalten konnte, die mich dennoch aber mitriss, die mich ansprach, die meine Seele, und letztlich geht es bei aller „guten Musik“ immer um die Seele, in Erregung versetzte.
Michael Jackson war schon in der Gruppe seiner Geschwister als Kleinster unter ihnen herausragend. Ich erinnere mich an die ersten Schritte seiner eigenen solistischen Auftritte, so manchen auch mit Dionne Warwick, die damals selber, seit ihrem ersten großen Konzert in Paris (1963, gemeinsam mit Marlene Dietrich) bereits zu den Großen der Musik gehörte. Dass hinter den „Jackson Five“ ein autoritärer Vater stand, ein Vater, der seine Kinder bereit war, in der Musikwelt zu Markte zu prügeln, war uns damals nicht offensichtlich. Wir sehen das heute, auch angesichts des tragischen Lebens und Sterbens von Michael Jackson äußerst kritisch und werden dabei sogleich auch an Mozart und seinen Vater erinnert.
Viel wird in diesen Tagen über das Gesamtwerk des Künstlers Michael Jackson geschrieben. Die Fan-Gemeinde trauert. Die Plattenindustrie erhält Millionenaufträge „in memoriam“. Aber gestorben ist ein Mensch, ein zerklüfteter, zerrissener Mensch, Michael, der, wie manch anderer, Star und Opfer zugleich war. Die Unterhaltungsindustrie lässt huldvoll aufsteigen wer ihr nützt und gnadenlos abstürzen, wer ihr nutzlos geworden. Der unvergessenen Billy Holiday erging es mit einer Überdosis Cocain so, Marilyn Monroe stürzte über ihre innere Verzweiflung, Elvis Presley starb auf der Suche nach Erfüllung, ein Junkie, Nina Simone, verbittert endete sie am Alkohol so viele andere wurden ausgesaugt und dann zermalmt von der Unterhaltungsindustrie, konsumiert von den Massen.
Der kleine, afroamerikanische Junge mit der „Afro-Frisur“, wie damals unter vielen Afroamerikanern üblich, durchlief die Ängste und Hoffnungen von Millionen von Schwarzen Amerikanern der sechziger und frühen siebziger Jahre. Und es werden solche Ängste und Hoffnungen auch seines Vaters gewesen sein, die diesen dazu trieben, seine Kinder in die steile Musikkarriere zu prügeln. „Wenn Du je heraus willst aus Ghetto und Slum, musste du auf die Bühne…“ Die Schwarze Kirche war da nur der Vorhof zu diesem ersehnten „Paradies“, die Bühne. Denn die Bühne war nahezu der einzige Bereich, in dem Schwarze Amerikaner ihre Kultur, sich selber frei gestalten konnten. Das war seit nahezu 100 Jahren so und damals eben nicht anders. Die Ängste der sozialen und wirtschaftlichen Fesseln der rassistischen Gesellschaft und die Hoffnung, nicht von diesen besiegt zu werden, sie zu überwinden, dieses Gemisch war eine der stärksten Triebfedern für afroamerikanische Künstler, die wie Magnete beides nicht nur in sich vereinigten, sondern in der Gestaltung ihrer Musik durch Text und Musik auch Millionen von Afroamerikaner an die Möglichkeit aller Sehnsucht, die Überwindung solcher Fesseln „banden“. Ihre Texte sprachen von Gerechtigkeit, vom Ringen um Gleichheit der Menschen, stimulierten die „Kids“ nicht zu akzeptieren, was sie rassistisch in den gesellschaftlichen Strukturen unterdrückte, Sie besangen eine Welt, die den obersten Wert der Gleichheit aller Menschen respektierte und förderte, ihre Bühnen-, später auch ihre musikalischen Video-Inszenierungen zauberten eine ästhetische Traumwelt, manchmal auch eine „Alb-Traum-Welt“, die die Kunst so oft als ihren inneren Spannungsbogen beinhaltet, weil er Spannungsbogen des Menschlichen, Spannungsbogen des Ego ist. Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ oder dessen Operette „Le Roi Carotte“, vor allem aber auch viele der Werke Richard Wagners leben von solchem aus dem Widerspruch zwischen Traum und Albtraum heraus gestalteten Spannungsbogen. Letztlich lässt sich auch das Werk Schönbergs und Weberns nur aus diesem Spannungsbogen heraus in seiner ganzen Tiefe richtig verstehen.
Ich hatte anfänglich, noch versehen mit dem so vorurteilsbehafteten wie einseitigen Wissen meiner bildungsbürgerlichen Kulturwelten und philosophisch trainiert durch Adornos „Kritik der Warenästhetik“ den Verdacht, dass die Musik von Musikern des Schlages eines Michael Jackson lediglich Banalitäten in glitzernde Verpackungen stecken, um sie zu Markte zu tragen, dass eben nicht inhaltlich „drinnen“ sei, was „aussen“ mit der Verpackung vermarktet würde. Ich gestehe, Michael Jackson und so manche seiner musikalischen Star-Zeitgenossen belehrten mich eines besseren Wissens. So war mir in dieser afroamerikanischen Musik nicht nur die Seele angesprochen – die zu erst! – sondern auch der Verstand.
So also machte auch Michael Jackson sich auf den Weg. Es waren nicht nur die Prügel des Vaters, es war auch und vor allem seine eigene künstlerische Genialität, die ihn vorantrieb, wie ich gerne glauben möchte, ja, wie er selber durchaus bewies.
Eine der schlimmsten Konsequenzen des Rassismus ist die Installation des Selbsthasses in seinen Opfern. Ich glaube nun, dass Michael Jackson letztendlich dann doch auch Opfer dieses vom Rassismus geschaffenen Selbsthasses wurde. Das Gegenteil zu solchem Selbsthass ist nicht die egozentrische Selbstliebe. Alles Ego wird durch den manischen Selbsthass besetzt. Er lässt Raum nur zu Asylräumen, in denen das Ego Hingabe üben kann, ohne verletzt zu werden. Manche sagen, Michael Jackson sei genauso manisch darin gewesen, habe aus dieser Manie heraus Kinderwelten errichtet, für sich selber und für andere, in seiner Musik, auf der Bühne, genauso auch in seinem Traumland-Paradies in California.
Zum Vorwurf der Pädophilie geriet ihm dieses Gestalten des selbsthassfreien Asylraums. In den USA ist man schnell bei der Sache, wenn es irgendwo nach Pädophilie riecht. Es ist zu vermuten, die Richtersprüche seiner Unschuld mögen es bewiesen haben, dass Michael Jackson strafrechtlich und wohl auch sachlich solchen Vorwürfen zu Unrecht ausgesetzt war. Seine Sehnsucht war die Kinderwelt, jene, die er selber als Kind nicht leben durfte. Dort wollte er seinen Asylraum finden. In der Kindheit, sagt der französische Psychologe und Philosoph Piaget ist der Selbsthaß des Ego noch nicht gewachsen, stehen die Bereiche von Ängsten und Hoffnungen (Erwartungen) noch offen beieinander. Die gesellschaftliche Entwicklung des Ego erst lässt daraus den Selbsthaß erwachsen, weil beide, ständig um Versöhnung ringend angereichert werden durch die Angst des Versagens, eben diese Versöhnung nicht bewerkstelligen zu können. Hier taucht der prügelnde Vater wieder auf. Hier taucht aber, hinter diesem Vaterbild, vor allem die Gesellschaft und ihr Rassismus auf, denn der Rassismus lässt die Ängste sich verselbständigen, macht sie zur dominanten Grundstruktur des Ego seiner Opfer, wandelt Ängste in Furcht und Schrecken, wendet die Ängste überdimensional und unversöhnlich gegen die Hoffnungen. Die „Alten“ der afroamerikanischen Gesellschaft fanden die Versöhnung von Ängsten und Hoffnungen in ihren Kirchen, sie waren der gesellschaftliche Asylraum, in denen die Verwundungen geheilt werden konnten, in denen Freiheit und Gleichheit ihre reale Bedeutung im Leben entfalten konnten. Michael Jackson wuchs in diesem Kontext einer afroamerikanischen Gemeinde auf. Sie war die erste Bühne der „Jackson Five“, wie die vieler anderer bedeutenden afroamerikanischen Musiker und Musikerinnen ebenfalls. Die Zwänge der Musikindustrie rissen ihn biographisch da heraus – er begann, sich seinen eigenen Asylraum selber zu schaffen – und der war eben nicht die Bühne, von der viele afroamerikanischen Künstler glaubten, er gäbe ihnen diesen Freiraum der Gestaltung ihres Ego, denn diese Bühne war längst schon erobert und besetzt durch die Magnate der Kulturindustrie. Die Künstler der Plattenfirma Mowtown mussten dies schmerzhaft erfahren, als Mowtown, einst wichtigster Asylraum Schwarzer Musiker und Musikerinnen, nach seiner Übernahme durch einen großen niederländisch-globalen Unterhaltungskonzern in die Fänge des Kapitals der Unterhaltungsindustrie geriet.
Für Michael Jackson bedeutete der Selbsthaß die Zerschlagung seiner eigenen äußeren Form von innen heraus. Wie seit zweihundert Jahren Schwarze es schon immer versuchten, so versuchte auch er es, die „Weißwaschung“ seiner äußeren Form. Er begann sein äußeres Gesicht umzugestalten, passte es in einer Kette von plastischen Operationen immer mehr den Bedürfnissen des Marktes an. Sein Gesicht wurde ein unverwechselbares Unikat, immer „weisser“, bis es zur bloßen Maske geriet, die ihn in den letzten Jahren einholte. Erschreckend die Portraits der jüngsten Vergangenheit. Er versteckte diese gebleichte Maske hinter weiteren Masken, Tüchern, Sonnenbrillen. Er scheint gewusst zu haben, dass die äußere Maske dem inneren Ego heftogst widersprach. Er produzierte immer größere „Mimikries“, sich dennoch als Mensch zu zeigen, provozierte die Öffentlichkeit, wie in Berlin, als er – der große Kindertraumfreund - sein Baby hoch über der Strasse aus dem Fenster hielt, und es war doch, damals in Berlin, wohl eher ein Aufschrei: „Seht hin, schreit um das Leben dieses Menschen – das bin ich selber über dem Abgrund; schreit um mein Leben über dem Abgrund!“
Doch seine eigenen Schreie, immer wieder in seiner Musik deutlich geworden, hörte niemand, längst war er zu einer Ikone geworden und Ikonen ist nun einmal eigen, dass sie das Menschliche ihrer eigenen Darstellung nicht äußern, im wahrsten Sinne des Wortes äußern dürfen. Das Menschenbild der Ikone, es ist dem Größeren gänzlich unterworfen. Ikonen zeichnen ein Idealbild des Menschen losgelöst von allen menschlichen Sehnsüchten und Trieben, und damit sind sie im wahrsten Sinne des Wortes „un-menschlich“, Menschenbild ohne Ego. Sind solche Ikonen aber reale, lebendige, menschliche Wesen, so ist dies im ganz normalen, im umgangssprachlichen Sinne des Wortes nur noch unmenschlich.
Solche Ikonen dürfen nicht leiden, dürfen keine Schmerzen zeigen, Tränen der Wut oder auch solche des Leidens sind ihnen abträglich, solche Ikonen sind „höheren Werten“ verschrieben. Was das für „höhere Werte“ sind, hat gewiß nichts zu tun mit den Ikonen orthodoxer Frömmigkeit, sondern ist sehr weltlich der „höhere Mehrwert“ der erzielt werden kann, für den der Künstler „gutes Geld“ kriegt, den Unterhaltungskonzernen aber noch ein Vielfaches mehr gewinnen. Solche Ikonen dürfen nicht sterben.
Wie Elvis Presley im Tod zum Halbgott aufstieg und sein Tod heute nahezu mystisch verklärt ist (dabei starb er elend als Junkie und Alkoholiker!), so wird auch Michael Jacksons Tod verklärt werden, denn noch in ihrem Tod sind solche Ikonen vor allem ihres Geldes wert.
Bei allem was jetzt und in der Nachzeit über ihn geschrieben werden wird, wird das eine wohl weithin vergessen bleiben: Michael Jackson war ein Schwarzer Amerikaner, der aus dem Spannungsbogen seiner ganz normalen menschlichen Ängste und Hoffnungen, wie er wohl zum Leben alle Menschen gehören mag heraus, aber auch aus jenem ganz und gar nicht normalen, sondern unter unmenschlichem inneren Druck einer nach wie vor weithin rassistisch geprägten Gesellschaft seine schöpferische Kraft zog. Michael Jackson, ein künstlerisches Genie, zerbrochen als Mensch.
Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Glieder und Freunde der Gemeinde,
schöne Konzerte hatten wir in den letzten Monaten in unserer Kirche. Mit unseren Musiken wollen wir jene ansprechen, die in der Musik Freude und Trost, innere Bewegung und ein Stückchen exaltierten Sichgehenlassens erfahren wollen.
Musik spricht beide, die Seele und den Verstand an und erschließt die Erkenntnis, dass die Erfahrung von Schönheit eine Erfahrung der Unendlichkeit ist. Denn, kaum physikalisch erklungen, verfliegt jeder Ton und jeder Rhythmus sofort in jene Region menschlichen Lebens, in dem sich Materielles und Immaterielles miteinander verbinden, Gehören sie beide also zu buchstäblich Erinnertem, Verinnerlichtem, das wir zwar begreifen und genießen, in der Seele aufnehmen können, nicht aber ergreifen und festhalten können. Selbst das sichtbar zu Papier gebrachte Notenbild ist nichts Vollständiges. Das ist es erst durch sein Erklingen, wenn aus Noten Töne werden.
Musik wird von Menschen gemacht. Menschen schreiben die Musik, weil sie Vorstellungen davon haben, was sie mit Klängen und Rhythmen ausdrücken wollen, weil sie also Unsichtbares, Erlebtes hörbar, erfahrbar machen wollen. Beethovens Sinfonie, die Pastorale z.B. beschreibt zwar ländliche Idyllen, menschlich Erlebtes der Natur, aber es geht doch weit über das hinaus, was materiell an Landschaften und Menschen in diesen Landschaften ihm vor Augen lag. Es gab einmal zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine Bewegung; die nannte sich „musique concréte“. Die Komponisten wollten realistisch, als „konkret“ darstellen, was vor ihrem Auge und Ohr physisch bestand: Fließbänder, Industrieanlagengeräusche, Hämmerschläge etc. Selbst diese Komponisten jedoch kapitulierten vor dem viel umfassenderen Eigenanspruch der Musik, die, kaum brachten sie ihre Werke zur Aufführung, die unterschiedlichsten, gar einander widersprechenden Interpretationen ermöglichte.
Musik ist der Klang der Seele. Deswegen ist uns Musik in unserer Gemeinde so wichtig. Sie erregt die Seele, sie spricht zur Seele, sie spricht aus der Seele, sie bringt die Seele zum Sprechen. Im Schrei aus „tiefer Not“ oder im Jubel, „dass die Welt es hören kann“. Von Miriam, Moses Schwester, am Ufer des Roten Meeres nach erfolgreicher Flucht aus Ägypten die Jubel-Pauke schlägt, oder Moses Dank- und Befreiungslied, von Davids Trostgesängen vor Saul über die Psalmen und den Gesang der Männer im Feuerofen Nebukadnezars bis hin zum Magnifikat Miriam, der Mutter Jesu und dem Lobgesang des Zacharias, von Bach bis zu Queens: Musik ist immer der Klang der Seele“. Dazu sind Sie eingeladen zu unseren Konzerten.
Am 25. April besuchte uns die Hessische Kantorei unter der Leitung von Dr. Christa Reich mit einem beeindruckenden geistlichen Konzert. Von Ostern führte uns der Chor in Chorälen und Motetten alter und neuer Meister bis nach Pfingsten. Der Chor überzeugte mit einem vollen und stimmlich schön ausgewogenen Auftritt.
Die Choräle zeichneten in ihrer kompositorischen und dann natürlich vor allem klanglichen Schlichtheit die Durchsichtigkeit christlichen Glaubens, in dem es keine frommen religiös in Mythen gestalteten Geheimnisse, wohl aber das Geheimnis des Mensch gewordenen Gottessohns gibt, das sich im Leben der Menschen in der realen Welt des Lebens entfaltet, jeder dogmatischen Verklausulierung entzieht, weil, wie die Choräle zeigen Glauben die Lebensform der Nachfolge im Weltlichen unseres Lebens ist. Es geht diesem Leben um die für Christen in Jesus Christus begründete Hoffnung und Freude im Alltag, um Lebensperspektiven, die die Momente jetziger Lebenszeit überschreiten, es geht um Trost und Lebensmut. In den Chorälen aus dem frühen und späten Barock wird dies deutlich. Seit der Reformation sind die Choräle der Gesang der Gemeinde, und protestantische Christen sind singende Menschen, bei denen man sich, wie ein Sprichwort sagt, getrost niederlassen kann, denn es besteht und strahlt aus ihnen heraus, das böse Menschen keine solche Lieder singen und meinen, das heißt hinter den Aussagen dieser Lieder stehen, was sie singen.
Musikalische Höhepunkte waren die beiden Motteten der „Großmeister“ der evangelischen Kirchenmusik, Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach. Mit der Motette „Lobet den Herren alle Heiden“ von Bach jubelte uns der Chor sein Gotteslob zu. In den rasanten Läufen und großartigen fugalen Teilen dieses fünfstimmigen Werkes zeigte die Hessische Kantorei ihr virtuoses Können. Mit der Schützmotette des 101. Psalms „Von Gnade und Recht will ich euch singen“, bewies der Chor, dass er nicht nur über große Virtuosität verfügt. Vielmehr bedarf diese Motette einer intensiven theologischen Interpretation der Worte dieses Psalms, um die nebeneinander verlaufenden und sich immer wieder miteinander verschränkenden textlichen und musikalischen Linien gesanglich angemessen zu deuten. Schütz greift in dieser volumnösen, teilweise achtstimmigen Chorkomposition Elemente aus der Renaissance auf und deutet sie in seine Zeit, die Zeit des beginnenden Barock um, wobei er sich in seinen Harmonien und Stimmführungen deutlich schon bis in die frühe Romantik 19. Jahrhundert vorwagt. Der Chor meisterte dies Werk bravurös, auch wenn die Männerstimmen nicht immer überzeugend ihren Part darin spielten. Hier hätte man sich ein etwas robusteres Singen der Männer gewünscht.
Dennoch war es für die etwa achtzig Zuhörer dieses Konzertes ein Genuß, diesen Abend in unserer Kirche verbracht zu haben.
Am 10. Mai feierte die „Dirk-Schönberger-Musikschule Groß-Rohrheim / Ried“ , die auch von der evangelischen Kirchengemeinde getragen wird mit der Rockmesse von Dirk Schönberger, dem vor 10 Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Kantor in Lampertheim und Peter Schnur ihre Eröffnung. Peter Schnur leitete diese Aufführung für Sologesang und Rockband. Peter Schnur, freischaffender Musiker und Dozent an der Musikhochschule in Mannheim zeigte einmal mehr sein überschäumendes Talent als Rockmusiker.
Die Messe gliedert sich in die Teile der traditionellen evangelischen Messe, deren kompositorisches unübertroffenes Vorbild in der grandiosen H-moll Messe von Johann Sebastian Bach zu finden ist. Die beiden Komponisten benutzen für ihre Komposition Psalmtöne (Kirchengesänge des Mittelalters) sowie Anklänge an Bachs H-moll Messe und deuteten beides mit den Stilelementen des Rock aus. Die Solistin, Claudia Hechler (Sopran, Oper Mannheim) verstand es, diesen verschiedenen Klangebenen hervorragend gerecht zu werden. Beeindruckend war das still, ja fast sanft gehaltene Agnus Die. In dessen Zentrum ein als rhythmisch prononcierter Sprechgesang gestaltetes, musikalisches Element stand, in dem der Opfercharakter des Kreuzestodes Christi sich schließlich auflöste in dem jauchzenden „Resurrexit“ als Auferstehungsgesang. Die feingliedrigen Rocklinien und –rhythmen des „Dona nobis pacem“ (Schenke uns Frieden) wurden von der Band und der Solistin mit einer Klarheit gestaltet, die deutlich machte, dass hier eine Gruppe hochkarätiger Musiker und Musikerinnen am Werk war.
Die 2 Stunden dieses Stückes waren ein besonderes musikalisches und geistliches Erlebnis für die ca. 70 Zuhörer, die sich an diesem Abend zum Konzert in der Kirche eingefunden hatten.
Am 6. Juni gastierte der Popchor „Canta con me“ aus Mörlenbach mit einem weltlichen Konzert mit Stücken populärer Musik aus Rock, Pop und Filmmusiken in unserer Kirche. Tina Turner, Elton John, zum Abschluß Queen und viele andere Große der Musik waren von dem Leiter dieses Chores, Peter Schnur, der am Keyboard den Chor begleitete in eigenen Arrangements bearbeitet worden. Die Bandbreite der vorgestellten Stücke in ihrer stilistischen Vielfalt war überraschend.
Nicht immer konnte der Chor seine insgesamt hohe klangliche Qualität aufrechterhalten. Einige Stimmführungen fielen leider nicht mit der sonst für den Chor üblichen Brillinaz aus, was besonders dem einen oder anderen solistischen Gesang leider nicht so gut bekommen konnte. Dennoch bleibt als Gesamteindruck dieses Konzertes der Eindruck eines qualitativ hochstehenden Auftritts dem Zuhörer erhalten.
Als groß angelegte Bühnenproduktion in Mörlenbach bereits im Frühjahr mit großem Publikumsapplaus zur Aufführung gebracht, hörte das Publikum an diesem Abend die für die konzertante Aufführung bearbeitete Version, die deutlich machte, dass dieser Chor auch ohne Bühnenzauber sich ganz auf die Musik zu konzentrieren versteht und diese mit großem Engagement und hoher Qualität auch unter den eingeschränkten Möglichkeiten einer Kirche als Aufführungsort vorstellen kann. Das zweistündige Konzert riß die ca. 100 Zuhörer in der Kirche mit, die dem Chor mit tösendem Beifall für diesen schönen Abend dankten.
Vorschau der Konzerte in der Evangelischen Kirche zu Groß-Rohrheim
16. August, 18:00 Uhr Jazz im Pfarrgarten mit dem Peter-Schnur-Trio
26. September 19:00 Uhr Lampertheimer Frauenchor
Liebe Gemeinde, liebe Freunde der Gemeinde
Neulich erhielt ich einen Brief. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht öffnen. Der Absender versprach nichts Gutes. Er repräsentierte „etwas“ und Menschen, die viel Böses in meinem Leben angerichtet hatten, Böses, das nicht nach meinem Empfinden allein Böses war. Es ging um das von vielen gefürchtete und von manchen erlebte Mobbing. Viele Freunde und ach einige Rechtsberater, Spezialisten in Fällen von Mobbing, hatten mir geraten Klage zu führen gegen jene. Ich wollte „aus dieser Ecke“ nichts mehr hören oder lesen. Ich hatte meinerseits meinen inneren Frieden mit ihnen gemacht. So ist es eben, wenn die Starken sich durchsetzen gegen Recht und Gerechtigkeit, ich hatte damals keine Klage eingereicht, weil mir mein Anwalt – ein gläubiger Jude, geraten hatte, davon Abstand zu nehmen: „Denken Sie daran, wozu Sie berufen sind!“ hatte er mir gesagt, „Sie sollen das Evangelium verkünden, das ist mehr als alles andere, verschwenden Sie ihre Zeit nicht mit Juristereien, selbst wenn, was bestimmt der Fall sein wird, Erfolg damit haben werden. Das Evangelium macht Sie frei, weltlich Gerechtigkeit zu suchen, wo doch as Richten allein Gottes Sache ist. “ Dieser Anwalt war mein „Schutzengel“ in jenen Tagen, der mir klar machte, warum und wofür ich Pfarrer bin; er wies mir den „rechten Weg“.
Nun also hatte ich diesen Brief vor mir. Alte Mobbing bedingte Emotionen kamen auf. Sollte ich einfach ungelesen wegwerfen? Ich machte ihn auf. Es war ein kurzer Brief:
„Sehr geehrter Pfarrer Knolle, ich habe die Unterlagen aus jener Zeit gerade erst jetzt gelesen. Ich möchte mich an dieser Stelle und mit diesem Brief bei Ihnen für die Unbill, die Sie erfahren haben entschuldigen. Ich selber bin erst seit einigen Monaten in dieser Stelle und also noch ganz neu mit den Vorgängen auch von damals befasst. Es tut mir leid, darin lesen zu müssen, was Ihnen geschehen ist. Bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung, die ich Ihnen gegenüber hier stellvertretend für jene äußere, die damals Schuld auf sich geladen haben.“
Ich war froh, diesen Brief nicht ungelesen in den Papierkorb geworfen zu haben. Dieser Brief, lange nach den Ereignissen und von einem darin vollkommen unbeteiligten Menschen geschrieben, hat mich zu tiefst berührt. Für mich war dies eines jener Geschehnisse, die mir zeigen: „Wunder sind möglich!“ – Und sie sind Gottes Korrekturen der Welt. Hätte der Autor des Briefes diesen auch geschrieben, wenn ich eine aufwendige Klage in einem Gerichtsverfahren voraussichtlich positiv und mit einer geldlichen Abfindung als Resultat geführt hätte? Ich glaube nicht, denn dann wäre dies Geschehen in der Sache „abgeschlossen“ gewesen, vorbei, ad acta gelegt.
Mein aus dem jüdischen Glauben heraus lebender „Schutzengel“ hatte das richtig gesehen, mir den richtigen Weg gezeigt: „Halte ‚den Fall’ offen“, hatte er mir gesagt, „gib dem Wunder der Versöhnung eine Chance, gib Gott eine Chance, sich zu entfalten“. Neulich, als ich diesen Brief las, war ich froh, seinem Rat gefolgt zu sein.
Mehrere tausend Euro an Entschädigung sind mir wahrscheinlich entgangen – und doch erhielt ich unbezahlbar viel mehr als diese. Ein Mensch hatte gesehen, dass Unmenschliches passiert war, und dieser Mensch, in öffentlicher Verantwortung stehend, übernahm dafür, um Vergebung bittend, stellvertretend für die Täter die Verantwortung.
So können wir handeln. Wie oft erlebe ich auch hier in Groß-Rohrheim, dass Menschen unversöhnlich zueinander sind. Alte Konflikte, manchmal unter den Teppich gekehrt, sind doch unterschwellig immer noch furchtbar präsent. Das befreiende Wort der Bitte um Entschuldigung wurde nie gesagt. Groll bleibt im Herzen. Es scheint eine Eigenschaft des Grolls nach geschehenem Bösen zu sein, dass er fortgesetzt an der Seele nagt, das geschehene Böse, der vorhandene dieser Groll.
Wollen wir mit diesem Groll auf ewig menschlichen Lebens leben? Wollen wir mit dem Bösen zwischen uns für alle Zeiten leben? Als ich neulich eine Trauerfeier in einer Familie aus Siebenbürgen zu halten hatte, da sagten mir die trauernden Angehörigen, dass, nach siebenbürgischer Tradition, zur Trauerfeier die Bitte um Vergebung für die Erfahrung möglicher Unbill durch den Verstorbenen gehöre. Spätestens da, im Angesicht der Ewigkeit solle nicht Böses und Unversöhntes mehr zwischen uns stehen.
Müssen wir warten, bis der Tod uns fordert? Wie schön könnte das Leben sein und wie befreit, wenn wir schon mitten im Leben, also heute, das Wort der Versöhnung wirken lassen können? Versöhnendes Wort, es tilgt Schuld. Es fragt nicht mehr nach der Schuld. Es fragt vielmehr danach und beantwortet die Frage zugleich positiv, dass gemeinsames und versöhntes Leben möglich ist.
Für mich ist dies nur eines der Wunder, die durch Gott in unserem Leben möglich sind, wenn wir ihnen eine Chance geben und handeln wie Gott es will. Menschliches Recht kann, dies ist eine Weisheit der Juristerei, keine Versöhnung schaffen. Die Gerechtigkeit menschlichen Rechts ist immer ausgewogen, sie schafft durch die Autorität des Richters gesellschaftlichen Frieden. Der Menschen Frieden aber ist eigentlich immer unser innerer Frieden, Frieden als eine Sache der Seele, des Friedens der Seele, der mehr ist, als jeder richterliche Rechtsspruch und sei er noch so sehr zu unseren Gunsten uns geben kann.
Viel zu oft ignorieren wir, dass uns im Streit die Seele verletzt wird, über alle sachlich-rechtlichen Belange hinaus. Die Erregung, die wir erfahren im Streit ist ja immer eine Erregung der Seele, die nach Gerechtigkeit dürstet. Jesus will unser Leben nach der Seele erfassen und will unser Leben positiv beeinflussen in seiner Seele. Jesu Gerechtigkeitsvorstellung war nie gebunden daran, bloß Recht zu haben im Streit.
Im Streit also lassen Sie uns allgemein nach unserer Seele forschen, was jeder Streit in unserer Seele anrichtet, wie wir als Christen, von der Seele her, also aus der Tiefe des Lebens Vergebung in uns selber üben und auch konkret Vergebung praktizieren können, oftmals einseitig, gewiß, aber wie wir damit doch auch dem Wunder der Versöhnung zugleich eine Chance geben. Das Zauberwort ist: „Entschuldigung“. Ernsthaft gemeint und nicht als Floskel, kann es Wunder bewirken. Als Christen geben wir doch wohl solchem Wunder durch unser eigenes Verhalten im Streit unter uns eine Chance.
Oder … ?
Pfarrer Konrad Knolle
Brief an einen Freund auf der Suche nach der richtigen Arbeit
Lieber Klaus.
Der Misserfolg Deiner jüngsten Bewerbungsversuche tut mir sehr, sehr leid.
- Du bereitest Dich auf das Interview und die Präsentation Deiner bisherigen Arbeitsprodukte vor.
- Du bereitest Dich als Mensch, so wie du bist vor, willst ein ehrliches Bild Deines Selbst vorstellen.
- Du überlegst Dir, wie das Interview verlaufen könnte, bereitest in Deinem Kopf Fragen und Antworten vor.
- Du erfährst im Interview Ermutigung und Rückenstärkung, man lässt Dich wissen: Du bist der Richtige.
- Und dann kommt die kalte, nüchterne Stellungnahme: „Leider ……“
- Du fragst Dich mit bohrendem Schmerz: „Was habe ich falsch gemacht?“ Und Du suchst Antworten.
- Vielleicht rufst Du dort an und fragst Deine Gesprächspartner des Bewerbungsgesprächs: „Warum?“
- Du erhältst, wenn Du Glück hast, einige Leerformeln, Banales, in dem Du das rechtlich abgesicherte Lügen-Bla-Bla sofort erkennst.
- Du erfährst das Glatteis, auf das man Dich führte, du erkennst, dass alles nur ein Schaurennen war, in das Du hineingeraten bist; man hat Dich in die Irre geführt.
Man hat in Dir Hoffnungen geweckt, endlich für Dein Leben das Richtige gefunden zu haben, aber in Wirklichkeit hattest Du nie eine Chance. Und die Leute hatten keinen Mut, im Gespräch ehrlich zu sein, weil sie rechtliche Schwierigkeiten witterten.
- Du bist geknickt, beginnst an Dir selber zu zweifeln, Dein Selbstbewusstsein ist verletzt.
- Du lässt Deine Bewerbungsmühen, die aktuellen und die früheren an Deinem inneren Auge vorbei streichen. Selbstzweifel machen sich breit.
- Am Ende steht die Frage: „Bin ich wirklich, der, der ich sein will?“
- Und eine Welt beginnt sich zu teilen:
o Hier ich oder DU
o Dort die „Anderen“
Mein lieber Klaus, ich weiß, wie Du Dich fühlst. Ich habe so etwas auch schon einige Male erlebt, dass ich solche Enttäuschungen erleben musste. Da möchte man die Leute würgen, die so etwas machen und mir Scheinwelten präsentieren, Welten voller Opportunitäten, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Nachdem ich zwei oder drei Male Reinfälle und auch solches erlebt hatte, habe ich nicht mehr nachgefragt, „Warum?“ und „Wieso?“. Aber man kriegt als Antworten doch nur Leerformeln und Lügen aufgetischt dabei. Die „Anderen“ haben dann bei jedem noch so kleinen und unbedeutenden Antwortwörtchen ihren Anwalt im Hinterkopf, der ihnen sagt: „Machen Sie keine seitens des Bewerbers gegen Sie rechtlich verwertbare Aussage!“ – und deswegen hört man dann auch nie die Wahrheit. Das ist dann des Schaulaufs zweiter Teil. Aber: Das brauchen wir nicht zu durchlaufen, und Du brauchst Dir das schon gar nicht anzutun.
Du weißt am besten, was Du kannst!
Du weißt am besten, was Du nicht kannst.
Du weißt am besten, was Du einbringen und leisten kannst.
Du weißt am besten, wer Du bist.
Andere wissen es nicht und verpassen etwas ganz Tolles, nämlich
Dich als Person, als Mensch, als PC-Fachmann, als jemand, der bereit ist viel zu geben.
Manchmal, lieber Klaus ist es so, dass wir nicht in die Zahnrädchen-Welten der Anderen passen, weil unser eigenes Leben und Arbeiten neben den Zähnen des Zahnrads, das wir natürlich sind, weil wir viel wissen und gut arbeiten können, und die viel leisten können und wollen, eben noch viel mehr auf der „Achse“, um die sich alles dreht, haben. Vieles davon steckt in der Person und Persönlichkeit drin, hat auch mit Wissen, Können, Leistung und Arbeit zu tun, denn das was wir sind geht aber weit darüber hinaus, weil es in dreißig oder mehr Jahren eben und Erfahren steckt, in unserem Leben hat sich das entwickelt, hat uns zu den Menschen gemacht, die wir sind: nicht perfekt, aber ehrlich.
Ich habe mir angewöhnt zu sagen: Wer mich nicht haben will – will etwas andres, ob das besser ist, wird sich zeigen, ich bin’s nicht.
Ausserdem: Wer Dich so behandelt, würde Dich als Arbeitgeber dann noch viel schlimmer behandeln. Deswegen ist dann vielleicht doch auch Schlimmes, was erst später dann herauskommen und Dich zermürben würde, an Dir vorbeigehuscht.
Also: Kopf hoch – und zweifle nie daran:
ES GIBT DICH SO UND NICHT ANDERS:
DICH GIBT ES NUR EINMAL, DU BIST EIN UNIKAT:
DU BIST WER UND DU BIST GUT!
DIE TÜR GIBT ES, DURCH DIE DU GEHEN WIRST!
DU WIRST SIE FINDEN!
ES GIBT EINEN PLAN AUCH FÜR DEIN BERUFSLEBEN – DIE KUNST IST; DIESEN PLAN ZU ENTDECKEN: IHN ZU ENTDECKEN MÜSSEN WIR MIT „TRIAL UND ERROR“ LEBEN UND MIT „TRIAL UND ERROR“ IMMER WIEDER VERSUCHEN; DIE TÜR ZU FINDEN.
Übrigens: Von Jesus kann man dazu etwas lernen:
Der zog nach Jerusalem ein auf einem Esel. Die Leute wollten jemanden haben, der auf dem „hohen Roß“ daher kommt. Sie sahen den Esel nicht und sahen nicht, was Jesus eigentlich wirklich wollte, konnte und war. Später haben sie ihn dann entsprechend ans Kreuz gemobbt. Damit aber begann seine „Karriere“ erst richtig.
Deswegen haben Christen im Kreuz seit dem nicht die Niederlage erkannt, sondern den Sieg oder den Erfolg erfahren.
- Die „Anderen“ haben es aufgerichtet und meinten, das sei das Richtige, doch es war das Falsche.
- Die anfänglich meinten, das Falsche, das sich als Richtiges verkleidet, sei das letzte Wort, das Endgültige, der Tod, haben durch ihre folgenden Lebenserfahrungen erkannt, dass, dass das Falsche zwar falsch ist und bleibt, aber eben nicht das letzte Wort ist, nichts „Endgültiges“ ist, nicht der „Tod“,
- das im Falschen das Richtige sich dem Leben zeigt.
- Nur, dazu müsste man wohl jene starke Glaubensgewissheit haben, dass Gott auf krummen Linien grade schreibt, dass Gott Falsches zum Richtigen, Böses zum Guten wendet.
Ich wünsche Dir diese Gewissheit, die ich Glauben nenne. Dein Leben hat einen Plan. Da geschieht nichts, was nicht einen tieferen Sinn hat. Da Gott uns Menschen einen Lebenssinn gibt, ist das der tiefere Sinn, der bei Gott schon entworfen ist. Wir erkennen den Plan nicht wie auf einer Lebenslandkarte vorgezeichnet. Wir erfahren ihn, wenn wir im Leben Gott zulassen.
Du kennst ja die Regeln der Akustik, die Physik des klingenden Tons. Es sind die Schwingungen, die den Ton ausmachen, elektronisch klare und saubere Schwingungen „aseptisch“, „clean“. Aber schön wird jeder Ton erst, wenn er nicht „aspetisch“ und „clean“ ist, wenn alles drumherum mitschwingt, wenn er gewissermaßen ummäntelt ist mit vielen anderen Schwingungen, dann wird aus dem physikalisch reinen, dem „kalten“, dem „nackten“ Ton ein musischer Klang, das Schöne nämlich, das nie nur rein ist. Der Klang hat, wohl auch, aber nicht nur Sauberes, Schönes. Es gibt keinen nur sauberen musischen Klang. Das Schöne ist immer durchmischt mit Missklang. Der reine Ton kennt keine Obertöne und keine in ihrer Verbindung zueinander immer vorhandenen Mißklänge. Der Klang kennt sie zuhauf. Der Klang ist das Leben mit allen Pros und Cons.
So ist das auch im Leben, auch bei Bewerbungen: Das Schöne im Menschen, sein „Klang“ interessiert nicht, weil die „Anderen“ den reinen, „nackten“ Ton erwarten. Erkenne also für Deine Bewerbungen Deinen Lebens-Klang. Gott will ganz bestimmt nicht, dass Du Dich mit Deinem Lebens-Klang reduzierst auf den „nackten“ Ton, denn dafür hat er Dir nicht das Leben geschenkt, dass Du das alles wegdrückst, was Dich als klingenden Menschen ausmacht.
Mit herzlichen Grüßen
Dein
Konrad
Predigt vom Sonntag Oculi, 15. März 2009
im Gedenken der Toten und der um ihre Toten Trauernden von Winnenden.
Aus gegebenem Anlaß stelle ich ausnahmsweise einmal diese Predigt des 15. März ins Internet.
Vom Ernst der Nachfolge(Text wird später verlesen, s.u.)
57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
(Lk 9, 57 – 62)
Liebe Gemeinde.
Liebe Gemeinde, das ist zu trocken, klingt zu neutral. Liebe Schwestern und Brüder, denn das sind wir ja, vereint als Schwestern und Brüder in Christus Jesus.
Trauer, Entsetzen, Furcht legen sich über viele von uns angesichts der furchtbaren Katastrophe, die sich in dem kleinen Städtchen Winnenden ereignet hat. In was für einer Zeit leben wir? Wir dachten, so etwas könne nur in den USA passieren, doch nein, auch bei uns. Und bei uns zum wiederholten Male!
Was ist los in unserer Gesellschaft, dass Jugendliche, ja schon Kinder so aggressiv sind, so gewaltbereit, wie uns die Lehrer aus den Schulen, sogar aus den Grundschulen und auch aus unseren Kindergärten berichten?
Wir haben heute ein Baby getauft, Gott sagt uns: Dies ist mein Menschenkind, an dem ich Wohlgefallen habe, achtet es, würdigt es um meines Namens willen, bringt ihm moralische, ethische Werte bei, auf dass es menschlich leben kann in rauen Menschenzeiten.
- Wessen Lieder wird dies Kind einmal singen, wessen Sprüchen anderer wird es folgen?
- Welche Hoffnungen wird es finden, welchen Trost bei Enttäuschungen finden?
Ach kleiner Wurm, wenn Du wüsstest, welche Welt da auf dich wartet … Es ist ja nicht nur die Welt liebender, gütiger, verständnisvoller Eltern. Ab etwa Deinem dritten Lebensjahr, so sagen die Psychologen, wird der gesellschaftliche Einfluß immer stärker werden in Deinem Leben, und auch wir Eltern, wohl über Dich wachend nach bestem Wissen und Gewissen, sind doch nicht frei von Fehlern in Deiner Erziehung, weil wir nicht frei sind von Fehlern und Irrwegen in unserem Leben.
So ein Menschenkind war auch Tim aus Winnenden, auch wohl getauft und liebevoll betrachtet von seinen Eltern … und doch ….. Nein, nicht „und doch ….“, sondern auch Tims Eltern haben einen Sohn verloren, von eigener Hand riß er 16 Menschen mit in seinen Selbstmord.
Wer wollte hier den ersten Stein werfen, gegen die Eltern, dass sie nicht sahen, vielleicht nicht sehen wollten, dass Tim krank war.
- Depressiv,
- dass er mehrfach wenigstens ambulant in der psychiatrischen Klinik war,
- dass er Depressionen hatte, dass der Weg zum Schießstand im Schützenverein schon für den Fünfjährigen und erst recht dann später ein falscher Weg war,
- dass die Pistole im Schlafzimmer und erst recht mit scharfer Munition fahrlässig war?
- Wir wollen an der Seite der 16 Opfer Tims stehen und an der der Angehörigen; welch ein Schmerz durchwühlt ihre Herzen!
- Wir wollen aber auch an der Seite von Tim stehen, ein 17jähriger pubertierender Junge, voller Depression und voller Komplexe, der sein Leben nicht meistern konnte und Schluß machen wollte, Selbstmord, der dabei 16 Menschen mit in seinen Tod riß
- Wir wollen an der Seite dieser Eltern stehen, sie haben auch ihr Kind durch seine eigene Hand verloren, ein Kind, über das nun, post mortem, die Medien und die Analytiker herfallen, es schlagzeilengerecht ausschlachten.
In der Woche dieser Tat stoße ich auf einen Rap-Sänger aus Reutlingen, „Rapper Kaas“, einer der berühmtesten unter den deutschsprachigen Rappern, nicht viel älter als Tim es war. Der wollte gerade an jenem 13. März eine neue Video-CD herausgeben: „Amokzahltag D“.
In seinem Rap-Text schreibt er ein Tagebuch, an die Mutter an die Traumfreundin, in seiner Jugend Sprache, hart, aggressiv: durchsetzt auch mit Slangwörtern, die ich Ihnen hier ersparen will.
„Ich will es Euch, (das Slangwort spare ich hier aus!) zeigen,
was man so aus einem Kind macht. …
Ihr habt mich soweit gebracht, Ihr allein!“
… und man sieht ihn im Videoclip, schießend, Schüsse fallen, Blut, Leichen in der Schule.
Kaas und sein Verlag haben die Veröffentlichung dieser Rap-CD jetzt zurückgezogen, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Kaas wegen Gewaltverherrlichung.
Ich hab sie mir angesehen im Internet, wo man sie in einigen Nischen noch finden kann. Es ist die Ballade eines Amokläufers, die Ballade eines Verzweifelten von seiner erträumten, erhofften, aber unerfüllten Wandlung zu einem fröhlichen, lebensbejahenden Menschen. Kaas betont: „Nein, nicht Gewaltverherrlichung, sondern ich will zeigen, was einen Jugendlichen zu solcher Tat bringt. Es ist die fehlende Nächstenliebe! Er selber sei in seiner Schulzeit durch solche Gefühle gegangen, voller Depression und voller Haß auf die Außenwelt, vor allem die Welt der Erwachsenen.“ Er kenne das, erst als er zum Glauben kam wurde er aus dieser Todesfalle befreit.
In anderen Liedern singt er:
„Ich kann nicht mehr lachen
Nichts ist witzig
Hartz 1, Hartz 2, Hartz 3, Hartz verpiss dich (das an dieser Stelle eigentlich stehende Slangwort lasse ich hier aus)
…
Wenn der Stress zu viel wird
Und niemand mehr
zuhört.
Was ist es dann, ich frage, was würde Jesus tun?
Mann, ich liebe dich,
dich, der hier gerade zuhört/
Und ich will, dass dies bisschen
Der neue Trend wird
Hoffnung, Liebe und Frieden
Der in dein Herz dröhnt
Und die Menschlichkeit ist endlich gerettet, dank
‚Der Garten der Liebe’.
…
Was soll ich denn machen,
daß ihr mich beachtet?
Soll ich eure Mütter beschimpfen, ihr …
(es folgen beschimpfende Slangworte)?
Nein, nein, rettet einfach die Welt!
Das reicht schon“
Der Rapper schreit es hinaus. Rap ist noch immer der Gesang von Jugendlichen im Feuerofen unserer Zeit.
Kaas sagt:
„Mein Lied ist eine Gratwanderung vom Dunkel ins Licht, vom Amokläufer zum Erleuchteten, aber auch vom Opfer zum Täter. Das ist keine konstruierte Story. Ich hatte früher Depressionen, die mich fertig gemacht haben. Mein Ziel ist es, aus der finsteren Sicht des Täters aufzuzeigen, was es für Gründe für so eine schreckliche Tat gibt.
Nach meiner Meinung trägt jeder einzelne von uns die Verantwortung dafür, solchen Taten vorzubeugen – Jeder einzelne trägt die Verantwortung dafür, seinen Mitmenschen ein Empfinden von Moral vorzuleben, das Nächstenliebe, Gutmütigkeit und Vergebung als wichtigste Werte transportiert.“
Ich lasse Kaas hier sprechen, weil er für mich das auf den Nenner bringt, was mir durch den Kopf geht. Er hat mich beeindruckt!
- Was ist das in unserer Gesellschaft, was Menschen angst und bange werden lässt, in Verzweiflung bringt? Keine Antwort reicht weit genug, um mehr zu sein als nur ein Versuch einer Antwort.
- Was zerschlägt jungen Menschen die Freude, Hoffnung zu haben auf ein Morgen? Es könnte die Welt sein, die wir schufen mit unseren Lebensentscheidungen ganz privat, aber auch im politischen Geschäft, eine Welt voller Krieg und Morden, voller Gleichgültigkeit, eine Welt voller Verseuchung und Verpestung,
- Was ist das für eine Welt, die langsam aber, wenn wir’s nicht ändern, sicher an sich selber zugrunde geht.
- Was ist das für eine Welt,
o in der die Reichen bis zum Überfluß immer reicher und die Armen bis zur Verelendung immer ärmer werden,
o in der der Reiche hofiert wird, ihm die Millionenbeträge scheinbar unbegrenzt zufließen und sie gleichwohl für nichts haften, wenn ihr Handeln schief geht,
o der Arbeitslose, der Arme aber als potentieller Betrüger hingestellt wird, der sich Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe ergaunert, weil er scheinbar nicht arbeiten will und er mit dem kleinen, mühsam Ersparten für die „Kündigung aus betrieblichen Gründen“, wie es dann heißt, haftet, der, wie es heißt, zur Arbeit durch Verarmung getrieben werden muß?
- Was ist das für eine Welt, die wir den jungen Menschenkindern hinterlassen werden, welches Erbe übergeben wir ihnen?
Ja, welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und Kindeskindern: herr Gott, was haben wir nur getan, was tun wir immer noch mit deiner Schöpfung?!
Wer kann es verargen, wenn Menschen dann schreien: „Stoppt diese Welt, ich möchte aussteigen!“
(Lukas 9, 57 – 52 verlesen)
Lukas zeigt uns in unserem heutigen Predigttext, dass Jesus die Eindeutigkeit der Nachfolge erwartet, nicht als Gesetz und unter Androhung ewiger Fegefeuer oder ähnlicher Höllenqualen, sondern freiwillig, aus Liebe zu ihm, aus Hoffnung und Freude für das Reich Gottes.
Und das ist doch auch was Jugendliche wie Kaas, wie vielleicht auch Tim und so viele andere von uns erwarten: Eindeutigkeit, Zurechnungsfähigkeit unserer Gedanken zu unseren Taten und umgekehrt! Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit!
„Was würde Jesus tun?“ fragt Kaas, der Rapper.
„Was wirst Du tun?“ fragt Jesus uns mit diesem Text, den Lukas für uns aus verschiedenen Quellen zusammengestellt hat.
Was wirst Du tun,
- dass diese Welt ein wenig besser wird, dass Menschen wieder Hoffnung und Freude am Leben haben können,
- dass die Verteilung des Reichtums dieser Welt nicht der schier unbegrenzte Wohlstand der einen wenigen und die oft hoffnungslose Armut der vielen wird?
- dass Kriege nicht zum Alltagsgeschäft der Verteidigung unserer kleinen eigenen Welt, auch der Welt Deutschlands – und sei es am Hindukush, wie es einer einst nannte und woran wir offensichtlich doch zu glauben scheinen – wird?
- dass „Nächstenliebe, Hoffnung, Frieden, Liebe der neue Trend wird“ wie Kaas uns fragt, „dass jedem Menschen, aber ganz besonders den Aussenseitern, den Schwachen, den Losern unter uns mit gütiger Liebe entgegengetreten wird, denn Liebe ist die Lösung.“
Jesus gibt uns bei Lukas keine Zeit, Ausreden zu finden auf seine Frage. Er erwartet Antworten, Entscheidungen von denen, die wissen, sie sind „gerettet dank seines Gartens der Liebe“.
Was würde Jesus tun? – Das können wir tun, wenn wir’s nur wollen.
- Zuhören, zuhören, zuhören, wenn Menschen schreien, schweigend ganz still oder laut grellend.
- Aufhören mit all dem, was den Menschen nicht liebt, ihn nicht fördert zum Leben, seine Talente zerschlägt, ihn in Zwänge versetzt, zu sein, was und wie er nicht sein kann oder will.
- Hinhören, wenn Menschen von ihrer Lebensangst reden wollen, sie nicht abstempeln als Weichlinge und Loser.
- Hören auf den Menschen in seiner Not! Hören, das ist ja doch ein Zeichen Gottes, seit er sein Volk hörte in der Sklaverei Ägyptens, das würde Jesus tun, wie er es tat. Das können wir auch.
Des helfe uns Gott – und er hilft uns dabei. Das ist gewiß und wahr:
Amen, und das heißt: So soll es sein bei euch, die ihr Christi Schwestern und Brüder seid.
Ich sage Amen, das ist gewiß und wahr.
„Vater, vergib ihm, denn er wusste nicht, was er tat.“
„Ihr allein habt mich soweit gebracht …“ Rapper Kaas in „Amokzahltag D“
Liebe Gemeinde, liebe Freunde der Gemeinde,
der Amoklauf der letzten Woche hat uns alle zu tiefst erschüttert. 17 Ermordete zeichnen eine breite Blutspur durch unsere Gesellschaft. Wieder hat ein Jugendlicher das Leben nicht gemeistert, hat innere Aggressivität, scheinbar versteckt in Depressionen und in jugendlicher Computersucht nach außen gewandt. 16 Menschen riß er mit sich in den Tod.
Die Pädagogen an unseren Schulen sind ganz gewiß überfordert, solchen menschlichen Katastrophen vorzubeugen. Das können sie unmöglich auch noch leisten in ihrer durch immer neuere Anforderungen eines beschädigten Schulsystems sowieso schon extrem belasteten schulischen Arbeit. Man ruft nach Sozialarbeitern und Psychologen, die an den Schulen arbeiten sollen. Zu widersprechen ist dem nur, wenn wir jetzt daraus das wundervolle Allheilmittel erwarten.
Man sagt, er sei nicht auffällig gewesen. Seine Gesichtszüge zeigen einen sensiblen, fragend in die Zukunft schauenden Jugendlichen. Kein Machotyp. Wenn die Informationen stimmen, soll er bereits zweimal in stationärer psychiatrischer Behandlung, soll er depressiv „veranlagt“ gewesen sein. Fällt es den Menschen nicht mehr auf in unserer Gesellschaft, wenn ein Mitmensch krank ist? Fällt es nicht mehr auf, wenn Menschen durch Menschen krank gemacht werden?
Sein Vater habe ihn seit seinem fünften Lebensjahr mit zu den Schießständen seines Schützenvereins genommen und habe durchaus legal zu Hause 12 Schußwaffen, die eine darunter lag ungesichert im Schlafzimmer. Zusammen mit der Munition? Sie wurde zur Tatwaffe. Müssen Schützenvereine mit solchen Waffen hantieren? Warum liegt eine solche Waffe und die dazugehörige Munition im Schlafzimmer? Ist nicht schon allein die Tatsache eines depressiv erkrankten Kindes in der Pubertät im Hause Grund genug, Waffen weg zu schließen, mehr noch könnte es sein, dass die Depression ihren Grund darin hatte, dass ein Junge sein sollte, wie es sein Vater, seine Eltern wollten, es aber nicht war und nicht sein konnte, vielleicht auch nicht sein wollte, dass sein, andere mit sich in den Abgrund reißender Selbstmord längst schon angelegt war als „Krankheit zum Tode“ im Lebensweg eines Jugendlichen, der „ein richtiger Mann“ sein sollte und der vielleicht deswegen, damit aus ihm ein solcher werde, in die Machowelt des „Männersports“ der Schießstände geführt wurde? Könnte es also sein, dass wir in den Patterns, in denen pubertäre Jugendliche ihren Weg ins Erwachsenwerden suchen überhaupt nur noch jene wahrnehmen, die den Rollenclichées entsprechen, die wir von ihnen haben und die „anderen“ fallen eben gar nicht auf?
Gewalt grassiert unter Kindern und Jugendlichen, nicht nur in den Schulen, auch draußen in den Strassen. Wir suchen, was wir finden wollen. Schnelle Antworten stehen parat. Das Fernsehen und gewalttätige PC-Spiele werden schnell zu Schuldigen gemacht. Die Gewaltkultur in der Jugendkultur ist furchtbar. Aber zu schnell, meine ich, weisen wir mit den Fingern auf „die Medien“ und damit weg von uns. Wenn wir Erwachsenen nicht mit Jugendlichen kommunizieren – warum sollten sie dann nicht mit den „Medien“ kommunizieren! Die haben Zeit und Geduld, sind auf Knopfdruck immer da, sie fordern heraus, sind interaktiv, kennen Gute und Böse, Sieger und Besiegte, Schwache und Starke, dort kann man endlich einmal bedingungslos „chatten“ (schwätzen) - und man selber kann mal zu den Gewinnern gehören. Hat das Wohlstandselend in unserer Gesellschaft das Zwischenmenschliche so sehr beschädigt, dass die „tote Kommunikation“ zum Standard und zum Ersatz für die zwischenmenschliche Kommunikation zu werden droht? Haben die geile Leistungsorientierung der Erwachsenenwelt, Machokulturen im Kraftsport und im Bodykult, haben die der neuen Life-Barbies jugendlicher überschminkter, mit Modeklamotten behängter, overstylter Mädchen - sie lösen seit Jahren schon die kleinen, zierlichen Mädchenmodepüppchen in wirklichen jugendlichen Mädchenleben ab – eine Pseudorealität geschaffen, in der Jugendliche eben nicht mehr leben können wie sie sind und was sie sind, weil sie nicht mehr suchen dürfen, sondern immer schon sein sollen, bis sie es schließlich sein wollen: Clichées einer unrealistischen Welt, in der es keine „Loser“ geben darf? Ist die Gewalt der Jugendkultur wirklich nur die körperliche Kraft-Gewalt oder steckt die Gewalt nicht im die Erwachsenenwelt provozierenden Lärmenden mancher Teile der Jugendmusik, in ihrem Hämmern und Schlagen, Kreischen, Schreien und Brüllen, im Grellen aus bis zum Maxianschlag aufgedrehten Verstärkern? Was einerseits die Provokation der Erwachsenenwelt ist, ist ja zugleich auch der Schrei, gehört zu werden, wenn dieser Schrei um Gehör aber den Gesetzen der Konsumwelt der Musikindustrie unterworfen ist, wie verfälscht wird dann der Schrei der Jugendlichen zur Fluchtkultur der Sound-Droge?
Man feierte einen Gedenkgottesdienst für die Opfer und ich bin mir sicher, man gedachte auch des Täters in seiner Verzweiflung, was ja immer Selbstzweifel ist, und womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Depressionserkrankung des Jungen sind. Es ist gut, dass „Kirche“ dann da ist, wenn Menschen trauern. Ödon von Horvarth schrieb einstmals einen kleinen Roman, „Jugend ohne Gott“ und meint darin, dass eine Menschen, die ohne einen Bezug zu Gott aufwachsen, Opfer der gesellschaftlich produzierten Gewaltkultur werden. Wahrscheinlich kann man das nicht so kausal zusammenbinden, wie Ödon von Horvarth das in seinem Roman am Beispiel der frühen österreichischen Hitlerjugend zeigen will, und ganz gewiß geht es dem Dichter auch nicht darum, über den Verlust an Frömmigkeit unter den Jugendlichen zu lamentieren. Es geht bei der Frage nach Gott unter den Jugendlichen ja auch nicht um die Frage nach einem Götzen mit vier Buchstaben, sondern es geht um die Auswirkungen Gottes, wie sie sich im Zuhören, im Zusammensein, in der kreativen Gestaltung von für Jugendliche notwendigen Freiräumen als Experimentier- und Suchfelder des Lebens, der Zukunft, in der Menschwerdung Gottes in der Lebenswelt eines jeden Jugendlichen zeigen. Gott ist nicht da, wo wir ihn als Götzen frömmelnd anbeten. Gott ist da, wo das Menschliche den uneingeschränkten Vorrang vor allem anderen hat, wo die Gesellschaft sich versteht und sozial organisiert von ihren schwächsten Gliedern her.
Weil das zu vielen Menschen, nicht nur den Jugendlichen, in unserer Gesellschaft als „Loser-Kultur“ gilt, haben wir alle wohl ziemlich schlechte Karten in diesen rohen Zeiten. Aber nicht Trübsal über die „schlechten Karten der Menschlichkeit“ soll geblasen werden. Sondern konstruktive, produktive, kreative Dankbarkeit, ja Freude soll da sein, wo das kleine Pflänzchen einer solchen Mitmenschlichkeit trotzdem wächst. Dankbarkeit und Freude dürfen aber nicht blind machen gegenüber jener Tatsache, das die starken Kräfte einer gesellschaftlichen Ideologie vom Kraft und Leistung und vom Markt-Design von Menschenbilden, das Jungen und Mädchen suchtabhängig macht, von unserer Erwachsenenwelt produziert und immer wieder reproduziert wird. Die Erwachsenenwelt hat sich in ihrem Wohlstandselend wohlfeil eingerichtet. Wir dürfen nicht blind dafür sein, dass unser Wohlstandselend sich widerspiegelt im Verlust der Familie als Lernfeld fürs Leben, im Verlust verbindlicher Kommunikation zwischen den Menschen.
Machen wir uns nichts vor. Wir werden auch in Zukunft solche suicidalen Massaker erleben, denn an den gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen, die unser Wohlstandselend produzieren und die solche menschlichen Katastrophen provozieren etwas zu ändern, sind die wenigsten von uns bereit. Einige gehen trotzdem dagegen an. Sie sind wie Leuchtfeuer eines Lebens, das möglich sein könnte. Den jugendlichen Opfern, auch wenn sie Täter werden gilt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23, 34)
Nachtrag:
Es lohnt sich zu diesen Gedanken die Lieder eines der bedeutendsten deutschsprachigen Rapper, „Rapper Kaas“ zu hören!
Liebe Gemeinde, liebe Freunde unserer Gemeinde:
na, das war ein beeindruckendes Spektakel aus Washington DC. Die USA haben einen neuen Präsidenten. Mich hat seine Rede sehr beeindruckt. Vielleicht ging es Ihnen auch so? Da war viel Neues drin, nicht nur Politisches, sondern, es deutet sich an, dass es einen grundlegenden Wechsel in der Politik geben wird, vor allem aber verändert sich offensichtlich die „politische Kultur“ in diesem für uns alle so wichtigen Land.
Vieles wird er nicht ändern können. Auch die USA stehen unter dem Druck vieler Lobbys.
Manches klingt mir zu „messianisch“ – aber ich unterstelle ihm den guten Willen, an den besten jener Werte anzuknüpfen, die auch die Gesellschaft in den USA hat.
Daß überhaupt ein afro-amerikanischer Präsident in das Weiße Haus einzieht – wer hätte das geglaubt damals, als wir die berühmte Rede von Martin Luther King hörten „Ich habe einen Traum …“
Viele von uns erinnern sich an dieser Rede. Wir haben sie immer wieder gelesen, besonders jene Worte, die diesen Traum beschreiben: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages Schwarze und Weiße in diesem Land hand in Hand miteinander gehen werden – und es wird Frieden sein … .“
Jetzt ist ein Mensch angetreten, der mit diesem Traum lebt und der aus diesem Traum heraus reale Politik gestalten will. Die Propaganda weiß das fernsehgerecht zu gestalten, die Show ist hervorragend inszeniert, nichts ist dem Zufall überlassen. Das alles ist wahr – aber den Kern sehen wir dennoch: „Ich habe einen Traum …“ Und dieser Kern hat mit einem Menschen zu tun, egal wie sehr er nachher im Amt noch „umgebogen“ werden mag, der Traum und der Mensch, der ihn träumt.
Wir brauchen solche Träume. Sie sind die Visionen, mit denen wir Grenzen überschreiten. Der Mensch ohne Visionen ist so gut wie tot. Er ist eingemauert wie Antigone, die die Vision hatte, dass es richtig und gut ist, sich um den geschlagenen Menschen zu kümmern und deswegen tot gemacht wurde, eingemauert von ihren Gegnern, allen voran der König von Theben, Kreon, als Lebende wie tot. Sophokles, der große Dichter des antiken Griechenland schrieb diese Tragödie, in der die Menschlichkeit getötet wird.
Politisch werden wir uns jetzt fragen, ob das denn wirklich alles stattfinden wird, ob die USA sich einreihen werden in die Staatengemeinschaft oder weiterhin als Großmacht solistisch und egoistisch dem Rest der Welt ihren Willen aufdrücken werden, ob Menschlichkeit wieder konkretes Anliegen von Politik werden kann. Vor einigen Jahren las ich eine Interviewreihe mit deutschen Politikern, die nach ihrer Ethik im politischen Geschäft befragt wurden. Die ehrlich antworteten, meinten: „Würde ich bei meinen Kindern das Verhalten erleben, das ich an den Tag legen muss, um Politik durchsetzen zu können, ich würde es ihnen verbieten!“ Mein spontaner Gedanke: „Warum verbietest Du es Dir dann nicht zu allererst selber?! Niemand ‚m u s s’ so handeln!“
Aber mir ist dies in Bezug zum neuen Präsidenten der USA gar nicht so wichtig. Auch in Zukunft werden die USA ihre Weltmachtrolle spielen. Oder besser: Mir ist in Bezug auf Präsident Obama nur eines wichtig und das gilt uns allen gleichermaßen: Wird er die Grenze zwischen dem Müssen und Wollenkönnen halten und in seinem Handeln das Wollen, das er in seiner Rede formulierte, kritisch und selbstkritisch am Leben halten?
Politisch ist für mich aber auch eine andere Frage wichtig: Haben unsere Politiker noch Träume? Und andersherum: Haben wir noch Träume in der Politik?
Träume wie den Traum Martin Luther Kings?
Träume der Armen, die die Armut endlich verlassen wollen
Träume der Kriegsopfer, dass ihnen geholfen werde zu einem gesunden Leben, dass sie überhaupt leben können und die Waffen schweigen?
Träume, die die Wirklichkeit unseres Lebens aufbrechen lassen und neue Möglichkeiten des Lebens zeigen, gar eröffnen?
Solche Träume sind die Motivation zum Wollen, wenn es Träume von Menschlichkeit sind, wächst aus ihnen das Wollen von Menschlichkeit.
Ist nicht jedoch die Politik gefangen in taktischen Manövern, in denen der eine die anderen ausspielen und austricksen möchte, in denen es um die Macht und nichts anders als die Macht und ihren Gloriolenschein geht? Kennen die Politiker die Sorgen und Nöte der Menschen noch – oder haben sie diese vergessen auf ihrem Marsch durch die Institutionen und Hierarchien von Parteien? Wissen unsere Politiker noch, wie viel ein Liter Milch kostet, ein Topf Margarine? Wollen Menschen in der Politik noch das Ziel von mehr Menschlichkeit in unseren Gesellschaften hier bei uns und weltweit erreichen? Politik sei die Kunst des Möglichen, heißt eine Beschreibung von Politik. Wir sehen das meist von seinen Begrenzungen her und meinen eigentlich, dass wir deswegen nichts „Unmögliches“ hoffen und mit dieser Hoffnung nicht handeln sollen, sie sei illusionär.
Im Gebet zur Einführung wurde am Schluß der Einführungsveranstaltung gebetet, dass Politik hoffentlich mit den Armen und Unterprivilegierten im Blick und ohne Hörigkeit gegenüber den Reichen Privilegierten gemacht werde.
Die Jahreslosung heißt: „Christus spricht, was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott“
Ich musste unwillkürlich an diese Jahreslosung denken als ich die Rede des neuen Präsidenten Obama in Washington hörte. Wir alle wurden in dieses Gebet eingeschlossen, wurden vom Beter unter Gottes Fürsorge gestellt. Es war ein Gebet, das uns Christen galt, aber auch Muslimen und Juden zugleich. Dieser bei Lukas zitierte Satz Jesu soll uns nicht passiv machen, es sei eben bei uns nur die Unmöglichkeit möglich und alle Möglichkeit für neues Denken und Handeln nur bei Gott, also jenseits alles uns Möglichen.
Nein, wer sich auf Gott verlassen will, der hat Anteil an dem, was bei Gott möglich ist. Verlassen wir uns auf Gott, ist vieles von dem, was bei Gott möglich ist, auch „bei Gott“ – und das heißt in der Tat und also im Tun möglich. Wenn wir uns auf Gott verlassen, können wir unsere engen Grenzen überspringen, können wir Träumen von einer besseren Welt und diese Träume bleiben keine Spinnereien, sondern werden Hoffnungen und Utopien, die uns zum Handeln ermutigen, die unsere Triebfeder werden, nicht locker zu lassen davon, dass das Gute trotz alles Widerstands dagegen möglich ist – und das dieses Gute nicht eine fromme Leerformel bleibt, sondern Gestalt annimmt in konkreten Schritten eines verantwortlichen Lebens, das eingreifen kann in die Wirklichkeit und verändert, wo die Wirklichkeit Leiden, Elend und Not bedeutet. Mit Gott werden aus unseren Unmöglichkeiten Möglichkeiten der Menschlichkeit..
Wer sich auf Gott verlassen will, der nimmt nicht hin, dass immer noch Schmerzensschreie durch die Welt gellen, der lässt diese Schreie auch an sein Ohr gelangen, verschließt die Augen nicht, sondern lässt seine Augen das Leiden sehen. Der richtet sein Wollen aus auf das, was bei Gott möglich ist.
Wer sich auf Gott verlassen will, der bleibt nicht tatenlos, der geht das Risiko ein, dass er parteilich wird für die die genauso nach uns rufen, wie sie nach Gott rufen, denn jeder Ruf nach uns ist ein Schrei vor Gottes Ohren, dass Gott seine Möglichkeiten, den Menschen zu helfen, ihr Leben zum Guten zu wenden, an uns weiter gibt, denn niemand sonst als wir sind Gottes Hände und Füße, niemand sonst als wir kennen die Gedanken und den Willen Gottes, dass „Allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“, wie es im Philipperbrief heißt.
Wenn es stimmt, was Jesus sagt, dass wir nämlich in ihm Gott erkennen können, dann erkennen wir in ihm Gott nicht als Feldherrn, als Militärstrategen, als ignoranten und elitären Machtmacher, als materialistischen Egoisten, als Zerstörer und Habsüchtigen, dann erkennen wir in ihm Gott nicht als jemanden, dem sein eigenes Geld und dessen gigantische Vermehrung als Lebensziel hat. Dann wissen wir sehr wohl, dass Gott nicht so ist wie die Hochglanz-Menschen unserer elitären VIP-Kultur, dann wissen wir, dass die VIPs Gottes jene sind, die schreien und rufen: SOS – „Save Our Souls“, rettet uns aus den Stürmen, die unser Leben bedrohen, macht die Wüsten fruchtbar, schmiedet Schwerter um in Flugscharen, rettet die Flüchtlinge, buttert die Armen nicht unter in eurer geilen Gier.
Wenn es stimmt, was Jesus sagt, dass wir in ihm Gott erkennen können, dann können wir einstimmen in jenen neuen Ruf, in die neue Antwort auf das SOS, „Save our Souls“: „Yes we can!“
Ihr
Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Gemeinde, liebe Freunde der Gemeinde
Weihnachten 2008. Frieden auf Erden. Zum 2008sten Mal: Frieden auf Erden.
Hat das Christentum versagt? Es hat keinen Frieden auf Erden gebracht. Eher hat es mitgeholfen, Krieg zu führen, Kriege zu schüren, aus Kriegen zu profitieren, Kriege religiös zu begründen, religiöse Kriege zu führen. Alle Kulturen aller Zeiten haben ihre Brutalitäten, das Christentum hat seine: Ketzer wurden verbrannt, Hexen verfolgt, gefoltert und hingerichtet Juden geplündert gemordet, vergast. Menschen auf den eroberten Kontinenten Afrikas, Asiens, Südamerikas, der Karibik versklavt. Im Christentum des „God’s own Country“ und „in God we trust“, endete die Sklaverei erst 1864 und machte einem nicht minder brutalen Rassismus Platz, die Apartheid burischer Christen endete erst vor 18 Jahren.
Hat das Christentum versagt?
Ja, das Christentum hat versagt, und mit ihm seine Kirche.
In Stuttgart formulierte die neu gegründete Evangelische Kirche in Deutschland nach Auschwitz und dem Horror des Zweiten Weltkriegs das sogenannte „Stuttgarter Schuldbekenntnis“: „Wir sind schuldig geworden …“ und von unserem ersten Kirchenpräsidenten, Martin Niemöller, stammt der Satz: „Wo ist dein Bruder Abel? Ich habe geschwiegen als sie die Kommunisten holten – ich war kein Kommunist. Ich habe geschwiegen als sie die Gewerkschaftler holten – ich war ja kein Gewerkschaftler. Ich habe geschwiegen als sie die Juden holten – ich war ja kein Jude. Als sie mich holten gab es niemanden mehr zu schreien.“
Dieser Satz ist auch zitiert an den Wänden der Gedenkstätte des KZ Osthofen, in dem auch Groß-Rohrheimer saßen. Einige von ihnen saßen auch in der GESTAPO-Haft in Bensheim in jener Nacht im März, als die GESTAPO das Gefängnis leerte und die Insassen am Kirchberg in Bensheim ermordete. Sie wurden vergessen und überlebten. Durch Schweigen wurde die Kirche schuldig.
Unsere Kirche, die EKHN hat daraus gelernt und sich eine Ordnung geschaffen, die sie gewiß nich gegen neue Schuld und Sünde wappnet, die sich aber in Struktur und Organisation unterscheiden wollte von jenen Strukturen und kirchlichen Herrschaftssystemen, die das Schweigen durch tatsächliche oder klammheimliche, auch mentale Partnerschaften als System verordnete. Die alte, untergegangene Kirche Nassau Hessen, im Gehorsam gegenüber und im ideologischen Einklang mit den regierenden Nazi-Verbrechern geschaffen war durch und durch eine Nazi-Kirche.
Hat Kirche, hat das Christentum versagt?
Falsch gefragt, meine ich. Kirche und Christentum stehen immer in der Gefahr zu versagen. Zu sehr sind sie zwangsläufig Teil der organisierten Gesellschaft, haben sie beide Teil in ihrer gesellschaftlichen Organisation an den herrschenden Strukturen. Wir leben heute in einer guten Demokratie und kennen, mit Churchill gesprochen, kein besseres System, sie ist von den schlechten das beste, bessere kennen wir nicht. Unsere Kirche ist weithin noch kritisch, manch kritisches Wort kommt von ihr. Gemeinden engagieren sich für Asylsuchende, Christen sind in vorderster Front gegen Neonazis auch bei uns im Kreis Bergstrasse, und die Kirche, ja das Christentum in unserem Lande hat einen gewichtigen Anteil daran, die Verbrechen der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und uns alle auf unser Verantwortung für die Dritte Welt zu verweisen. Kirche und Christenheit haben einiges gelernt aus ihrer Vergangenheit. Aber nicht genug, meine ich. Denn noch immer verfallen sie den Fallstricken des Systems aus dem sie leben.
Hat das Christentum, hat die Kirche versagt? Ist sie Kirche jenes Christus, um den herum zu Weihnachten die Engel jubeln: „Friede auf Erden!“? Natürlich haben sie beide versagt. Wer wollte die Geschichte leugnen?! Und genauso natürlich versagt sie heute wieder angesichts des Elends in der Dritten Welt, der grassierenden strukturellen Armut auch bei uns. Appelle werden veröffentlicht, Denkschriften verfasst, kluge Statements von kirchlichen Institutionen gegeben – aber die Kirche bei uns wie anderswo ist wieder wie immer Teil des Systems in dem sie besteht, und durch das sie besteht.
Wir müssen die Welt verändern in der Kirche besteht, wollen wir eine andere Kirche haben.
Aber das ist vielleicht eine falsche Antwort auf die falsche Frage, so wichtig die Frage ist und so richtig auch die Antwort ist, dass wir die Welt verändern müssen. Weihnachten sagt: Gott hat die Welt verändert, indem er Menschen veränderte, nicht die Menschheit veränderte er, aber er gibt ein Angebot an die Menschheit, dass Menschen die Welt der Menschen verändern.
Weihnachten wurde Christus geboren. Christen sagen: Gott wurde Mensch. Menschlich schutzlos den Gesetzen jener Gesellschaft ausgesetzt, die nach Klassifizierungen von oben nach unten – und die Masse der Menschen ist immer unten angesichts der realen Verhältnisse - sich zu Gunsten des Oben organisiert. Früher konnte man einmal sagen: Gott hat sich in Christus den Gesetzen der Klassengesellschaft ausgesetzt und darin seinen Platz geortet, er hat damit jenen Platz gesucht und gefunden, den er seit der Befreiung der Sklaven Ägyptens inne hatte, denn er musste ihnen schon sehr nahe gestanden haben, jenen Sklaven Pharaos, dass er ihr Schreien gehört hat, denn alle Herrschaftssysteme funktionieren damals und heute gleich: Die Schreie der Opfer von Herrschaft soll man tunlichst nicht hören, Bert Brecht meint dazu: „… denn die im Schatten sieht man nicht.“, soll man wohl auch nicht sehen, denn sähe man sie, man würde entweder aufrüsten gegen sie, was man in der Tat tut und tat, mit Sicherheitskonzeptionen antiker und moderner Gesellschaften gleichermaßen, oder, besser noch und man verhängt zugleich die Realität mit dicken Tüchern, damit nichts durchscheine vom Elend der Elenden in unsere Welten der Glückseligkeiten.
Deswegen blieben die versklavten Schattenmenschen der Pharaonen den Herrschenden Ägyptens unsichtbar, wie auch de Heerscharen der Sklaven griechischer Metropolen zum Beispiel dem Platon und auch dem Thales in Milet, jenem Ort der Begründung unseres noch heute gültigen westlichen Denk- und Handlungssystems. Sie malochten zu Zigtausenden in den Städten, Bergwerken und sonst wo im Lande, sie waren unsichtbar den Augen und Gedanken des Begründers unserer demokratischen Ideen, Aristoteles.
Aber da ist die Sache Gottes in und unter den Menschen. Die ist nicht fortzuradieren. Die zeichnet sich als Menetekel an jeder Wand. Weihnachten ist so ein Menetekel. Weihnachten ist das Licht der anderen. Weihnachten sagt Gott: Alles was euch Menschen wichtig ist, findet seinen einzigen und allein sinnvollen Bedeutungspunkt bei den Schattenmenschen derer, die im Elend sind, den Trauernden, den Schmerzenden, den Leidenden, den Ausgebeuteten, den Elenden. Ich zeige auch, sagt Gott, was es bedeutet, meinen Namen in den Mund zu nehmen. Nennt euch nicht Christen, wenn ihr nicht mich meint, der im Notquartier Mensch wurde, der vor den Mordbrennern des Herodes flüchten musste, der den religiösen und politischen Ordnungsideologen des bestehenden Systems zum Ärgernis wurde, so sehr zum Ärgernis, dass sie ihn, Gott selber, umbringen mussten nach der brutalen und menschenverachtenden Logik ihrer Herrschafts- und Bestandwahrungsinteressen..
Hat das Christentum in der Vergangenheit seit seinem Entstehen vor 2008 Jahren versagt, versagt es heute wieder? Richtige Frage, auf die es nur eine Antwort geben kann: Ja. Und mit ihm immer wieder die Kirche.
Was ist die richtige Frage? Ich meine, die richtige Frage ist: Hat Gott versagt mit seinem Friedensangebot, wie zur Weihnacht verkündet? Den Frieden hat er nicht geschafft noch geschaffen, auch die Gerechtigkeit nicht. Was hat er denn dann erreicht?
Er wurde zur stärkenden Quelle aller jener, die durch die Geschichte hindurch bis heute sich für den realen Frieden und die real erlebbare Gerechtigkeit einsetzen. Er wurde, wie für die Weisen des Morgenlandes, zum Richtlicht, zum Richtstern, den Weg der Gerechtigkeit zu suchen, dafür einzutreten, wo sie gefährdet ist, denn ihr Gegenpart, die Ungerechtigkeit, sie gefährdet den Frieden.
Deswegen hat es in der ganzen Christenheit und ihren Kirchen immer wieder Menschen gegeben, die diesen Frieden Gottes als Mandat Gottes zu ihrem Mandat machten. Sie sind die Boten und Botinnen an „Christi statt“, wie Paulus sie nennt. Solche christlichen Menschen stehen nicht alleine. Sie verbünden sich um des Friedens und der Gerechtigkeit willen mit anderen, auch wenn diese keine Christen sind, denn Gott beruft nicht nur die Chrisen, sondern nach eigenem Willen, jedweden Friedensengagierten und Gerechtigkeitsliebenden, sich im Leben; Denken und Tun an jenen auszurichten, denen – angesichts ihres Elends - seine Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe gilt.
Weihnachten heißt: Gott ist parteilich für die Elenden. Weihnachten heißt: Wer, wie die Horten oder die drei Weisen Gott sucht, wird ihn im Notquartier des Elends finden. Als sowohl die Hirten als auch die Weisen dies erkannten, zogen sie neue Wege und störten die Selbstgewissheit der Welt der Herrschenden Zirkel seit dem..
Wir erleben zurzeit eine historisch beispiellose Rettungsaktion unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems mit EUROS in Milliardenhöhe. Diese zur Diskussion stehenden Milliardenbeträge zeigen, zu welchen Leistungen unser wirtschaftliches und gesellschaftliches System bereit ist, obwohl es eigentlich ganz und gar nicht dazu in der Lage sein kann, wozu es allerdings dennoch bereit ist, das bestehende System der globalen Unrechts zu retten. Die „Zeche“ dieser „Rettungsaktion“ werden die Schattenmenschen mit einer noch tieferen Verelendung zahlen.
Bert Brecht hat einmal gesagt: Es reicht nicht aus ein guter Christ zu sein, es reicht auch nicht aus., ein guter Bürger zu sein – jeder von uns sollte vielmehr darum streiten, unseren Nachkommen eine bessere, die beste Welt als die jetzige zu hinterlassen.
Ihr
Pfarrer Konrad Knolle
Rede von Pfarrer Konrad Knolle zum Volkstrauertag 2007
Das gesprochene Wort war gekürzt.
Heute am Volkstrauertag gedenken wir der Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. 1922 fand erstmalig ein Gedenktag im damaligen Reichstag statt, vier Jahre nach jenem ersten großen Morden im Europa der Neuzeit, ein Krieg, der Millionen von Menschen tötete, zu Krüppeln machte, sie durch Senfgas blendete, der dennoch, wie alle Kriege, ein Morden war, in das auf allen Seiten Menschen fröhlich hineinzogen und voller Leid und Traurigkeit herauskamen, wenn sie ihn überlebt hatten. Die vor der Kriegtreiberei warnten, die Friedensbewegung hatte gewarnt, Berta von Suttner, Alfred Fried, Rosa Luxemburg, der Gründer des Roten Kreuzes Henry Dunant und so manche andere wollten den Frieden, viele standen auf gegen den Krieg, schafften es, mit der Haager die sog. „Haager Landkriegsordnung“ zu begründen, in der es hieß:
„Die Staaten haben kein unbegrenztes Recht der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.“
Ein einzigartiger Rechtsatz, ein Eingriff in die Souveränität von Staaten, Krieg zu führen, wie Strategen und Politiker das wollen. Eine Begrenzung der Souveränität eines jeden Staates Krieg zu führen nach den um jeden Preis am Sieg orientierten Strategien allein.
Schon vergessen, worum es damals ging?
Im modernen Industriezeitalter sahen sie die Industrialisierung des Krieges mit all seinen brutalen Auswirkungen der industriell gefertigten Massenvernichtunsgmittel, mit der tief eingebunden in das wirtschaftliche System bestehenden industrialisierten Kriegsmaschinerie.
Das 19. Jahrhundert ist Ursprung des totalen Kriegs, angefangen im ersten Massenvernichtungskrieg der Geschichte, dem amerikanischen Bürgerkrieg, aus dem alle darauf folgenden, Kriege führenden Mächte lernten, wie man Meister darin werden kann, von der totalen Mobilmachung der Massen zum totalen Krieg kommen kann. Das 20. Jahrhundert fand dann seinen Kriegsmeister, den totalen Krieg über die halbe Welt zu verbreiten.
Der Wahn des Krieges ist kein Wahn, sondern Wahnsinn als politischer Wille, den Menschen in die Hirne gedrückt als historische Notwendigkeit oder als Schicksal oder als (scheinbar) Gerechter Krieg oder als gottgewollter heroischer Waffengang. Die den Krieg wollen, sie entwickeln große Phantasie, den Krieg nicht als Morden von Menschen zu bezeichnen, sondern solches, was die Basis eines jeden Krieges ist, dass nämlich Menschen befähigt werden, Menschen zu töten, zu verschleiern für welche politisch-ideologisch benannten Ziele auch immer. Und über allem stehen mit Argusaugen jene, denen der Krieg nicht Wahnsinn oder Wahn, sondern Profit und dafür auch wirtschaftliches Kalkül ist.
Das gilt bis heute uneingeschränkt.
Die das Leben der hier auf unserem Friedhof ruhenden Opfer, das der Gefallenen und zu Krüppeln geschossenen Bürger unseres Groß-Rohrheim, das der anderen 55 Mio Kriegstoten und der unzähligen Kriegsversehrten des Zweiten Weltkrieges schützen und retten wollten, die das Leben der Geschändeten und Gemordeten der Gewaltherrschaft der Nazis - Juden, Roma und Sinti, der politischen Opfer auch, das der Bombenopfer unserer Städte und all die anderen Leben gleichermaßen, auch das von Russen und Polen, Tschechen, der Franzosen, Engländer, Amerikaner und welcher der Millionen von Menschen jener vielen Völker im Krieg - retten wollten, die Millionen von deutschen Soldaten vor dem Leiden einer langjährigen Kriegsgefangenschaft schützen wollten, die verhindern wollten, dass Ehen durch Krieg, Leiden und Gefangenschaft zerbrachen, dass Kinder zu Waisen, Frau zu Witwen wurden, die verhindern wollten, dass Bombenteppiche menschliches Leben hunderttausendfach unter sich begraben oder im Feuersturm den Flammen zum Fraß geopfert werden , sie landeten in den Gefängnissen und KZs der Nazis, wurden gefoltert, erschossen, gehenkt, mussten fliehen, wurden beschimpft und verunglimpft als Volksverräter Wehrkraftzersetzer.
Doch die für den Frieden stritten ahnten selbst damals noch nicht, dass die Kriegsbereitschaft der Menschen seit dem 8. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki eine Tötungsmaschinerie in Gang setzen würde, die selbst heute noch unsere Welt 40fach total vernichten kann, und dass es auch heute noch Menschen gibt, die mit diesem Wahnsinn Politik betreiben wollen. Das sind übrigens ganz seriöse Damen und Herren, denen man auf den Cocktailpartys dieser Welt oft begegnen kann. Folge leisten wollen. und die uns immer noch auch heute mit der totalen Vernichtung bedroht.
Doch weiter, was noch ahnten die für den Frieden stritten damals noch nicht?
Sie ahnten nicht, dass eines Tages Kindersoldaten wie in finstersten Zeiten zu Mördern erzogen werden, sie ahnten nicht, dass die im Ersten Weltkrieg erfundene Chemikalien auch gegen Menschen in Auschwitz und genauso in Kurdistan verwendbar sind, dass im fernen Vietnam Natur und Menschen auf Jahrhunderte hin chemisch vernichten würde.
Sie wussten damals schon wie wir heute, auch, dass Krieg nicht erst anfängt mit dem ersten Schuß.
Vergessen wir nicht, die Sache des Krieges ist ein gutes Geschäft. Der Handel mit Kriegswaffen hat heute Ausmaße erreicht, wie nie zu vor, sagen uns die Friedensforschungsinstitute.
Die Rüstungsindustrie ist ein Wirtschaftszweig, der in Europa und den USA etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigenständige Industrie wurde.
Nach einer Analyse des Stockholmer International Peace Research Institutes exportierte Deutschland 2005 Rüstungsgüter im Wert von 1,5 Milliarden Dollar, 2006 erhöhte sich der Wert auf 3,9 Milliarden Dollar, womit Deutschland auf Platz drei der Waffenhandel treibenden Staaten hinter den USA (7,9) und Russland (6,6) vor Frankreich (1,6 Mrd. $) aufrückte
Von 2002 bis 2006 stiegen laut dem Stockholmer International Peace Research Institute die Umsätze beim internationalen Waffenhandel um 50 Prozent. Die mit Abstand größten Exporteure sind dabei die USA und Russland. Deutschland war im Zeitraum von 2002 bis 2006 mit 6,9 Milliarden Euro der drittgrößte Exporteur, an vierter Stelle kam Frankreich
Es war immer eine kleine Zahl, die den Frieden und so die Menschen vor dem Kriegsmorden retten wollten. Sie standen und stehen bis heute meist ausserhalb der Machtzentren von Politik und Wirtschaft. Und wenn es darum geht, das Recht der Menschen zu leben, auch in Würde zu leben, zu wollen und zu schützen, dann werden sie als Verräter oder vaterlandslose Gesellen oder als Naivlinge, die von Politik keine Ahnung haben und deren komplexe Zusammenhänge scheinbar nicht verstehen, diffamiert.
Wir aber haben eine Ahnung, mehr noch, wir wissen es, gerade auch wir hier in Deutschland, was Krieg und Gewaltherrschaft ist! Wer heute noch von Krieg als Mittel der Politik spricht, wie einstmals Clausewitz, wer heute noch Krieg - egal wo und wie - einsetzt als Mittel der Politik, stampft über die Gräber der Opfer hinweg, hat nichts gelernt, weil er nicht hören will.
Wir sprechen oft von den Strukturen und Verhältnissen, die nicht so seien, wie die Friedensboten und Friedensbotinnen es gerne wollen. Aber es gibt hierbei keine Strukturen und Verhältnisse, die nicht von Menschen gemacht sind und also auch von Menschen anders gemacht werden können, als dass Krieg und Gewalt herrschen kann..
Sind denn die 55 Mio Menschenopfer des Weltkrieges in Europa, die etwa 10 Mio Opfer deutscher Gewaltherrschaft der Nazis, ja und auch die 50 Mio Opfer kriegerischer Mordbrennerei in des Zweiten Weltkriegs asiatischer Schlachten nicht genug, nicht endlich genug des Leidens unter menschlicher Gewalt und der politischen und wirtschaftlichen Bereitschaft zur massenvernichtenden Gewalt?
Heute ist ein Tag des Gedenkens, der uns aufruft, im Angesicht unserer eigenen Toten, hier in Groß-Rohrheim dieser und auch aller Toten solcher Gewalt zu gedenken. Wir würden fälschlich Gedenken, würden vor den Opfern als Zeugen ihres Leidens nicht bestehen können, wenn unser Gedenken nicht Trauer und unsere Trauer nicht leidenschaftliches Wollen gegen den Krieg wird. Unter jedem Kriegsgräberkreuz liegt ein Mensch, der einst lebte und leben wollte, wie wir. In jedem Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft ist eingebunden das schreiende Zeugnis unzähliger Mordopfer. Trauern wir um sie, dann trauern wir, weil sie nicht mehr leben und weil sie aus ihrem gewaltsamen Tode heraus uns zurufen, dass sie ja auch leben wollten wie wir – und es nicht durften, nicht etwa, weil es die Strukturen und Verhältnisse nicht erlaubten, sondern weil es Menschen, die den Krieg machten, nicht wollten.
Unser Gedenken heute ist Trauer um unsere Toten, es ist aber nicht nur die Trauer um unsere Toten, es ist die Trauer um die Toten aller Kriege. Wenn wir am heutigen Volkstrauertag daran erinnern, dann auch daran wie grausam und furchtbar die Menschen sind, die Kriege anzetteln und legitimieren.
… Und es mischt sich in die Trauer bei mir auch Zorn und Wut auf jene, die immer noch glauben, Krieg sei ein angemessenes Mittel der Politik, wenn die Diplomatie scheitert. Wirkliche Friedenspolitik zielt nicht bloß darauf, Kriege, wenn sie, gemeinsam mit allen Kriegsgewinnlern im Schlepptau vor der Haustür stehen, sie zu vermeiden oder zu verhindern ist nicht Friedenspolitik. Friedenspolitik ist die Politik zu nennen, die die Prä-Konditionen der Kriege von vornherein vermeidet, sie ist deswegen ein Politik die auf Gerechtigkeit aus ist, eine Gerechtigkeit der internationalen wirtschaftlichen Verhältnisse, eine Gerechtigkeit, die von vornherein Ausbeutung durch die Regulierung der wirtschaftlichen Bereiche verhindert. Friedenspolitik ist jene Politik die das Völkerrecht, das Menschenrecht achtet und juristisch auch international durchsetzt. Friedenspolitik ist eine globale Ordnungspolitik, die das Gemeinwohl aller zur Grundlage hat. Zur Friedenspolitik gehört auch die Respektierung des Rechtsanspruchs des internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag und seine Zuständigkeit zur Rechtsprechung.
Weltweit führte die Menschheit seit Ende des Zweiten Weltkriegs fast unbegrenzt, wenn auch meist unerklärt unzählige weitere Kriege. So, als habe man aus dem NIE WIEDER von damals nichts gelernt. Ich nenne hier nur den nicht enden wollenden Irak-Krieg ebenso wie den fast schon vergessenen, grausamen Balkan-Krieg mitten in Europa, die Kämpfe in Afghanistan - und den nahezu unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit stattfinden Krieg im Sudan. Mehr Menschen starben in diesen Kriegen als in den beiden Weltkriegen, mehr Menschen wurden zur Flicht gezwungen als in den beiden Weltkriegen gemeinsam. 80% der Opfer dieser Kriege waren und sind heute Zivilisten. Soll das immer so weiter gehen?
Ich sage es in aller Klarheit und mit Blick auf den diesen Feiertag: Wir dürfen nicht zulassen, dass die, die ständig seit Jahren das Ziehen von Schlussstrichen verkünden und die einschlägigen Neonazis den Volkstrauertag verunglimpfen und Millionen Opfer der NS-Gewaltherrschaft verhöhnen. Mit falscher Toleranz diesen gegenüber ignorieren wir den Zeugnistod der Opfer und werden wir weiter Opfer verursachen.
Daß heute die meisten Kriegsopfer in der so genannten Dritten Welt zu beklagen sind, macht uns blind für sie. Rassismen, arrogante Weltbeherrschung der reichen Industriestaaten, Angst und Sorge um den Verlust des auf Unrecht aufgebauten Wohlstands blenden uns, der blutigen Wahrheit ins Gesicht zu schauen: Unsere Waffen schießen heute vor allem in den Länden der Dritten Welt! Und wir profitieren davon.
Wenn sich 1945 elf Millionen deutsche Soldaten in 12.800 Lagern und in über 80 Ländern in Kriegsgefangenschaft befanden, dann sagt das vor allem eins: welch ungeheuerliche Dimension der von den Nazis begonnene Angriffskrieg hatte. Ein Weltenbrand, wie ihn die Welt vorher noch nicht gesehen hatte. Mit vielen Millionen Opfern von Krieg und Gewalt.
Der 8. Mai 1945 war, wie es der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker formuliert hat, ein Tag der Befreiung der Deutschen von der Nazi-Herrschaft. Er war das Ende des von den Deutschen begonnenen Angriffskriegs gegen andere Völker. Es war der Tag, an dem zumindest im Westen Deutschlands die Demokratie wieder eine Chance bekam.
Der Volkstrauertag ist wie kein anderer Tag ein Tag des Innehaltens, des Erinnerns und des Mitgefühls. Es gilt, jeden Tag und alle Zeit friedliches Miteinander zu praktizieren. Auch im Alltag. Auch hier bei uns, kann jede und jeder etwas für den Frieden tun.
Es kommt darauf den Hass aufzugeben. Und stattdessen darauf an, Toleranz, Mitmenschlichkeit und solidarisches Miteinander zu üben.
Wir wollen an diesem Tag der vielen Kriegstoten und der Opfer des Nazi-Regimes gedenken.
Wir wollen der Frauen und Kinder gedenken, die in diesem Krieg –als Opfer der Deutschen und als deutsche Opfer ebenso - in Bombardements ohne jeden Vergleich gemordet wurden.
Wir wollen all jener Kriegsopfer gedenken, die in den Kriegen seither zu Opfern wurden.
Unser Gedenken sei unser Denken und unserem Denken müssen endlich Taten folgen
- oder unser Denken ist falsch und unser Gedenken ein Hohn und eine Verhöhnung der Opfer.
Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Freunde der Gemeinde, liebe Gemeindeglieder,
Heute las ich in der Zeitung, dass man ein Endlager für den Atommüll suche, das ca. 1.000.000 Jahre Sicherheit garantiere.
Vor 1.000.000 Jahren durchstreiften wir Menschen erstmals das Rheinland, vielleicht auch schon das Ried. 300.000 Jahre später konnten wir uns dann aufrichten und den Tieren mit aufrechtem Gang Paroli bieten. Und sahen etwa so aus, wie jener Zeitgenosse vor dem Mammut. Im Neandertal tauchten wir vor ca. 120.000 Jahren auf, doch der mit seinem Verstand denkende Mensch, der „homo sapiens“ ist in diesem Ablauf der Menschheitsgeschichte erst 40.000 Jahre alt.
Vor 5.300 Jahren wurde Ötzi in den östereischischen Alpen hinterrücks ermordet. Der sah schon recht manierlich aus, wie wir uns Menschen auch heute vorstellen können. Allerdings ist seine Erscheinung als Zukunftsversion unserer Menschheit auch nicht gerade viel versprechend. Das Bild zeigt eine Rekonstruktion des Ötzi..
Etwa in der Zeit unseres noch ziemlich wilden Ötzi entwickelte sich im fernen China die erste Hochkultur, die Hemdu-Kultur (ab ca. 7000 v.Chr.), die die Pengtoushan-Kultur ablöste und der schon Kulturtechniken wie die Kupfer- Seiden- und Lackproduktion eigen war. Musik wurde gemacht, wie man den Funden verschiedener Flötenarten entnehmen kann und Ackerbau und Viehzucht waren ganz und gar entwickelt. In Kleinasiens Kulturlandschaft entstand in diesen Jahren das Rein Mesopothamien. Wir beginnen uns jenen Zeiten zu nähern, die für die Entwicklung unserer heutigen Kulturen deutlich Vorgängerfunktionen hatten. Ab etwa 5000 vor Christus folgte dem mesopotamischen Reich bald der ägyptische Kulturraum in seiner Entwicklung auf den Fersen, wir nähern uns allmählich der auch von uns heutige ansatzweise nachvollziehbaren Vorzeit unserer eigenen Kulturlandschaft.
Wie Wissenschaftler der Universität von Auckland festgestellt haben, spalteten sich ungefähr 6500 vor Christus verschiedene kleinasiatische, anatolische Stämme von ihrem Mutterstamm ab und wanderten von der Schwarzmeersenke nach der Landbrücke des Bosporus nach Europa. Das sagenhafte Atlantis soll damals den Naturgewalten zum Opfer gefallen sein und hinterließ seit dem seine mythischen Spuren, die voraussichtlich die mythologische Grundlage der Geschichte der Arche Noah bilden.
Wir wollen nun 1.000.000 Jahre überbrücken, planen mit unserer heutigen zivilisatorischen Kompetenz eine Zeit zu gestalten, die weder rückwärtsgewandt noch nach vorn blickend in unser Vorstellungsvermögen passt?
Im Griechischen gibt es das Wort „Hybris“, übersetzt als Hochmut, Übermut und Anmaßung. Diese „Hybris“ ist in den antiken griechischen Tragödien der Auslöser für den Niedergang ihrer Hauptfiguren, die in ihrer Überheblichkeit Befehle und Gesetze der Götter ignorieren und unvermeidlich zu ihrem Fall und schließlichen Untergang führt. „Hybris“ ist nicht nur ein inneres Gefühl. Vielmehr bezeichnet es im Griechischen eine Handlung aus einem inneren Gefühl heraus. Beim alten Homer bezeichnet es die Zügellosigkeit, das sich Austoben, die mutwillige Gewalt und Frechheit, Gier und Lüsternheit. Das davon abgeleitete Wort der „Hybrisma“ bedeutet Frevel, Vergewaltigung und Raub.
Muß ich noch viel sagen zum Ansinnen, unseren Atommüll über 1000000 Jahre mit absoluter Sicherheit lagern zu wollen? Muss ich noch viel sagen zur Frage der Atomkraft, ihrer Folgen, ihrer Kosten für uns Heutige, für die Menschheit insgesamt? Über Habgier und Anmaßung, über Frevel, Vergewaltigung der Menschheit, Raub der Zukunft?.
Die Geschichte der Menschheit, so der Philosoph Hegel, ist der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, womit er nicht allein die politische Freiheit meint, sondern jene, die der Mensch seit seiner Entstehung immer mehr gegenüber der Natur gewonnen hat. Geschichte ist also ein „Reifungsprozeß“ der Menschheit. Die Naturgeschichte dagegen ist die „Entfaltung der Natur Gottes“. Wir hören den Pfarrerssohn in beiden Vorstellungen dessen, was denn Geschichte sei heraus. Der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers führt dies weiter aus wenn er sagt: „Wir sprechen von Geschichte der Natur und von Geschichte der Menschen. Beiden gemeinsam ist ein unumkehrbarer Prozeß der Zeit.“ Dennoch, so Jaspers“ sind die Geschichte der Natur und die der Menschen voneinander grundlegend unterschieden, denn „die Geschichte der Natur ist ihrer selbst nicht bewußt. Sie ist ein bloßes Geschehen … von dem erst der Mensch weiß.“ Es sei deshalb eine „Verführung unseres in Kategorien der Natur gewohnten Denkens, die Geschichte selber … nach Analogien von Naturgeschehen zu betrachten.“
Werden wir diesen Prozeß der Geschichte als den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ (Hegel) in die Richtung aufrecht erhalten können, daß es für uns überhaupt noch einen solchen Prozeß geben wird, was ja voraussetzt, dass es uns als Menschen auch in Zukunft noch geben wird? Oder sägen wir gewaltig, frevelhaft, als Raub der Zukunft – also mit „Hybris“ - an dem Ast, auf dem die Menschheit dieser Erde sitzt? Welche Altlasten überlassen wir unseren Nachgeborenen und werden unsere Nachgeborenen damit umgehen können? Wird es auf die Dauer von 1000000 Jahren unter uns die wissenschaftliche Kompetenz geben, mit dieser strahlenden Altlast umzugehen? Werden wir heute Sicherheitskonzepte erstellen können, die über 1000000 Jahre Bestand haben werden? Ist unsere „Hybris“ der Anschlag des heutigen Menschen auf den Rest der Menschheitsgeschichte, die es eines Tages, verursacht durch uns, nicht mehr geben wird?
Geschichte sei ein umunkehrbarer Prozeß der Zeit, sagt Karl Jaspers. Ist die heutige Entscheidung, den Atommüll über 1000000 Jahre zu lagern wirklich unumkehrbar? Angesichts der Tatsache, dass wir mit dem Risiko der Vernichtung der 1000000 Jahre Menschheitsgeschichte auch uns vernichten können, ist der Prozeß der Zeit zwar nicht umkehrbar, wohl aber – sollten wir als Menschheit überleben – die Geschichte der Menschheit zu Ende gebracht worden, wenn wir die konkreten Entscheidungen, die uns in diese Richtung führen, nicht umkehren..
Karl Jaspers würde sich meinen diesbezüglichen Zweifeln wohl anschließen. Unsere heutige Entscheidung für die Sicherheit der Atommülllagerung über die nächsten 1000000 Jahre ist in einem ganz anderen Sinne eben durchaus umkehrbar, denn wir sind Menschen, die wissen, dass das nicht geht, und dass es eine Verführung unseres Denkens ist, das das Leben als das fortgesetzte Geschehen einer Naturhaftigkeit sehen möchte, als sei die Zeit wie ein Perpetuum Mobile. Das Wissen von der Naturgeschichte und auch das von der Menschheitsgeschichte verbietet uns dies. Lediglich die „Hybris“ erlaubt es – und dazu haben uns die griechischen Tragödienschreiber der Antike einiges ins Buch geschrieben. Dort können wir lesen, wie das Ende der „Hybris“ aussehen wird.
Brauchen wir in dieser Situation etwas von Gott? Gott wird die in unserer „Hybris“ geschaffenen Lager nicht mit seinen Erzengeln für uns bewachen. Vielleicht könnten wir aber von Gott die Kraft erlangen, gegen die „Hybris“ unserer Lobbys anzugehen. Damit würden wir die griechische Tragödie verlassen können, würden uns befreien können von der Falle der „Hybris“.
Es mag ja sein, dass unsere energiehungrige Zeit in der Atomkraft die einzige Lösung der Wahrung unseres Lebensstandards sehen kann. Es mag sein, dass es dazu keine Alternative gibt. Es mag auch sein, dass unser TÜV gut genug, unser technologisches Know-How groß genug ist, die Atomkraftwerke zu Inseln absoluter Sicherheit zu machen, soweit wir ihren naturwissenschaftlich-technologischen Gegebenheiten dies zutrauen wollen oder können. Es mag auch sein, dass die Geldgier der Energieversorgungsgiganten (eine Übersetzung des Wortes „Hybris“ ist die Gier!) gezügelt werden kann. Es mag sogar sein, dass die Wissenschaft in den kommenden Jahren zu Ergebnissen kommt, die die fortgesetzte Strahlung atomaren Mülls ein für alle Male beheben können wird.
Nur können wir nicht warten, dass dies alles so sei. Technik und Mensch sind beide nicht frei von Fehlern. Nur die „Hybris“ kann dies glauben. Angesichts dieser Hybris sollten wir wohl wirklich Menschen werden, wie der „homo sapiens“, der denkende Mensch. Dessen Erkenntnis der „Hybris“ gebietet schon jetzt den Widerstand, den wir solchem Irrglauben an unsere eigene, selbstherrlich behauptete Großartigkeit, 1000000 Jahre im voraus planend, lebensgefährliches Gift sichern zu können um Gottes Willen entgegen setzten.
Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Gemeinde, liebe Freunde der Gemeinde,
die herbstliche Jahreszeit hat sich termingerecht gemeldet. Bald fliegen die Blätter, die Natur bereitet sich auf den Winter vor.
Ich freue mich, dass wir doch noch Vieles von den vier Jahreszeiten mitbekommen, so sehr die zum größten Teil ja wohl menschengemachten Klimaprobleme uns auch Sorgen bereiten und oftmals die Jahreszeitenabfolge ziemlich durcheinander bringen.
Der Herbstanfang hat uns aber noch anderes gebracht, nicht nur die schöne Jahreszeit. Da ist die gigantische Finanzkrise, auch von Menschen gemacht, von Menschen, die den Hals nicht voll bekommen können vor Habgier und Geldgeilheit. Und da ist, parallel dazu die deswegen ebenfalls gigantische Haushaltskrise, die zuerst die amerikanische Gesellschaft mit unvorstellbaren Milliardensummen – hingeschüttet zur Stabilisierung der Finanzmärkte – belastet und die auch bei uns bald gefährliche Staatsverschuldungen produzieren wird. Politiker wollen die Situation dämpfen, man habe alles unter Kontrolle, bei uns werde sich davon nur wenig zeigen usw. Wie auch immer dies bei uns eines baldigen Tages in den Negativzahlen unserer staatlichen Haushalte in Erscheinung treten wird, wir wissen, dass wir durch unverantwortliche Spekulationsgier weltwirtschaftlich an den Rand einer Katastrophe geraten sind. In der Tat, wer jetzt nichts gelernt hat, tanzt wider besseres Wissen auf einem heißen, bebenden Vulkan.
Der Herbstanfang weist auch bereits auf einige kommende wichtige Feiertage hin, vor allem auf das Erntedankfest. Der Altar wird schön geschmückt sein, die Kinder des Kindergartens werden zu uns in den Gottesdienst kommen mit einem Bollerwagen voller guter Lebensmittel, wir werden die Lieder singen, die uns Bilder aus der Landwirtschaft zeigen werden, die die Schöpfung besingen.
Nehmen wir das eigentlich noch ernsthaft wahr, dass unsere Welt nicht in unserer Hand liegt, dass wir sie bestellen und bewahren sollen, damit sie uns Menschen diene zum Leben? Sonntagsreden der Politiker, frommer Worte der Prediger, sie alle beschwören es immer wieder. Menschen in Rohrheim suchen danach, ihr Dorf gegen die Widernisse der Beschmutzung, gar Zerstörung unserer Umwelt zu schützen, in einem Wäldchen beim Flughafen Frankfurt demonstrieren junge Menschen im Zelt- und Hüttendorf wie wir einst gegen die Startbahn West in unseren jungen Jahren, nun auch wieder gegen die neue des Rhein-Main-Molochs und das Wachsen seiner landverschlingenden krakenähnlichen Arme.
Nein, ich bin keiner, der sich polemisch gegen die Sonntagsreden oder die Predigten wendet, schon gar nicht will ich mit Häme überziehen all jene, die sich der Zerstörung der natürlichen Welt des Menschen, von Menschen selber als ihre Umwelt bezeichnet, entgegenstemmen. Im Gegenteil, ich halte all diese für die uns möglichen Zeichen und Handlungen eben das ernst zu nehmen, was besonders wir Christen doch wissen, dass wir Verantwortung haben für das was geschieht in und mit unserer Welt. Und wie wir zu Hause mit diesen und den vielen anderen Zeichen und Zeugen der Weltverantwortung umgehen, ob wir mit unseren Kindern und Kindeskindern in eben diesem Sinne darüber reden, ob wir Ausflüge machen zu jenen im Wald beim Flughafen, ob wir den Jugendlichen etwas erzählen von der langen Geschichte, allein schon unserer eigenen Generation relativ langer Geschichte, dem entgegen zu stehen, was unsere Welt und also auch die Umwelt opfert den Interessen wirtschaftlicher Lobbys.
Nein, ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, volkswirtschaftliches Wachstum sollte nicht sein. In jeder Volkswirtschaft muss es Wachstum geben. Doch was ist das eigentlich, dieses volkswirtschaftliche Wachstum? Es gibt, so lernte ich in meinem Volkswirtschaftsstudium an der Universität in Frankfurt, keine Volkswirtschaft, die stillstehen könnte, sie ist immer „instabil“, wie die Wissenschaftler das nennen. Schon die Produktionsmittel, wie alle materiellen Dinge unserer Welt sind durch ihre Beständigkeitsgrenzen, die Dauer ihrer Haltbarkeit oder Produktivität bestimmt. Jede Volkswirtschaft unterliegt sehr natürlichen, physischen Grenzen, die jede Volkswirtschaft „instabil“ sein lassen. Auch die demographische Entwicklung gehört hier dazu. Dies alles lässt sich in Zyklen messen lassen. Das Wachstum verschafft der Volkswirtschaft die nötigen Handlungsmöglichkeiten für notwendige Innovationen. Wo sich dies allerdings verselbständigt, handelt es sich nicht mehr um ein notwendiges Wachstum, sondern um ein chaotisches, ein willkürliches. Das Wachstum zu steuern, ist das Ziel staatlicher Ordnungspolitik.
Das Wachstum, das sich nicht an sozialen, ethischen Maßstäben orientiert, ist ein solches chaotisches Wachstum. Und gerade über diesen Punkt gibt es gesellschaftlich immer wieder Streit und heftige Auseinandersetzungen.
Seit 30 Jahren versuchen Wirtschaftskreise auf breitester Front, die Wirtschaft von dieser sozialen, ethischen Verantwortung zu „befreien“, sie fordern die Freiheit des Kapitals sich nach den scheinbar eigenen Gesetzen entwickeln zu können und verleugnen dabei, dass jedes Wachstum der Wirtschaft nicht schicksalhaft sich entwickelt, sondern von Menschen gemacht ist, und hier fängt das „Prinzip der Verantwortung“, wie es der Philosoph Jonas einmal nannte, an, seine Bedeutung zu entfalten. Mit welcher Verantwortung gehen wir an unser Wirtschaften heran? Als zu Beginn unseres modernen kapitalistischen Wirtschaftssystems im 19. Jahrhundert Menschen für diese Verantwortung eintraten, da waren es jene, die wesentliche dieses Wachstum erwirtschafteten, die Arbeiter der damals noch jungen Industrie, ihre Gewerkschaften, ihre politischen Parteien. Sie forderten eine Ordnungspolitik des Staates, die das Wachstum steuert, reguliert, seine Gewinne vor allem auch weithin zurückfließen lässt in die Entwicklung gesellschaftlicher Sicherungen, sozialen Fortschritts auf breitester Ebene.
In diesen letzten 30 Jahren wurden seitens der meisten Regierungen des Westens Freiräume wirtschaftlichen Handelns ermöglicht, in denen sich Habgier zum Motor des wirtschaftlichen Systems entwickeln konnte. Deswegen stehen wir nun vor dem Chaos unserer Weltwirtschaft, denn die Regierungen aller westlichen Staaten haben sich als Verantwortliche für die ordnungspolitische Regulierung der Wirtschaft besonders auch auf den Finanzmärkten – aber nicht nur da - sehr stark zurückgenommen. Sie haben viel zu viel Terrain jenen überlassen, die nach Freiheit von diesen Regulierungen riefen. Ihre gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit bezahlen die Regierungen nun mit immensen Zuschüssen zu Stabilisierung der Volkswirtschaften aus Steuermitteln, aus öffentlichem Geld, aus jenem Geld nämlich, das wir, die Bürger, durch unsere Steuern dem Staat für öffentliches und politisches Handeln im Interesse der Bürger zur Verfügung stellen. Die Fachleute machen uns klar, dass es dazu keine Alternative gibt, im Gegenteil die Alternative hieße Chaos mit allen politischen Konsequenzen, die besonders wir in Deutschland und von uns ausgehend ein großer Teil der europäischen Welt erleiden mussten.
Ein ähnliches Chaos hatte Jesus erkannt, damals in Israel. Die „freie Wirtschaft“ hatte den Tempel okkupiert – er trieb sie aus dem Tempel. Er stand einstmals auf einem Berg westlich von Jericho und schaute hinunter in die damals mondäne Luxus-Oase Jericho, als der Teufel in fragte, wie uns dies narrativ im Evangelium berichtet wird, ob er denn diese Welt haben wolle, in ihr herrschen wolle, wie es sich gehört, versteht sich, im Einklang mit de dort unten feiernden Eliten, was er schroff zurückwies: Diese Welt wird ihn nicht als elitärer Teilhaber am Glanzleben der Eliten vorfinden, sondern bei den Hütten der Opfer des von diesen verursachten Chaos, die Fixierung am Mammon, dem Geld also und seiner gierigen Vermehrung verurteilte er und eher komme ein Kamel durch das Nadelöhr, denn ein durch dieses Chaos reich gewordener Mensch. Viele Aussagen sowohl des Neuen Testaments als auch die des Alten Testaments beschäftigen sich u.a. mit der Verantwortung des Menschen für das Gemeinwohl seiner Gesellschaft. Sie verurteilen und verdammen jene, die die Ungerechtigkeit brauchen, für sich selber konsequenterweise auch machen und zwangsläufig massenhaft Opfer „produzieren“, um reich zu werden. Besonders die Texte des Alten Testaments machen die regierenden König und ihre Herrschafts- und Wirtschaftseliten direkt verantwortlich für das Versagen der sozial verantwortlichen Regulierungen der Wirtschaft. Gott selber spricht durch die Propheten die schlimmsten Verurteilungen. Gott reguliert nicht selber, sondern fordert die aktive Regierungsverantwortung für die Wohlfahrt im Lande.
Haben wir unseren Glauben so sehr auf unser eigenes und privates Heil reduziert, dass wir diese Stimmen der biblischen Texte nicht mehr hören und verstehen können und unsererseits daraus nun auch nicht mehr konsequente Forderungen ableiten können? Zum Glück nimmt weder Gott noch nimmt Jesus irgendetwas davon zurück, was sie als verantwortliches Handeln den Menschen vermitteln wollen. Das besteht durchgängig, was Gott und Jesus meinen, besteht bis heute. Es hängt nicht davon ab, ob wir es hören und verstehen. Besser aber ist es, wir hören es, wir verstehen es und lassen uns davon anspornen, unsererseits an der Wohlfahrt der Menschen in dieser Welt politisch zu denken und zu handeln.
Pfarrer Konrad Knolle
September 2008
Liebe Gemeinde, liebe Freunde der Gemeinde,
Alles ist hell in diesen sommerlichen Tagen. Manchmal nur bricht eine dunkle Wolke sich Bahn und verdeckt die Helligkeit der strahlenden, wärmenden Sonne.
Ist das nicht in unserem Leben ebenfalls so? Ich möchte heute gerne einige Erfahrungen mit Sterben und Tod mit Ihnen teilen. Erfahrungen, die ich selber machte, als meine älteste Schwester vor einer Woche starb.
Da laufen wir tagaus und tagein durch unser Leben, Freunde und Verwandte sind an unserer Seite, wir können uns mit ihnen freuen, feiern Feste miteinander, das alles nehmen wir wie selbstverständlich hin.
Doch dann kommt jene dunkle Wolke, wie wir sie nie aus unserem Leben endgültig verbannen können, auch wenn wir deren Möglichkeit weit wegschieben wollen.
Ich erlebe manchmal, dass der unverhoffte und, wie die Wolke, weit aus unserem Alltag weggeschobene Tod ins Haus eintritt. Sind wir darauf vorbereitet, dass er nach einem nahe stehenden Menschen, gar nach uns selber greifen könnte? Dann, wenn es passiert, sind wir meisten wenig vorbereitet darauf. Ich meine, wir sind vor allem seelisch wenig darauf vorbereitet, so aufgeklärt und informiert wir über Leben und Tod auch sein mögen.
Ich habe dies vor wenigen Tagen selber erlebt, als meine älteste Schwester starb. Krebs! Ja, sie war einige Zeit und, wenn auch weit weggeschoben aus unserem Deken, zwar längst schon todkrank, hustete, wie nur Kettenraucher bis zu Hustenkrämpfen an den Rand von Erstickungsängsten husten . Wir warnten sie, ermahnten sie, sie möge doch zum Arzt gehen. Sie wischte alle guten Mahnungen beiseite. Es sei nur eine Erkältung, meinte sie. Es war eben doch nicht „nur eine Erkältung“. Es war der Krebs. Dann schließlich, man hatte es zufällig herausgefunden, musste sie ins Krankenhaus. Es folgten ihre und der Ärzte Versuche gegen den sicheren Tod zu kämpfen,. Bei mir stand die bange Frage im Mittelpunkt: Wie lange wird sie nun im Krankenhaus am Leben gehalten? Wird sie ruhig sterben können, wird sie sich ihrer Todessituation bewußt werden? Würde sie ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Sterben, sie war zeit ihres Lebens in der Gründung und Leitung von Altenheimen der Inneren Mission tätig und kannte diese letzten Tage des Lebens, auf sich selber anwenden können? Nach einer Darmoperation war es auch den Ärzten klar: Sie konnten nichts mehr machen.
Da trat ein Engel an ihr Bett. Er sprach mit ihr, medizinisch versiert, machte ihr deutlich, dass sie sterben werde. Der Engel war der leitende Arzt, sensibel, menschlich, seelsorgerlich brachte er ihr diese Nachricht ans Krankenbett. Es folgten ein, vielleicht zwei Tage des inneren Kampfes gegen den Tod, dann trat sie in einen Raum der inneren Ruhe ein. Ihr Gesicht entspannte sich, sie konnte wieder scherzen und lachen, ihre Augen funkelten wieder, ganz wie sonst auch, mit jenem schönen Humor, der ihr eigen war. Wenn ich dann bei ihr war, oben im hohen Norden, in Lübeck, dann konnten wir miteinander über die Psalmen reden, beten, hin und wieder auch einen Liedvers miteinander sprechen, auch scherzen und witzig sein. Und dann starb sie.
Wenige Tage später stand ich in ihrer Wohnung. Es galt aufzuräumen, auszuräumen, abzuwickeln, ein Leben unter uns in seinen materiellen Gütern abzuschließen So manchen Pullover hatte ich da in meiner Hand und musste daran denken, wie sie ihn getragen hatte, das Kribbeln kam in die Nasenwurzel, Tränen, Weinen drängte sich ein. Nun würden wir nicht mehr miteinander reden, diskutieren, scherzen können, nie mehr. Verlust!
Doch dann kam auch das andere immer stärker hinzu: War sie jetzt nicht bei Gott, in seiner Ruhe in seinem unendlichen, seinem ewigen Anspruch auf Leben, wie wir selten es als unseres erfahren mögen, von dem wir aber wissen, dass er gilt jenseits aller sichtbaren „weltlichen“, „real sichtbaren“ menschlichen Eigenschaften?
Ich wickelte ihr Eigentum ab – und erlebte in mir ein Wissen davon, dass wir Menschen unter uns so sehr nach Eigentum streben, und das ist gut und richtig, aber wir vergessen vielleicht manchmal doch, dass all unser Eigentum nichts ist angesichts dessen, dass wir Eigentum Gottes sind. Er hat uns, wie Jesaja sagt, bei unserem Namen gerufen und wir sind sein Eigentum. Wir beziehen unser persönliches Hab und Gut, unser Eigentum auf uns, halten fest daran, wollen wenigstens einige uns wichtige Dinge als uns Wichtiges um uns haben. Und so ist das auch bei Gott. Er bezieht uns als sein Eigentum ganz und gar auf sich, möchte uns ganz und gar um sich haben, uns als sein Wichtigstes bei sich haben, und das gilt im Leben wie im Sterben und so auch über den Tod hinaus.
Die Dinge unseres Eigentums sind materiell. Sie können nicht auf uns reagieren. Wir aber als Gottes Eigentum können darauf reagieren, dass wir sein Eigentum sind. Gott lädt uns ein, darauf zu reagieren, nicht passiv sein Eigentum zu sein, wie ja ganz und gar passiv unser Hab und Gut uns eigen ist und wir damit verfahren können wie es uns beliebt.
Sind wir doch Gottes Eigentum als Menschen, so können wir darauf reagieren, sind nicht sein „Hab und Gut“, können eine menschliche Beziehung zu ihm haben, wir sind zum Leben gerufen durch ihn, nicht nur nach dem, was wir äußerlich sind, sondern nach dem, was wir unserer Seele nach sind. Dass wir Gottes Eigentum sind, kann uns dieses Leben aus unserer Seele heraus erschließen als das eigentliche Leben. Auch wenn alles Materielle von Hab und Gut, das uns umgibt, das wir selber ja auch sind „im Fleisch“, wie Paulus das nennt, so wichtig es uns auch sein soll im Leben, dominant uns im Leben in der Welt hält letztendlich immer ins Nichts verfällt, so können wir doch wissen, dass unser Leben mitten also in unserem Alltag schon hineinragt in Gottes Vorstellung von dem, was das Leben ist. Gottes Eigentumsanspruch auf uns verfällt nicht, weil wir nicht ins Nichts hinein uns auflösen, wenn wir sterben, denn wir sind sein eigen und bleiben es auch.
Der Tod öffnet uns als Letztes die Augen zu diesem Leben als Gottes Eigentum.
Ein schönes Kirchenlied singt davon: „Mitten wir im Leben sind“, heißt es da, „von dem Tod umschlungen“ und es mahnt uns, dass wir, wie der Psalmist es sagt, „bedenken sollen, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden“ (Ps. 90).
In der Wohnung meiner Schwester sang ich nun dieses Lied, sagte die Verse des Psalms in meinem Herzen und auf meinen Lippen vor mich hin. Ich wurde sehr ruhig darüber beim Ausräumen der Wohnung, fast froh. Ist sie doch nun zum Eigentlichen hingegangen, zu dem, dem sie von Anfang ihres Lebens an bis zum ihrem Tod und vor allem nun, über den Tod hinaus angehörte, zurückgekehrt zu dem, dessen Eigentum sie ja war und ist und bleiben wird.
In mir breitete sich Dankbarkeit aus. Dankbarkeit dafür, dass ich Gottes Eigentum bin und keine Angst haben muss, verloren zu gehen, wenn die dunkle Wolke kommt. Denn Gott wacht über sein Eigentum, über mich. Nach der Wolke steht der Himmel wieder offen, stand er doch immer schon offen, war nur zeitweilig wolkig verhangen, verdeckt. So lässt sich gut leben und, ich hoffe und glaube, dereinst auch gut in den Tod eingehen.
August 2008, Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Freunde der Evangelischen Kirchengemeinde,
Groß-Rohrheim ist still geworden in diesen Urlaubswochen. Man hört und liest von manchem politischen Streit, unschön, was da zum Teil ausgetragen wird. In der sommerlichen Stille Groß-Rohrheims schallt manches Wortgefecht besonders laut. Ob das wirklich sein muß, daß man sich gegenseitig öffentlich in Leserbriefen angreift? Denjenigen, um deren Abschieds- bzw. Antrittssituation es dabei geht, wird dies garantiert nicht gerecht. Vielleicht sollte mancher Briefschreiber doch wenigstens auch auf die Würde der betroffenen „Amtsträger" achten. Der Fest- und Freudestimmung, auch der Dankbarkeit für politisches engagiertes Arbeiten in Vergangenheit und Zukunft kann solches Austragen von Streitereien wahrscheinlich nicht dienlich sein.
Aber die Sommerstimmung kann es uns nicht versauern. Die Sonne ist stärker und schöner als aller Hickhack.
Das könnte vielleicht sogar eine gute Botschaft sein, dass die Sonne über all unser Tun, unser Trachten und Sinnen unbeirrt auf- und untergeht, so schon seit ewigen Zeiten. Wie klein(lich) ist dagegen unsere Streiten!
Solche Erkenntnis könnte manchen Streit gewiß ins rechte Lot, d.h. in den rechten Maßstab setzen.
Nicht, dass sie mich missverstehen! Ich denke, Streiten ist durchaus notwendig, wenn es um die Wahrheit, um fundamentale Fragen geht. Solange man einen richtigen Weg nicht gefunden hat, wie auch eine richtige Form zu feiern, sollte darüber gestritten werden.
Aber hier ging es kaum um Politisches, um das zu streiten richtig ist. Zu persönlich gerieten die Angriffe, fast so, als stünde Rohrheim selber auf dem Spiel und man könne in einer solchen nachgerade endzeitlich anmutenden Situation nur noch gut und böse, Feind und Freund ausmachen.
Denkt doch an die Sonne, liebe Leute wie sie lacht, manchen vielleicht auch auslacht und, wenn's regnet, wie sie weint über die Menschen zu ihren Füßen. Angesichts so mancher Dorf-Streit-Posse weiß sie wohl nicht immer, was angesagt sein sollte: Lachen oder Weinen.
In der sogenannten „großen Politik" ist das ganz anders. Nein, da streitet man sich nicht wie bei uns, da sticht man mit spitzer Zunge und wohlfeilen Sprachhülsen um sich, die zu oft nicht meinen, was sie sagen und damit ganz und gar den Sprechenden entsprechen, die so mitunter auch selten meinen was sie sagen. Oder ob diese dann doch meinen, was sie sagen - aber eben ganz anders. Unmut kommt da auf beim politischen Publikum, das wir ja sind. Statistiken bestätigen es. Es hat sich in der Tat in Deutschland ein politisches Sprechen herausgebildet in den letzten 30 Jahren, das von seinen eigenen Worthülsen lebt, manchmal sogar von der inhaltlichen Sinnlosigkeit solcher Worthülsen. Zum politischen Geschäft gehört die Sprache, das Sprechen grundsätzlich dazu und wenn weder Sprache noch Sprechen eindeutig und klar sind, möchte man vermuten, dass etwas versteckt, verschleiert werden soll.
Nun möchte ich vermuten, dass das Rohrheimer Streiten da wenigstens klar ist und eindeutig, das geht zur Sache. Geht es wirklich zur Sache? Das Streiten, dem es nicht um die Sache geht, ist wohl eine Fehde zu nennen. Und ist die Fehde wirklich so ganz anders zu deuten als das, was im Geschäft der „großen Politik" inzwischen leider üblich ist? Ja, sie ist anders. Streit kann die Sache meinen, um die es zu streiten in der Tat manchmal gilt. Ist die Sache vorbei, ist der Streit vorbei. Die Fehde aber meint immer den Menschen, der zerstört werden muss.
Als der liebe Gott den Menschen die 10 Gebote gab, da dachte er wohl, dass wir mit diesem Katalog der Regeln des Zusammenlebens keine Fehden mehr inszenieren würden, über die jede Gemeinschaft förderlichen Auseinandersetzungen um das, was Sache und Wahrheit ist hinaus. Die Grundregel dieser 10 Gebotsregeln heißt Respekt; Respekt vor dem anderen, über ihm steht Gott wie über dir.
Ginge es nicht auch in Groß-Rohrheim beim Streiten mit etwas mehr gegenseitigem Respekt? Die Fehde würde unterbleiben.
Ich weiß und kenne das wohl, auch aus eigener Erfahrung. Haben wir nicht alle in unserem Leben solche Fehden erlebt? Fehden im Dorf, politische, menschliche über Meinungsverschiedenheiten, mit allen Gemeinheiten, mit denen sich jede Fehde bewaffnet?
Viel zerbrochenes Geschirr im eigentlichen und im übertragenen Sinne bleibt zurück. Zerrissene Beziehungen. Einander nicht mehr in die Augen sehen können. Gegenüber Dritten böses über unseren Streitgegner erzählen - bis an die Grenze des Mobbing. Das gegenseitige negativ-selektive Anreißen vergangener Erfahrungen, negativ-selektiv, weil nur Böses an Erinnerungen gegenseitig aufgetischt wird, nur Negatives in der Fehde Geltung erheischen will?
Deswegen möchte sie wohl sagen, die Sonne: Ich schenke euch meine Strahlenwärme gleichermaßen, ihr braucht euch nicht selber mit puffender Eigenenergie zu erhitzen und aufzuheizen, und denkt daran: Ihr steht im Licht dieser einen Sonne, an deren Wärme ihr beiderseitig und also gemeinsam euch wärmen könnt.
Und denkt daran möchte Paulus uns sagen: „Laßt die Sonne nicht untergehen über euren Zorn",
Ihr
Pfarrer Konrad Knolle
Liebe Freunde der Gemeinde
Ich legte die Hände auf, und ich sprach, ganz intensiv, Segensworte zu diesem Leben. Was geschieht da eigentlich? Das Segnen kennen wir bereits aus dem Alten Testament, dass Menschen den Menschen ein Segen sein sollen ebenfalls. Dass man sich einen Segen erschleichen kann - und dass er dennoch nicht zwangsläufig seine Wirkung verlieren muss, erzählt uns die Geschichte Jakobs, ja, nach dem erschlichenen Segen aus Isaac Hand, erkämpft er sich den Segen aus des Engels Hand am Jabbok (1. Mose Kap. 25 - Kap. 33). Das Wort „Segen" oder „segnen" ist mit seinen vielfältigen Variationen eines der am häufigsten in der gesamten Bibel stehenden Wörter. Den sogenannten aaronitischen Segen (4. Mose 6, 24) spreche ich sonntäglich am Schluß des Gottesdienstes. In unserer Konfirmation am 25. Mai konnte die Gemeinde es miterleben: Jeder Konfirmand erhielt einen eigenen nur für ihn geltenden Segensspruch. Der Segen, das Segnen begleitet unsere jüdisch-christliche Tradition, unseren christlichen Glauben also seit Jahrtausenden.
Ist es die Zauberformel des Priesters für ein gutes und gelingendes Leben? Segnet gar Gott durch Segenshand und Segenswort selber und ganz direkt?
Obwohl der Segen offensichtlich eine sehr große Bedeutung im Glaubensleben der Menschen hat, gilt es für uns Protestanten eigentlich nur festzustellen: Das Segnen ist nicht ausschließlich des Priesters Amt. Jeder und jede kann segnen, denn das Segnen ist kein Sakrament, wie etwa Taufe und Abendmahl - und selbst die können auch von Laien gespendet werden.
Wenn ich den Segen spreche über Glieder der Gemeinde, wenn ich auf dem Friedhof bei jeder Beerdigung den Segen spreche über die Gemeinde und über den Verstorbenen, wenn ich den Konfirmanden so ausführlich wie geschehen ganz persönlichen Segen zuspreche, so möchte ich eigentlich sagen: „Sieh her, Gott, dies ist ein Menschenkind vor dir, jetzt und nachher, später, die ganze kommende Zeit, behüte und bewahre es, stärke es durch Schwächung seiner Sorgen und Ängste, schenke ihm Hoffnung gegen alle Resignation, gib ihm die Gnade unbändiger Freude."
Eigentlich ist also das Segnen so etwas wie ein uneingeschränktes Bitten, Wünschen und Erbeten des Guten, und dass ein solches Wünschen, mit dem Glauben versehen, weiter gegeben wird, den Segensempfängern zur Stärkung und Bekräftigung des Lebens, damit sie den Menschen ein Segen sein können..
Es ist allemal gut, ein gesegnetes Leben zu haben. Diese Aussage können wir füllen mit allem, was uns spontan oder auch nach langem Grübeln einfällt, wir werden entdecken, in diese Vorstellung, dieses Bild vom gesegneten Leben passt nichts Böses hinein. Das ist wie ein Kelch voller Gutem, der ausgeschüttet wird ins Leben hinein.
Deswegen gehört ganz zum Schluß natürlich auch hier hinein, dass der Segen, als kleine rituelle Geste zweier wie zu einem Baldachin erhobener Hände meist gespendet, etwas zu tun hat mit dem rundherum und also demnach absoluten Guten, das wir freilich nur mit Gott irgendwie verbinden können. Ich kann da als Pfarrer nur ein Zeichen setzen, ein Wort sagen, einen Zuspruch wagen. Untereinander können wir das mit Worten und Taten ebenfalls, und wir werden sehen und erleben, es breitet sich etwas Vertrauensvolles aus unter uns.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sommermonat Juni
Pfarrer Konrad Knolle
5 Jahre Krieg im Irak Wege zu einem „ewigen Krieg"?
Heute ist Ostermontag. Unsere Gottesdienstordnungen sehen für diesen Tag in Predigt und Liturgie das Suchen nach Frieden in der Welt vor. Ostermärsche mahnen uns.
Der amerikanische Journalist Jeremy Scahill schrieb unlängst ein Buch mit dem Titel „Weg zum ewigen Krieg". In diesem Buch beschreibt er die Situation des Kriegs dort, zählt die Opfer beider Seiten, besonders auch die zivilen Opfer auf, beschreibt mit nüchternen Worten die kulturelle Katastrophe, die mit diesem krieg über den Irak hereingebrochen ist. Er weist nach, dass im Irak zur Zeit 120000 Söldner aus vielen Ländern im Auftrag der USA bzw. einiger ihrer großen Wirtschaftsunternehmen wesentlich zum Krieg beitragen.
Der irakische Dichter Nabil Wahil veröffentlichte zeitgleich ein Buch mit Interviews und Essays verschiedener irakischer Intellektueller, die aufgrund ihrer Opposition gegen den Diktator Saddam Hussein fliehen mussten und mit der amerikanischen Invasion des Iraks sich erhofften, dass die Diktatur ein Ende haben werde und nun nicht mehr ein noch aus wissen, denn sie befürchteten, dass der Krieg gegen Saddam Hussein die Kultur und Zivilisation ihres Landes zerstören würde. Dass die Entwicklung dann allerdings die derzeitigen furchtbaren Folgen zeigte hatten sie nicht geahnt.
Zwei Stimmen, mahnend, trauernd, zornig über das tägliche Sterben im einem Land, in einer Gesellschaft, die einstmals trotz Saddam Husseins Diktatur zu den fortschrittlichsten im Nahen Osten zählte.
Nochmals Ostermontag Ostern ist Zentrum unseres Glaubens. Nicht etwa, weil es ein Tag des von manchen so gesehenen „Hokuspokus einer Auferstehung" ist, nicht etwa, weil wir auf das Jenseits hoffen.
Nein Ostern mahnt uns, dass mit Gott grundlegend Neues in der Welt entstand: Menschen erfuhren die Weltwirkung Gottes in Jesus Christus. Ostern ist die endgültige Hinwendung Gottes zur Welt, für die Christus am Kreuz starb. Diese Hinwendung Gottes will uns Maßstäbe setzen für das, was unter uns Menschen gelten soll, ethische und moralische Maßstäbe, deren Boten und Botinnen zu sein Christus Menschen berufen hat, mit denen er darin Gemeinschaft feiern möchte.
Deswegen, um nicht drum herum zu reden, müssen wir heute sagen, wie einstmals die Männer und Frauen der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rats in Amsterdam (1947), dass Krieg nicht sein soll, um Gottes Willen nicht sein soll.
In diesen Tagen jährt sich zum fünften Mal der am 21.3.2003 begonnene Krieg gegen den Irak. Wir wissen heute und wussten es damals schon, wie sehr wir belogen wurden. Der ehemalige Aussenminister der USA, Powel, hat dies in seinen Worten festgestellt, wenn er sagte, dass er den Informationen damals geglaubt habe und so im guten Glauben vor den Vereinten Nationen für den Krieg geredet habe. In seiner diplomatisch geglätteten Sprache macht er deutlich: Jetzt weiß er, wie sehr auch er benutzt wurde, den Krieg herbeizureden, ihn gegen alles bestehende Völkerrecht zu legitimieren. Kurz darauf trat er zurück, denn das erste Opfer des Krieges ist und war damals auch, nach einem berühmten Ausspruch Bert Brechts, die Wahrheit.
Wir kennen vieles von dem, was seit dem an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Der Irak des Diktators Hussein wurde vom Westen, auch von Deutschland, aufgerüstet gegen den Iran, und war wie gesagt schon damals eine Diktatur, mit der man allerdings sehr freundlich umging, die erst dadurch wirklich gefestigt wurde. Wir kennen die Lügen von den Massenvernichtungswaffen im Irak, die es nie gab Wir kennen all die anderen Lügen ebenfalls.
Ostermaßstäbe, das sind die Friedensmaßstäbe Gottes unter den Menschen. In Zeiten der mediengerechten Inszenierungen von Kriegen und von Kriegspropaganda und deren sekundenschnell Verbreitung weltweit durch die neuen Medien, müssen wir viel grundsätzlicher gegen jeden Krieg sein, zumal die Globalisierung unserer Welt ja nicht nur die Wirtschaft globalisiert, sondern vor allem auch uns in unserer Verantwortung für einander, in unserer Mitverantwortung für Kriege weltweit und auch im Irak, in unserer Stellvertreterveranwortung für das Dringen auf Frieden. Wir, die wir bei uns Freiheit, Rechtsstaat und Frieden im eigenen Lande genießen können, haben die Möglichkeit, stellvertretend für die Opfer der Kriege zu reden, zu beten, zu ringen um den Frieden.
Wir? Wir in Groß-Rohrheim? Was können wir in der großen weiten Welt ausrichten?
Die Welt fängt bei uns an - wie der Frieden auch! In unseren Gesprächen bei Janis und im Hessischen Hof, an unseren Küchentischen und in den Gesprächen mit unseren Kindern, Freunden und Verwandten. Dort, vor dem Fernseher und über ein Glas Bier und ebenso am Mittagstisch fängt der Frieden an, weil der Frieden eine Frage des Bewusstseins, des Denkens, Redens und Handelns der Menschen ist. Da bekennen wir uns zur Auferstehung für das grundsätzlich Neue Denken, Handeln und also das grundsätzliche neue Leben, das Ostern meint.
Die Blutstätten der Schlachtfelder sind von Gottes Sohn am Kreuz wie auf der Schädelstätte Golgatha ausserhalb Jerusalems besetzt, dass kein anderer Tod so mehr stattfinden darf.
Die Ewigkeit ist von Gott besetzt mit der Auferstehung, damit niemand mehr Ewiges, Absolutes, unhinterfragt scheinbar Geltendes und ebenso scheinbar Notwendiges mehr behaupten kann, es sei denn er lügt.
Im Glauben ist seit Ostern alles konkret und weltlich, ist das Leben gemeint. Ostern ist Gottes Konfrontation gegen das Gesetz der Schmerzen, des Leidens, des Todes.
Pfarrer Konrad Knolle
Shoppen oder beten - das ist (nicht) die Frage
Liebe Freunde der Gemeinde. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat gemeinsam mit anderen Landeskirchen unlängst eine Kampagne zur „Rettung des Sonntags" begonnen. Besorgt beobachten die Kirchen den schleichenden Zerfall des Sonntags als generell arbeitsfreien Tag.
Dass in vielen westlichen Ländern der Welt die Ladenschlusszeiten und die Feiertagsruhe nicht so rigide eingehalten werden wie dies in Deutschland der Fall ist, mag ein Hinweis darauf sein, dass die Welt sich durchaus weiterdrehen wird, auch wenn der Sonntag oder andere Feiertag zum Shopping-Tag wird wie andere Wochentage auch. Auch die Kirche wird darunter nicht zu Grunde gehen. Wer zur Kirche gehen will, der wird auch an verkaufsoffenen Sonntagen zur Kirche gehen, andere eben nicht, aber werden sich auch nicht zwangsläufig der Lust des Sonntagsshopping hingeben. Es ist also gut, diese Frage viel nüchterner anzugehen, als dies im Moment der Fall zu sein scheint.
Christen sollten sich klar machen: Der Sonntag ist der zentrale Feiertag der Christenheit, er ist die Feier dessen, dass es nach unserem Verständnis Gott für die Welt gibt. Mit dieser Feier beginnen wir die Woche, der Sonntag ist im christlichen Sinne nicht der letzte Tag der Woche, ein „Frei-Tag" zur Ruhe nach getaner Wochenarbeit. Nein, er ist der Tag, an dem wir deutlich machen wollen: All unser Denken und Tun geht von diesem Tag aus und strahlt über alles folgende weltliche Geschehen in der damit beginnenden Woche.
Der Sonntag ist nicht willkürlich als dieser Feiertag gewählt. Die Älteren unter uns werden's vielleicht noch wissen: Am Freitag gibt's Fisch, weil dies der wöchentliche Gedenktag der Kreuzigung ist, am Sonntag wird die gute Stube aufgemacht, der Sonntagsanzug angezogen, wird gefeiert, weil Christus nach „drei Tagen auferstanden ist", wie die Evangelien uns berichten. Christi Auferstehung aber ist der Anbruch des Neuen Äons, der neuen Zeit und deswegen der Anbruch der neuen Woche. Soweit die christliche Kalender-Lehre. Sie wird bestehen bleiben, auch wenn der Sonntag entheiligt und also säkularisiert wird. Der Absturz des Sonntags aus seinen heiligen Höhen in die schnöde Wirklichkeit alles Weltlichen wird daran nichts ändern für jene, die daran für sich festhalten wollen.
Im Gegenteil. Es könnte der Verlust des arbeitsfreien, heiligen Sonntags für die Menschen der Christenheit Deutschlands sogar eine Herausforderung sein, sich neu über das zu verständigen, was unseren Glauben in der Welt alles Weltlichen sehr eigentlich bedeutet. Wir erleben es ja immer stärker in unseren Gemeinwesen, den Städten und Dörfern, dass die traditionellen und kulturell geprägten christlichen Selbstverständlichkeiten keine allgemein gültigen Selbstverständlichkeiten mehr sind. Dies gilt trotz des von manchen gesehenen Aufschwungs religiöser Gefühle und Sehnsüchte in unserer Gesellschaft.
Gleichwohl ist die Frage nach dem Shopping-Sonntag eine tiefgreifende zivilisatorische Herausforderung nicht nur für die Kirchen, sondern unserer Gesellschaft ganz allgemein. Ganz schleichend hat sich der Sonntag vom feierlichen Aufbruch-Tag in die neue Woche in den letzten 50 Jahren immer mehr zum verdienten Ruhetag am Ende der Arbeitswoche hin entwickelt, weswegen die Kirchen auch erhebliche Mühe haben, „ihren" Feiertag als notwendigen arbeitsfreien Tag im Sinne unseres Glaubens zu bewahren.
Wir haben in unserer „Häuslebauer-Mentalität" nach dem Zweiten Weltkrieg diese Republik mit Arbeit, Mühen und Anstrengungen aufgebaut, politisch sowieso, wichtiger aber noch, indem unzählige Menschen im wahrsten Sinne dieses Wortes durch ihrer Hände Arbeit moderate private Vermögenswerte haben aufbauen können, die altersbedingt seit einigen Jahren in steigendem Maße ihren Kindern als Erb-Frucht eines langen Arbeitslebens übergeben werden können. Es ist die Nachkriegsgeneration bis hin zu den heute Dreißigjährigen, die diese Früchte zu genießen lernen, auch wenn sie versuchen, sich den mit diesem Wiederaufbau nach 1945 einhand gehenden sozialen und ökonomischen Verwerfungen durch Flucht in so manche, vielleicht ja doch nur scheinbar heile und das heißt „saubere" Scheinidylle zu retten.
Gewissermaßen im Schatten dieser Entwicklung wurden viele kulturelle Errungenschaften und Selbstverständlichkeiten geopfert. Staat und Kirche, einstmals beide kooperativ als Wahrer auch von Sittlichkeit und Moral in der Gesellschaft verstanden, verloren zunehmend, wie andere gesellschaftliche Institutionen ebenfalls, dieses „Mandat". Staatliche Gesetze wurden dazu geändert und auch in den Kirchen lernte man sich, auf diese neue Situation verstärkt einzustellen. Die kulturelle Entwicklung zielte immer mehr auf eine Entstaatlichung dieses moralischen Wächteramts. Noch 1927 schrieb der später berühmte lutherische Bischof Otto Dibelius, dass die Kirchen die gesellschaftliche und kulturelle Aufgabe zukäme, gemeinsam mit dem Staat „auf die Sittlichkeit im Volke" zu achten. Selbst wenn wir dies nach wie vor als einen angemessenen gesellschaftlich-kulturellen Auftrag der Kirche sehen möchten, würde kaum jemand je auf den Gedanken kommen, dies heute noch so und vor allem in Bezug auf die Zusammenarbeit von Staat und Kirche „im Volke" auszusprechen. Kultur und Zivilisation zu wahren - und dazu gehören nun einmal auch „Moral und Sittlichkeit im Volke" - sind heute mehr als je zuvor zur Privatsache der Bürger unseres Landes geworden. Viel Klagen der Alten über den allgemeinen Moral-, Sitten- und Traditionsverfall unter der Jugend ist nichts anderes als ein Ausdruck des Unverständnisses gegenüber dieser gesellschaftlichen Entwicklung, deren Opfer jene gesellschaftlichen Institutionen sind, die in über 100 Jahren seit Bismarcks Preußens-Staat sich im neuen Kaiserreich der Deutschen als Regelstaat für ganz Deutschland hat durchsetzen können. Sind doch auch andere solcher gesellschaftlichen, staatlich sanktionierten Institutionen in die Brüche gegangen, sind wenigstens doch in ihrem Fortbestand erheblich bedroht : Die Sozialversicherungen, das Gewerkschaftswesen, die Mitgliedschaften der politischen Parteien, auch übrigens die Mitgliedschaften in den Kirchen etc., gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten also, die trotz all ihrer historischen Veränderungen bis in die siebziger und achtziger Jahre hinein unangefochten als gesellschaftliche Systeme zum Wohl der Bürger in diesem unserem Lande bestanden.
Es waren die Umgestaltungen unserer nahen und fernen Welt, die dieses weithin verursachten. Die Kolonialwelten - einstmals tragendes Gerüst unserer wirtschaftlichen Entwicklung - zerbrachen, aus abhängigen Kolonien wurden (ebenfalls abhängige, aber und selbst verantwortlich wirtschaftende) scheinfreie Zuliefererstaaten für Rohstoffe. Die EWG wurde zur EU, sodann zur Schengen-Gemeinschaft und schließlich zur EURO-Zone, um den Geld- und Warenverkehr zu erweitern und zu erleichtern, wozu einschneidende gesetzliche Regelwerke mitunter schmerzlich in den Alltag einschnitten. Unsere Märkte wurden „dereguliert" und zunehmend dem weithin freien Spiel ihrer privaten Wirtschaftskräfte überlassen, das Wachstum der Finanzmärkte koppelte sich von der Produktion der Güter ab, so fuhr das Bankwesen von Siemens über lange Zeit größere Renditen ein - und fährt diese vielleicht noch heute ein - als der Produktionssektor dieses „Traditionshauses", kaum ein nennenswertes Unternehmen und erst recht kein Wirtschaftsgigant in Deutschland, der nicht an die Börse ging, seine Kapitalmenge über die Finanzmärkte zu vermehren. Gewaltige Umstrukturierungen von Arbeit fürs täglich Brot der Arbeitenden wurden damit als so genannte Modernisierungen der Produktionsgüter und der Dienstleistungen finanziert, Millionen von Arbeitsplätzen wurden wegrationalisiert. Der seit 20 Jahren wachsende Druck aus der Globalisierung unserer Wirtschaft trägt das seine dazu bei, wie der NOKIA-Skandal unlängst erwiesen hat. Die Globalisierung betrifft ja nicht nur das Kapital, sondern auch die Arbeit, die heute in Ländern ausserhalb der westlichen Industrienationen eben erheblich billiger ist als „zu Hause". Die von der Industrie bis heute gewünschte Einwanderung auch in Deutschland bringt neue kulturelle Gemeinschaften ins Land, die sich anders verstehen als es die Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft bislang kannten. Die sich aus jeder Einwanderung ergebenden, sozialen Konflikte nicht nur in den städtischen Räumen, sondern auch auf dem Lande, sie sind in Deutschland im internationalen Vergleich noch vergleichsweise harmlos.
Unter dem Einfluß dieser Entwicklung haben sich die Formen des Zusammenlebens und somit also auch der Kommunikation der Menschen in Deutschland erheblich verändert. Gestrige Formen funktionieren heute nicht mehr, es sind aber dieser Formen des Zusammenlebens und die gesellschaftliche Kommunikation der Menschen untereinander, die darüber entscheiden, ob einstmals gültige Selbstverständlichkeiten noch Geltung und Wirkung für das gemeinsame Leben in unserer Gesellschaft haben oder nicht. Der alte Satz von Karl Marx, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, erlebt heute wohl seinen eindeutigen Beweis. Man muss erheblich verblendet, wenigstens aber geblendet sein, dies nicht zu erkennen.
Für Groß-Rohrheim ergibt sich daraus etwas Anekdotisches, das gleichwohl mit großem Ernst zu behandeln sein wird: Im Schatten des in die Jahre gekommenen und vielleicht sogar maroden Atommeilers in Biblis ringt man in Rohrheim um die saubere Umwelt in der Ansiedlung von neuen Industrien und - trotz eigenen Handygebrauchs und unzähliger Standby-Geräte, sowie schnurloser Elektronikschaltungen und der allgemeinen Elektrifizierung unserer Haushalte - gegen die Elektrosmog-Auswirkungen der Antenne eines Mobilfunkanbieters im Kirchturm.
Doch sei dies nur am Rande hier erwähnt, und wir werden in den nächsten Monaten gemeinsam darüber zu verhandeln haben, ob diese Antenne im Turm unserer Kirche verbleiben soll oder nicht.
Wäre es nun aber nicht sinnvoll, dem kulturellen Verlust von Kultur- und Traditionsgütern, durch die Versmogung unserer Lebenswelt, also durch den Zeit- und Konsumdruck der zunehmenden Durchdringung unserer Lebenszeit und unserer gestalteten Lebenswelt durch deren Ökonomisierung entgegen zu treten? Gewiß, viele der oben geschilderten Zusammenhänge, die unsere Lebenswelt verändern, können wir kaum beeinflussen. Diese Veränderungen haben stattgefunden, werden auch in Zukunft noch weiter stattfinden und unser Leben, also unsere Lebenswelt nachhaltig beeinflussen.
Wenn wir in den Kirchen uns nun gegen die Zerstörung des arbeitsfreien Sonntags wenden, dann ist das etwas ganz anderes als das Bemühen der Kirchen, in unserer Gesellschaft die prägende Position in der Öffentlichkeit zu verlieren. Wir werden unsere Gottesdienste auch in Zukunft an den Sonntagen feiern und mit unseren Glocken dazu einladen, selbst wenn nebenan die Kassenglöckchen klingen.
Es geht vielmehr um die für uns alle, Christen und Nichtchristen, Kirchgängern genauso wie sonntäglichen Langschläfern zentrale Frage, die keine private, sondern eine gesellschaftliche, eine kulturelle ist: Kann oder soll durch öffentliche, staatliche Maßnahmen, also Gesetze, ein Teil unserer wöchentlichen Lebenszeit gegenüber dem wachsen Druck der wirtschaftlichen Durchdringung unserer Lebenszeit geschützt werden oder nicht. Die Kirchen sehen in ihrem Vorgehen gegen den freien Sonntag diesen grundlegenden Aspekt sehr wohl und sie haben gemäß ihren eigenen im Glauben wurzelnden Leitbildern wohl Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass unser Leben und also unsere Lebenszeit mit Gott zu tun hat, wir brauchen die Verschnaufpause, um Gott immer wieder neu in das Zentrum unseres Lebens zu rücken und nicht durch die Deregulierung unserer Lebenszeit schließlich siebenmal vierundzwanzig Stunden dieser unserer Lebenszeit dem Wirtschaften zu überantworten. Dass diese Frage auch in Groß-Rohrheim angekommen ist, zeigt die Erfahrung des unlängst, wenn auch nur spärlich, hier gestalteten, verkaufsoffenen Sonntags am 16. März.
Der lediglich für sich denkende private Bürger mag dies alles nicht so erleben. Er freut sich, dass er auch um 22:00 Uhr noch einkaufen kann, dass der Sonntagsausflug nicht mehr nur in den Kühkopf geht, sondern auch zu Ikea gehen kann. Schauen wir aber über unsere privaten Tellerränder hinaus, so werden wir unschwer erkennen: Bei der Sonntagsfrage geht es um viel mehr als um privates Glücksgefühl der Bürger. Es geht um die Frage, welche Kultur unter uns gelten soll. Um ein zu Unrecht in Verruf geratenes Wort zu gebrauchen: Es geht um die Frage, welche kulturellen Leitbilder in unserer Gesellschaft Geltung haben können.
Viel wird zur Zeit geredet über die multikulturelle Gesellschaft, zu der wir durch die Einwanderung und die Globalisierung unseres Bewusstseins faktisch geworden sind. Erlauben wir bei uns die weitere Erosion kultureller Leitbilder - wozu jene aus dem christlichen Glauben auch gehören - so machen wir zusehends mehr unserer kulturellen, gewachsenen Profile „platt". Wir ebnen sie ein, machen unkenntlich, was über viele kulturelle Brüche - auch Katastrophen, wie dem Faschismus in Deutschland - und auch durch alle derzeitigen äußeren, gesellschaftlichen und materiellen Zwänge hindurch und trotz allen Widerspruchs gegen vorgegebene Regeln und Standards dennoch zum Grundbestand unserer Formen des Lebens, der Lebenswelt also, unserer gesellschaftlichen Kommunikation, unserer grundlegenden Wertvorstellungen gehört. Alles wird so dann möglich, alles wird sodann erlaubt sein, über ethische und moralische Grenzen des Möglichen wird es dann bald keine sinnvollen Diskussionen und Auseinandersetzungen mehr geben können, weil nichts mehr da ist, was unter uns noch glt. Und: Einwanderern wird die Möglichkeit genommen, sich in der Differenz ihrer eigenen, mitgebrachten und hier weiter entwickelten eigenen Kultur gegenüber der in Deutschland vorfindlichen zu verorten, ihren je eigenen kulturellen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Wir werden unsererseits dann erhebliche Schwierigkeiten haben, Einwanderern fair auf der Basis hier zu Lande geltender kultureller Leitbilder zu begegnen, wenn wir diese zunehmend buchstäblich zu Markte tragen. Sozialen Verwerfungen und Konflikten unserer modernen Gesellschaft, viel mehr als durch die Einwanderung verursacht durch die oben genannten Szenarien der Veränderungen, werden wir in zunehmendem Maße nur noch mit großer gesellschaftlicher, auch gesetzlicher Rigidität entgegen treten können, den entsprechenden Begleitlärm dazu haben wir bereits im Hessenwahlkampf gehört.
Im Streit um den Sonntag geht es also grundlegend darum, wie wir als Gesellschaft leben wollen. Es geht vielmehr um einen grundlegenden Kulturstreit in unserem Land. Soll unser Leben eine vom Markt bestimmt Lebenswelt sein, dient unser Leben also dem Anspruch des sich als ja immer nur scheinbar freies Marktgeschehen ausgebenden Wirtschaften, oder dient unser Wirtschaften und Arbeiten im Marktgeschehen unseres Wirtschaftssystems, einschließlich der ebenfalls ja nur scheinbarer unbegrenzten Konsummöglichkeiten dem Leben. Das ist doch unseren menschlichen Hoffnungen nach ebenso hoffentlich bei uns allen mehr ist als Konsum, Arbeit und Mühe. Ist es nicht wenigstens auch geleitet von der Hoffnung und dem Engagement für das Erlangen von Lebensqualität, meiner eigenen und der damit untrennbar zusammenhängenden Lebensqualität der anderen ebenfalls?
Dass wir darüber immer wieder neu diskutieren, gar streiten müssen, liegt dabei gewissermaßen in der Natur der Sache. Nur wenn wir uns über die Selbstverständlichkeiten dessen, was unter uns zur Wahrung und Förderung der Lebensqualität gelten soll und kann immer wieder neu verständigen, werden diese nachhaltig und gesellschaftlich getragen Bestand haben.
Deswegen kann ich als Pfarrer der von Seiten mancher Wirtschaftsvertreter und von vielen Bürgern jetzt wieder neu angestoßenen Diskussion um den Sonntag als Regelfeiertag getrost ins Auge schauen, wissend, warum ich dafür bin, dass der Sonntag ein Feiertag bleibt, wissend auch, dass dies nicht nur eine Angelegenheit meines Glaubens ist, sondern dass ich darum mit vielen anderen, auch mit jenen, die meinen Glauben nicht teilen, gemeinsam ringen kann, weil es hier nicht nur allein um einen kirchlichen Anspruch geht, sondern um einen grundlegend kulturellen, uns allen betreffenden, dessen Wert sich vielen Menschen genauso wie mir selber allerdings aus unserem Glauben erschließt.
Pfarrer Konrad Knolle
Gedanken zum Karfreitag
Der Karfreitag wurde vermutlich schon von den ersten Christen begangen als ein Tag des Fastens und der Trauer. Er behielt diesen Charakter über die Jahrhunderte bei. Tertullian beschreibt den Karfreitag Ende des 2. Jahrhunderts als großen Fastentag.
Die Kirchen der Reformation haben den Karfreitag als Feiertag übernommen. Im 17. Jahrhundert wurde mit dem Karfreitag zusätzlich der Gedanke eines Bußtages verbunden. Entgegen der früheren Praxis, an diesem Tag kein Abendmahl zu feiern, ist heute das Abendmahl fester Bestandteil der Karfreitagsgottesdienste.
Im Mittelpunkt aber jedes Karfreitagsgottesdienstes steht das Evangelium der Kreuzigung Jesu. Die christliche Gemeinde läßt vor allem das Wort Gottes reden und begleitet das gelesene Wort Gottes mit ihren Liedern. In der Kirche steht der schmucklose Altar, auf dem die Kerzen erloschen sind. Sie sind ja Zeichen für das lebendige Licht, das Jesus Christus selbst ist. Erst in der Osternacht werden die Kerzen und mit ihnen die Osterkerze entzündet.
Ist der Karfreitag also eine bloße Rückschau auf das Geschehen von Golgatha, gar ein bloßes rituelles Ableisten eines weiteren Feiertages mit wohlfeilschönen Gottesdiensten?
Ganz und gar nicht. Für einen Moment schauen wir unser eigenes Leben im Spiegel des Geschehens auf Golgatha. Die Erfahrungen eigenen und fremden Leids, der Schmerz der Trauer, das „Elend der Welt" wird hier im Angesicht des Kreuzes gebündelt und mit Gottes Willen für seine Menschenkinder konfrontiert. Wir schauen nicht zurück auf das Geschehen als wie in die Geschichte, wir schauen und gehen hinein in das Geschehen auf Golgatha, werden Teil davon, es wird unsere eigene Geschichte, erzählend von unserem Elend im Leben. Unsere Spaßgesellschaft und unsere Sucht nach Glück im Leben müssen wir dann freilich verlassen, denn da ist nicht Spaß und ist auch kein glückliches Leben.
Im Bericht des Geschehens auf Golgatha und genauso auch in den Passionsberichten begegnet mir die ganze Tiefe des Menschlichen, wie sonst vielleicht nirgendwo in den Evangelien. Hat es vielleicht damit zu tun, dass in diesen Zeugnissen etwas von dem angesprochen wird, was wir alle erfahren, was wir alle - gegen besseres Wissen - hoffen?
Mit Verzweiflung erfahren und wissen wir, dass es Leid gibt, unsägliches Leid. Da werden Menschen gemordet in Kriegen, in Verbrechen, Kinder werden brutal dem Tod ausgesetzt, das Leben von Babys „weggeschmissen; es sterben Freunde an AIDS oder Krebs, in tragischen Unfällen; ich selber erfahre manchmal mein Leben als täglich durch den Tod bedroht: Trost bleibt aus, ich finde die rechten Worte nicht zur Tröstung, zur Ermutigung, zum Widerstand gegen den Tod, bin sprachlos, schlaue Gedanken, gelernt und gelesen bleiben mitunter belangloses Zeug. Trost, der mich erreichen will, verhallt wie ein Nichts, prallt ab an meinem Schmerz, meiner Trauer, meiner Not. Es bleiben Verzweiflung angesichts der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Resignation und innere Kapitulation.
Dennoch ist uns Menschen die Hoffnung eigen. Wir hoffen, dass das alles nicht so sei, dass wenigstens am Ende des Tunnels ein Licht uns scheint, dass Hoffnung die Hoffnungslosigkeit besiegt, dass wir die richtigen Worte finden Trost zu finden, auch zu trösten, auch dass Trost uns erreicht und helfen kann; das Leiden bleibt zwar schwer, aber es wird vielleicht erträglich schwer, wenn das Ende des Leidens und der Trostlosigkeit absehbar scheint. Dann ist es nur ein böser Moment, eine böse Stunde, ein böser Tag, eine böse Woche, danach wird's besser.
Aber wenn man das Ende nicht sieht, so ist alles Leiden unerträglich, auch wenn es nur eine Viertelstunde währt. Und wenn die Hoffnung nicht erfüllt wird, scheint sie Lug und Trug, verschärft die Verzweiflung statt sie zu besiegen.
Ich habe in meinem Sinnen und Grübeln keine Lösung gefunden. Verzweiflung und Hoffnung, sie bleiben nebeneinander bestehen. Ist dies die Botschaft des Karfreitag, dass es keine Harmonisierung, keine den Schmerz einebnende Glättung zwischen Verzweiflung und Hoffnung gibt? Verzweiflung steht alleine da, dominiert unser Denken und Fühlen, ist der tote Punkt des Lebens, ist der Tod. Hiob bezeugt's.
Was ich auch erfahre ist dies, und es ist nicht Hoffnung auf Ende der Verzweiflung, des Schmerzes, ist auch nicht deren medizinische oder psychologische Erklärung, worin sich die Freunde des Hiob ja übten und kläglich versagten, ich kann von Hiob lernen, mit dem Kreuz zu leben, weil Christus so litt und Gott in ihm mit mir wie ich.
Ich will also versuchen, mich so auf Karfreitag einzulassen, dass ich vielleicht erfahren kann, dass Golgatha mir gilt, meiner Verzweiflung, meinem Leiden, gar meinem Tod. Nicht weil Karfreitag der Tag ist, an dem man so etwas machen sollte. Das wäre so banal wie es falsch ist. Sondern weil Golgatha der Normalplatz menschlichen Lebens ist, weil es menschliches Leben nicht gibt ohne die Tränen, die der Preis des Lebens sind, so sehr wir es auch verdrängen wollen in unserer pharmazeutisch und therapeutisch abgestützten Spaßgesellschaft. Und weil die Hoffnung unserer Vorstellungswelten von einem Leben ohne Tränen doch nur unsere eigengebaute Utopie ist, eigengebaut aus dem Stoff, der selber ja die Quelle der Tränen ist. Jede menschliche Hoffnung gegen die Tränen, die Verzweiflung, die in uns ist, ist nichts als eine in ihr bloßes Gegenteil gewendete Widerspiegelung der Not, eine menschliche Illusion, die uns vorgaukelt, es gäbe, trotz allem was unser Leben beschädigt, das „richtige Leben", wo es doch das Richtige nicht geben kann im Falschen.
Von Hiob kann ich lernen, was es heißt, mich zu verlassen, mich fallen zu lassen auf Gott. Gott, das ist der Name für das richtige Leben. Denn dort allein, nur dort ist das ganz und gar Andere. Was das ist? Ach, wüsste ich es selber in schöne und beruhigende Worte zu kleiden, ich würde es sofort und hier tun. Vielleicht brauche ich dazu die Musik und die Künste, etwas davon zu erfahren, was dieses ganz und gar Andere sei. Vielleicht brauche ich Ruhe und Muße, um in mich hinein zu hören, auf innere Stimmen und Klänge. Vielleicht kann ich mich, bildlich gesprochen, mit meiner Not und meiner Verzweiflung neben den gekreuzigten Gottessohn stellen. Vielleicht ist dies der tote Punkt, der Kreuzpunkt in meinem Leben, vielleicht erfahre ich erst in den Kreuzpunkten meines Lebens etwas von diesem ganz und gar Anderen. Vielleicht ist dort, nur dort der Widerspruch und der Widerstand gegen die Elendsbeschädigungen meines Lebens zu finden. Vielleicht werde ich, wie Christus, schreien zu Gott, werde ich aus dem Elend meines beschädigten Lebens heraus stöhnend protestierend gegen den Himmel schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!".
Ist das die Hoffnung, die uns bleibt, dass wir zu Einem so rufen, so schreien können, der uns hört und nicht alleine lässt?
Gott hilf ....!
Pfarrer Konrad Knolle
Oktober 2007
Am 30. September 1947 wurde die heutige Evangelische Kirche in Hessen und Nassau gegründet. Sie löste damit 2 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches ihre Vorgängerkirche als Landeskirche in Nassau-Hessen ab. Diese war 1933/34 als Zusammenschluss der Kirchen von Nassau, Hessen-Darmstadt und Frankfurt am Main in enger Zusammenarbeit mit der NS-Herrschaft zustande gekommen.
Als sich am 30. September 1947 die Synode in Friedberg zur Neugründung unserer heutigen Landeskirche entschloss, da stand man noch ganz und gar unter dem Eindruck des jede Vorstellungskraft übersteigenden Verbrechens, das, aus Deutschland kommend, mit einem nie da gewesenen Blutzoll über ganz Europa und weite Teile Nordafrikas und auch in Deutschland selber begangen wurde. Man stand aber auch unter dem Eindruck des Ringens von Männern und Frauen der Bekennenden Kirche, die 1934 in Barmen die sog. „Theologische Erklärung“ (im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 810 abgedruckt) beschlossen hatten und damit offen in den Widerstand gegen die NS-Herrschaft und genauso auch gegen viele der damaligen Kirchenleitungen gingen. Die meisten Kirchenleitungen in Deutschlands protestantischen Kirchen waren entweder den Nazis gutwillig zugeneigt oder tolerierten und respektierten die NS-Regierung als von Gott gegeben. Manche tanzten mit dem Bösen aus purem machtpolitischen Opportunismus. Allemal zu viele folgten sogar eindeutig dem Nazi-Kurs. Die sog. „Deutschen Christen“ waren ihre Wortführer. Unsere Vorgängerkirche gab sich eine den „Deutschen Christen“ entsprechende NS-Struktur mit Führerprinzip und Arierparagraphen.
Einige wenige beugten nicht die Knie vor den Verbrechern, auch in unserer Kirchenregion und Kirche. Sie gingen den schweren Weg des Widerstands, manche von ihnen litten in KZs und Gefängnissen, einige starben den Märtyrertod, wie so viele andere im Widerstand ebenfalls.
Eine solche Kirche musste untergehen, gemeinsam mit dem Bösen, mit dem sie tanzte.
Als dann 1947 die jetzige EKHN gegründet wurde, da war der Gründergeneration in Friedberg klar: Diese Kirche sollte wachsen aus dem Evangelium zur Nachfolge, aus dem dünnen Stamm des Widerstands der „Bekennenden Kirche“ Man besann sich zurück auf die Grundgedanken dessen, was Kirche sei, wie sie Luther und Melanchton 1530 in Augsburg, aber eben auch die Männer und Frauen der Synode in Barmen 1934 formuliert hatten:
mit Gottes Hilfe gelte unter uns
- die „richtige Verkündigung des Evangeliums“ und die Feier der Sakramente „gemäß dem Evangelium“ - so beschrieben Luther und Melanchton 400 Jahre zuvor das Wesen der Kirche im „Augsburger Bekenntnis“ (im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt unter Nr. 808)
- keinen anderen denn Christus als Herrn der Kirche zu bekennen (so in der „Theologischen Erklärung von Barmen 1934 gegen Führerherrschaft und Nazi-Ideologie)
- die Gemeinde zum Zentrum der Kirche zu machen, denn sie sammelt sich in der Nachfolge um die Verkündigung des Evangeliums und die Sakramente (Theologische Erklärung von Barmen)
- in christlicher Verantwortung in der Welt für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten
Man wusste sich verbunden mit jenen Christen und Christinnen, die in Stuttgart 2 Jahre zuvor im berühmt gewordenen „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ ihre Schuld am Verbrechen von Krieg und Völkermord bekannten. Die Friedberger Neugründung unserer EKHN war darauf eine engagierte Antwort, in Bußfertigkeit vor Gott und in der Hoffnung auf seine Gnade die Opfer um Vergebung bittend und um Versöhnung betend..
Ich bin diesen Männern und Frauen der Gründungssynode unserer EKHN dankbar für diesen Schritt. Wie so oft im Leben, verblasst allerdings eine solche hehre Gesinnung der Gründergeneration im Laufe der Jahre. Sind wir materiell als Kirche vielleicht zu gut „aufgestellt“ und werden satt und behäbig?
Mir ist in diesen Tagen zu viel von der scheinbaren Erfolgsgeschichte unserer jungen Kirche die Rede. Ein wenig mehr stille, nachdenkliche Dankbarkeit für diese 1947 geschenkte Chance, nicht frei von Schuld aber trotz aller Schuld verantwortliche Kirche in dieser Welt zu sein, sie wäre mir lieber als das Jubiläumsgeplapper, das nun anschwillt und das doch niemand hört, weil es für viele Menschen in unserer Gesellschaft ziemlich egal zu sein scheint, was die Kirche von sich selber hält..
Wenn Kirche der Welt erkennbar aber durch ihre Menschen für die Menschen ist, dann ist vielen Menschen das, was die Kirche ist eben doch nicht egal. Dann ist Kirche erfahrbar in der engagierten Solidarität mit den Armen, das ist sie schützende und tröstende, stärkende und ermutigende, ja befreiende Kirche für andere (D. Bonhoeffer). Dann dringt Christus durch die Menschen hindurch zu den Menschen, und das ist manchen ein Ärgernis, weil das nicht immer mit dem übereinstimmt, was manche von jenen gerne säen, die Macht und Pfründe über alles stellen lieben.. Über eine solche Kirche mögen sich viele ärgern,. Manchen Politikern und anderen Führungspersonen in Wirtschaft und Gesellschaft mag sie so ein Ärgernis sein, vielleicht würde sie dann sogar ihren rechtlich gefestigten und gesellschaftlich herausragenden Status verlieren, der, so sehr wir ihn auch genießen und für angemessen, gar zum Handeln für wichtig erachten mögen, doch auch immer die Gefahr der geistigen und geistlichen Erschlaffung des Nachfolgemandats beinhaltet. Eine reiche und gesellschaftlich starke Kirche kann gewiß viel Gutes tun mit ihrem Reichtum und in ihrem öffentlichen Ansehen, sie kann sich aber auch, mehr als der „rechten Verkündigung“ und der Nachfolge, vor der offenen Konfrontation des Geistes der Seligpreisungen mit jenen drücken, die eine solche „rechte Verkündigung des Evangeliums“ schmähen (Matthäus 5, 1-12).
Die Friedberger Synode von 1947 erhielt - im Schuldschatten des fortdauernden Schreckens des Nazi-Terrors und der kirchlichen Kooperation mit den Nazis - ein teures Geschenk. Sie gestaltete daraus im Licht des Evangeliums und der reformatorischen Bekenntnisse, der Erfahrungen der Bekennenden Kirche und des Stuttgarter Schuldbekenntnisses unsere EKHN.
Wenn heute in unserer Kirche viel über gewiß notwendige Reformen geredet wird, sollten in den Reformprozessen mit diesem Geschenk sehr umsichtig und vorsichtig umgehen, dass wir es nicht verschleudern, was 1947 geschenkt wurde. Der es uns schenkte wird uns eines Tages fragen: „Was hast Du gemacht mit meinem Geschenk?“
Wird unsere Antwort dann sein: „Wir machten ein erfolgreiches, religiös profiliertes Dienstleistungsunternehmen daraus?“ Gott bewahre!
Pfarrer Konrad Knolle
September 2007
Gestern saß ich an meinem Computer und grübelte über dies Kolumne für den Monat September, als ich etwas Kleines sich über ein bereits ausgedrucktes Blatt Papier meines Druckers sich bewegen sah. Es hatte die Größe und auch die Färbung einer Popcornflocke, wie wir sie aus den Kinos kennen. Erst dachte ich, die Statik meines Druckers bewege dieses Popcorn, was natürlich Blödsinn war, denn so stark konnte die Statik gar nicht sein. Und wie sollte eine Popcornflocke auf mein Papier kommen? Es dauerte eine Weile bis ich erkannte, dass dies ein einer Motte ähnliches kleines Tierchen war, das dort scheinbar Zeile um Zeile ablief, immer wieder am Rand des bedruckten Papiers kehrt machend. Ich hatte bislang ein solches Tierchen noch nie gesehen.
Wie viel wundervolle Schönheit krabbelte auf kaum erkennbaren Beinchen, über und über beladen mit seinen kleinen gefächerten, wie eine Vielzahl kleiner Federbällchen aussehenden Flügeln nicht nur über mein Papier, sondern eigentlich durch diese 40 Sekunden meines Lebens. Wesentlich mehr war mir nicht gegönnt, am Wunder dieses kleinen Besuchers teilhaben zu dürfen. Es waren aber doch Sekunden meiner Lebenszeit, die, kaum vergangen, nicht mehr wiederkehren werden. Da es also Sekunden meiner Lebens-zeit und der dieses Tierchens waren, waren es auch Sekunden der Weltzeit, denn diese Sekunden, sie vergingen ja nicht nur in der Isolation meines Schreibtischs, sondern in der ganzen Welt in der wir leben. Und noch eines gilt: Was für mich wenige Sekunden meines Lebens ausmachte, für meinen kleinen Gast waren die Sekunden seines Besuches bei mir ein umfassender, großer Lebensabschnitt jener vielleicht 2 oder 3 Tage, die er überhaupt in diesem Zustand als Motte lebte.
Eigentlich finde ich Motten ekelhaft, und ich mühe mich, wenn sie, angelockt durch meine Schreibtisch-lampe durch das offene Fenster flattern, sie zu vertreiben. Doch in diesem Fall zuckte keine Hand fast schon im Reflex, sie zu vertreiben oder gar sie zu erschlagen. Ihre Schönheit blockierte den ansonsten zu erwartenden, tötenden Schlag. Wunder verändern eben den Menschen und sei es auch nur für einen Augenblick.
Um Wunder erfahren zu können, scheint es mir ratsam, auf das Kleine zu achten, sie sind ja wohl meist keine glamourösen Zaubereien, keine Paukenschläge, die die Welt verändern. Um Wunder zu erfahren, müssen wir Ungleiches und auch Ungleichzeitiges als Gleiches und Gleichzeitiges erleben. Wunder verändern unsere Vorstellungen vom Gleichen und vom Ungleichen, sie greifen ein in unsere Er-fahrungen vom Leben und verändern diese.
Wir sind eigentlich immer auf dem Weg, unsere Welt zu entdecken. Wir gehen dazu verschiedene Entdeckungswege. Mal ist unser Weg die wissenschaftliche Forschung, mal das Erzählen von Märchen, Geschichten und Legenden. Jedes Liebeslied erschließt eine Welt, jedes Gedicht der Dichter, jedes Gemälde der Kunst ebenfalls. So entdecken wir die Welt auch in der Erfahrung von Wundern. Unsere Welt ist ja vor allem das, was wir äußerlich sehen und begreifen und innerlich erleben und erfahren, Wunder fangen nicht da an, wo das Wissen scheitert, sondern wo wir unser Wissen nicht als letzte Weisheit, unser Wissen nicht als aller Weisheit Ende erleben. Hier war es zum einen das Wunder der überwältigenden Schönheit meines Besuchers. Wie viele Vorstellungen des Schönen wurden bei mir wachgerufen in dieser kleinen Motte, gingen über alles biologische Wissen um solche Tierchen hinaus? Wie sehr verbindet sich mit solchen Vorstellungen des Schönen, die mitunter verschüttet gegangene Sehnsucht nach dem Guten, die Sehnsucht nach dem Friedlichen, auf ein „himmlisches Leben auf Erden“? Sodann war es zum anderen die Erfahrung meiner und der Motte Gleichzeitigkeit, obwohl wir doch – als Motte und als Mensch - ganz und gar nicht gleichartig waren. Wie sehr verbindet sich solches mit unserer Sehnsucht nach dem „verlorenen Paradies“, das ist Bild jenes Traums, dass alles Menschenleben und die Natur in Einheit trotz aller Verschiedenheit – und auch entgegen aller sonstigen, mitunter auch garstigen Wirklichkeit im Leben - miteinander harmonieren könnten und die Lebenszeit nicht nur meine, sondern Menschenzeit, gar eine einzige, alle Zeit der Welt umfassende Schöpfungszeit ist, von der in der Bibel als „Ewigkeit“ zu lesen ist?
Wird mir dies bewußt, öffnet sich mir die Erfahrung, dass ich im Moment solcher Sehnsucht, im Augen-blick des Erlebens eines solchen Wunders also, eben diesen großen Moment teile mit allen Menschen, als Moment allen Lebens, aller Schöpfung, und ich entdecke eine ganz andere Welt als die gewohnte, eine Gegenwelt gewissermaßen, eine durch das Wunder bereicherte Welt, in der anderes wichtig ist, als das gewohnte. Ich erlebe eine neue Welt - die Bibel nennt sie die „Schöpfung“ – für einen kurzen Moment vielleicht nur, aber ich erlebe, dass sie möglich ist, diese neue Welt. Ich erlebe, dass ich, mit solcher wundervollen Erfahrung versehen, angeregt bin, so leben und handeln zu wollen, wie es schön ist, wenn es möglich ist. Das entspricht übrigens ja doch unseren Sehnsüchten, die die Bibel „Glauben“ nennt.
Achten wir auf die kleinen Wunder – wir werden die Welt entdecken, wie sie sein könnte mit uns, auch wenn sie so nicht ist durch uns. Solche Wunder fallen nicht vom Himmel, sie geschehen unter uns, wie die wunderschöne Motte auf meinem Papier und was mein Leben dabei erfährt.
Pfarrer Konrad Knolle
August 2007
Liebe Freunde dieser Seiten,
mit diesem neuen Internetauftritt stellt sich Ihnen von nun an die Evangelische Kirchengemeinde in Groß-Rohrheim vor. Hier finden Sie alle Gottesdienstzeiten, Nachrichten verschiedenster Art, können Sie sich die Gruppen unserer Gemeinde vor Augen führen und vieles mehr über die Evangelische Kirchengemeinde erfahren. Unser ganz großer Dank gilt den beiden Webmeistern, die in der Tat meisterliches produziert haben!
Auf dieser Seite werde ich nun monatlich eine kleine Kolumne gestalten dürfen. Es sind meine Gedanken, theologische Fragen, Fragen aber auch zum Zeitgeschehen, die hier vorgestellt und dargestellt werden. Ihnen wird manchmal die Ausgewogenheit fehlen, weil wir manchmal nicht ausgewogen reden dürfen. Ihr wird ein selektive Wahrnehmung nicht immer abzusprechen sein können, weil ich eben doch auch durchaus selektiv die Zeitung und auch selektiv die Bibel lese.
Ich hoffe, Sie vor theologischen Allgemeinplätzen schützen zu können. Die sind ziemlich langweilig, weil wirkliches theologisches Denken nie ein Denken in Allgemeinheiten sein sollte. Die richtigen Gedanken fallen nicht vom Himmel. Sie werden hier auf Erden gestaltet, sie werden von Menschen verantwortet, die für solche Gedanken stehen – und, ob solche Gedanken dann die richtigen sind, das wird sich nicht nur historisch erweisen, sondern bedarf vielmehr der gemeinsamen Diskussion.
Und zu dieser gemeinsamen Diskussion möchte ich Sie mit der Kolumne einladen. Reagieren Sie darauf, melden Sie sich zu Wort, drücken Sie Ihre Meinung zu den angesprochenen Themen und Inhalten aus. Wahrheit – und das wären ja richtige Gedanken – gibt es nicht als Ware zum Konsumieren. Wahrheit, die nicht bloße Ware – erst recht keine geistliche Ware - sein will lebt davon, dass wir gemeinsam darüber streiten., dass wir gemeinsam um sie ringen. Wie, in welcher Form, mit welchem Umgangston wir darum ringen, dass ist eine Frage der Streitkultur, die wir unter uns haben
Ja, mögen manche sagen, müssen wir jetzt auch noch in der Kirche miteinander streiten? Vielleicht versöhnt es Sie, wenn ich sage, dass Wahrheit immer erstritten werden muss. Das ist ein gutes demokratisches Vorgehen. Das ist vor allem auch ein gutes evangelisches Vorgehen. Schon Paulus und Petrus haben um die Wahrheit miteinander gestritten. Paulus stellt in seinen vielen Briefen dar, wie die Gemeinden um die Wahrheit gestritten haben. Auch die Evangelisten haben mit ihren teilweise durchaus verschiedenen Darstellungen in den Evangelien, durchaus widersprüchliche Äußerungen über die Dinge, die sie umtrieben in der Sache Jesus gemacht. So Sie Protestanten sind, sagt schon das Wort selber, dass hier die Wahrheit eines Christenmenschen gegen die Wahrheit der Kirche antrat. In den Kirchen beider aller Konfessionen, der orthodoxen, der römisch-katholischen genauso wie in den protestantischen findet dieser Streit um die Wahrheit bis heute – und das heißt seit 2000 Jahren! - statt. Wo nicht mehr um die Wahrheit gestritten wird, da regelt Macht und im schlimmsten Fall die Gewalt die Verhältnisse des Denkens und Handelns der Menschen.
Es gibt eine Grenze des Streits um die Wahrheit. Das ist die Grenze des Respekts und der Anerkennung menschlicher Würde des jeweiligen Gegenüber, das ist eine Frage unseres Menschenbildes, das tief vom Christlich-jüdischen Menschenbild geprägt ist, wie es die Propheten und vor allem dann Jesus uns entworfen haben. Damit sind wir bei dem, was wir im Christentum direkt auf Gott zurückführen. Egal welche Vorstellungen wir von dem haben, was wir als Gott bezeichnen, eines ist das Verbindende, das ist die Vorstellung, dass wir alle in Bezug auf Gott vom gleichen Blute sind, dass wir alle, so beschreibt es die biblische Geschichte von der Schöpfung in der ihr eigenen alten Vorstellungswelt, im tiefsten Inneren einen Funken göttlicher Würde tragen, weil wir Menschen mehr sind als was wir sehen und begreifen können, weil wir nicht nur biochemische Organismen sind, weil wir leben. Dass wir leben, sagt mehr als dass wir bloß existieren. Unsere Wünsche und Hoffnungen auf ein gutes Leben, auf ein anständiges Leben miteinander, unsere Liebe, die wir füreinander empfinden, unsere Trauer um unsere Verstorbenen, unsere Erwartung an unser Leben, dass es sinnvoll sei, das alles hat mit dieser seltsamen und von altersher bestehenden Vorstellung zu tun, dass Gottes Atem als seine Lebenskraft in uns lebendig ist während und weil wir leben.
So lade ich Sie also ein, diese hier im Internetauftritt unserer Gemeinde neu gegründeten Möglichkeit wahr zu nehmen, Ihre Sicht der Dinge, die uns im Leben umtreiben als unter Umständen auch streitbaren Kommentar zu meiner Kolumne einzubringen.
Ich freue mich auf einen regen Gedankenaustausch, zu dem ich Sie nicht nur über den angegebenen Kontakt zu mir als dem Pfarrer über das Email, sondern mehr noch in persönlichen Gesprächen ermutigen möchte.
In der Septemberausgabe werden Sie als erste Kolumne etwas über den Streit um die so genannten „Kreationisten“ und das Vordringen christlich fundamentalistischer Bewegungen in Deutschland, finden.
Eines muss noch geklärt werden: Unter jeder Kolumne finden Sie meinen Namen. Das bedeutet, dass dies meine Gedanken sind. Sie sind nicht die Meinung unserer Gemeinde oder unserer Kirche. Ich alleine bin verantwortlich für alles, was hier zu lesen sein wird!
Ich grüße Sie recht herzlich
Ihr
Pfarrer Konrad Knolle
16.08.2007
Die Kirchen der Reformation haben den Karfreitag als Feiertag übernommen. Im 17. Jahrhundert wurde mit dem Karfreitag zusätzlich der Gedanke eines Bußtages verbunden. Entgegen der früheren Praxis, an diesem Tag kein Abendmahl zu feiern, ist heute das Abendmahl fester Bestandteil der Karfreitagsgottesdienste.
Im Mittelpunkt aber jedes Karfreitagsgottesdienstes steht das Evangelium der Kreuzigung Jesu. Die christliche Gemeinde läßt vor allem das Wort Gottes reden und begleitet das gelesene Wort Gottes mit ihren Liedern. In der Kirche steht der schmucklose Altar, auf dem die Kerzen erloschen sind. Sie sind ja Zeichen für das lebendige Licht, das Jesus Christus selbst ist. Erst in der Osternacht werden die Kerzen und mit ihnen die Osterkerze entzündet.
Ist der Karfreitag also eine bloße Rückschau auf das Geschehen von Golgatha, gar ein bloßes rituelles Ableisten eines weiteren Feiertages mit wohlfeilschönen Gottesdiensten?
Ganz und gar nicht. Für einen Moment schauen wir unser eigenes Leben im Spiegel des Geschehens auf Golgatha. Die Erfahrungen eigenen und fremden Leids, der Schmerz der Trauer, das „Elend der Welt" wird hier im Angesicht des Kreuzes gebündelt und mit Gottes Willen für seine Menschenkinder konfrontiert. Wir schauen nicht zurück auf das Geschehen als wie in die Geschichte, wir schauen und gehen hinein in das Geschehen auf Golgatha, werden Teil davon, es wird unsere eigene Geschichte, erzählend von unserem Elend im Leben. Unsere Spaßgesellschaft und unsere Sucht nach Glück im Leben müssen wir dann freilich verlassen, denn da ist nicht Spaß und ist auch kein glückliches Leben.
Im Bericht des Geschehens auf Golgatha und genauso auch in den Passionsberichten begegnet mir die ganze Tiefe des Menschlichen, wie sonst vielleicht nirgendwo in den Evangelien. Hat es vielleicht damit zu tun, dass in diesen Zeugnissen etwas von dem angesprochen wird, was wir alle erfahren, was wir alle - gegen besseres Wissen - hoffen?
Mit Verzweiflung erfahren und wissen wir, dass es Leid gibt, unsägliches Leid. Da werden Menschen gemordet in Kriegen, in Verbrechen, Kinder werden brutal dem Tod ausgesetzt, das Leben von Babys „weggeschmissen; es sterben Freunde an AIDS oder Krebs, in tragischen Unfällen; ich selber erfahre manchmal mein Leben als täglich durch den Tod bedroht: Trost bleibt aus, ich finde die rechten Worte nicht zur Tröstung, zur Ermutigung, zum Widerstand gegen den Tod, bin sprachlos, schlaue Gedanken, gelernt und gelesen bleiben mitunter belangloses Zeug. Trost, der mich erreichen will, verhallt wie ein Nichts, prallt ab an meinem Schmerz, meiner Trauer, meiner Not. Es bleiben Verzweiflung angesichts der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Resignation und innere Kapitulation.
Dennoch ist uns Menschen die Hoffnung eigen. Wir hoffen, dass das alles nicht so sei, dass wenigstens am Ende des Tunnels ein Licht uns scheint, dass Hoffnung die Hoffnungslosigkeit besiegt, dass wir die richtigen Worte finden Trost zu finden, auch zu trösten, auch dass Trost uns erreicht und helfen kann; das Leiden bleibt zwar schwer, aber es wird vielleicht erträglich schwer, wenn das Ende des Leidens und der Trostlosigkeit absehbar scheint. Dann ist es nur ein böser Moment, eine böse Stunde, ein böser Tag, eine böse Woche, danach wird's besser.
Aber wenn man das Ende nicht sieht, so ist alles Leiden unerträglich, auch wenn es nur eine Viertelstunde währt. Und wenn die Hoffnung nicht erfüllt wird, scheint sie Lug und Trug, verschärft die Verzweiflung statt sie zu besiegen.
Ich habe in meinem Sinnen und Grübeln keine Lösung gefunden. Verzweiflung und Hoffnung, sie bleiben nebeneinander bestehen. Ist dies die Botschaft des Karfreitag, dass es keine Harmonisierung, keine den Schmerz einebnende Glättung zwischen Verzweiflung und Hoffnung gibt? Verzweiflung steht alleine da, dominiert unser Denken und Fühlen, ist der tote Punkt des Lebens, ist der Tod. Hiob bezeugt's.
Was ich auch erfahre ist dies, und es ist nicht Hoffnung auf Ende der Verzweiflung, des Schmerzes, ist auch nicht deren medizinische oder psychologische Erklärung, worin sich die Freunde des Hiob ja übten und kläglich versagten, ich kann von Hiob lernen, mit dem Kreuz zu leben, weil Christus so litt und Gott in ihm mit mir wie ich.
Ich will also versuchen, mich so auf Karfreitag einzulassen, dass ich vielleicht erfahren kann, dass Golgatha mir gilt, meiner Verzweiflung, meinem Leiden, gar meinem Tod. Nicht weil Karfreitag der Tag ist, an dem man so etwas machen sollte. Das wäre so banal wie es falsch ist. Sondern weil Golgatha der Normalplatz menschlichen Lebens ist, weil es menschliches Leben nicht gibt ohne die Tränen, die der Preis des Lebens sind, so sehr wir es auch verdrängen wollen in unserer pharmazeutisch und therapeutisch abgestützten Spaßgesellschaft. Und weil die Hoffnung unserer Vorstellungswelten von einem Leben ohne Tränen doch nur unsere eigengebaute Utopie ist, eigengebaut aus dem Stoff, der selber ja die Quelle der Tränen ist. Jede menschliche Hoffnung gegen die Tränen, die Verzweiflung, die in uns ist, ist nichts als eine in ihr bloßes Gegenteil gewendete Widerspiegelung der Not, eine menschliche Illusion, die uns vorgaukelt, es gäbe, trotz allem was unser Leben beschädigt, das „richtige Leben", wo es doch das Richtige nicht geben kann im Falschen.
Von Hiob kann ich lernen, was es heißt, mich zu verlassen, mich fallen zu lassen auf Gott. Gott, das ist der Name für das richtige Leben. Denn dort allein, nur dort ist das ganz und gar Andere. Was das ist? Ach, wüsste ich es selber in schöne und beruhigende Worte zu kleiden, ich würde es sofort und hier tun. Vielleicht brauche ich dazu die Musik und die Künste, etwas davon zu erfahren, was dieses ganz und gar Andere sei. Vielleicht brauche ich Ruhe und Muße, um in mich hinein zu hören, auf innere Stimmen und Klänge. Vielleicht kann ich mich, bildlich gesprochen, mit meiner Not und meiner Verzweiflung neben den gekreuzigten Gottessohn stellen. Vielleicht ist dies der tote Punkt, der Kreuzpunkt in meinem Leben, vielleicht erfahre ich erst in den Kreuzpunkten meines Lebens etwas von diesem ganz und gar Anderen. Vielleicht ist dort, nur dort der Widerspruch und der Widerstand gegen die Elendsbeschädigungen meines Lebens zu finden. Vielleicht werde ich, wie Christus, schreien zu Gott, werde ich aus dem Elend meines beschädigten Lebens heraus stöhnend protestierend gegen den Himmel schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!".
Gott hilf ....!
Pfarrer Konrad Knolle
März 2008
Liebe Freunde der Gemeinde,
die Wahlen sind nun ja erst einmal (fast) vorbei. In Hessen geht es mit diesem Wahlergebnis im Moment nicht weiter, in Rohrheim geht es nochmals an die Urnen. Ich sehe in dieser Entwicklung unserer Gesellschaft eine nachgerade wunderbare Entwicklung. Man sagt, nichts sei in Hessen und vielleicht sogar in Deutschland nach dem 27. Januar mehr so wie früher.
Als wir vor 40 Jahren auf den Strassen waren und laut skandierend nach mehr Demokratie riefen, als wir damals begannen neue Formen des politischen Handelns zu entdecken, als sich bald darauf die Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, zwischen Männern und Frauen so radikal veränderten, dass wir noch heute von diesen Veränderungen, sowie von vielen anderen gleichermaßen, die damals, also vor mehr oder weniger als 40 Jahren ihren Anfang nahmen zehren. Die Deutschen wurden verändert seit dem. Als dann, beginnend freilich schon in den fünfziger Jahren, wirklich deutlich werdend aber erst in den sechziger Jahren die Menschen aus vielen Ländern zu uns geworben wurden, hier zu arbeiten und immer mehr sich bald entschieden, nicht nur hier zu arbeiten, sondern auch hier zu wohnen, zu leben und schließlich auch zu bleiben, in diesem Lande Familien zu gründen, da trat eine zweite große Veränderung in unserem Land zu Tage.
Weder die Veränderungen der sogenannten „68ger" noch die durch die Einwanderung bewirkten Veränderungen haben uns in Deutschland wehgetan. Das Gegenteil scheint wohl eher der Fall zu sein. Mit dem, was sich aus den „68gern" heraus entwickelte, wurden die Deutschen innerlich verändert. Preussisches war abgefallen, riesige Brocken lösten sich aus den Ordnungsvorstellen wie Schollen aus einem Eisberg, stürzten in das Meer der Zeit schmolzen dahin. Wer kennt von den Heutigen noch den Ordnungsstaat von einst, der es Menschen bei Strafe verbot, öffentliche Wiesen zu betreten? Und wer möchte heute schon auf sein Döner verzichten, selbst in Groß-Rohrheim? Wenn's unseren Jugendlichen langweilig wird, wie zum Beispiel für einige anlässlich der jugendpolitischen Diskussion mit den vier Kandidaten zur Bürgermeisterwahl, der geht eben mal 100 Meter weiter schnell einen Döner holen. Später sieht man sie dann mit diesen Ungetümen aus Fleischschnipseln und Salat auf den Stufen des Jugendhauses sitzen.
Gewiß, andere Veränderungen unserer Zeit prägen uns natürlich auch, der EURO, die Globalisierung, die Privatisierung des Fernsehens, Microsoft, Yahoo und Googel. Es ist ja eine Binsenwahrheit, dass alles immer und zu jeder Zeit im Flusse sei. Bestimmte „Zeitpunkte" in diesem Zeitfluss können wir aber dennoch ausmachen, und die zwei oben genannten gehören genauso gewiß dazu. wie die der Globalisierung von Wirtschaft und Kultur. Die wirtschaftlichen Dimensionen der Veränderung und die sozialen und kulturellen sind ja aufs engste immer miteinander verbunden.
Nicht dazu scheint mir zu gehören, was am 11. September 2001 in den USA geschah, obwohl viele Kommentatoren das so sehen. Was damals in den SA geschah, war wohl weniger ein Wandel als eine logische Konsequenz aus hunderten von Jahren bis heute bestehender Vorherrschaft des „Westens" über die sogenannte Dritte Welt, wie es die Reaktion darauf ebenfalls war. Wenn dies überhaupt etwas mit Wandel und Veränderungen zu tun hat, dann eher in den islamischen Gesellschaften, die sich ebenfalls den globalen wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen ausgesetzt sehen, mit allen ihren gesellschaftlichen Folgen.
Veränderungen prägen unser Leben zeitlebens. Die eingangs als für uns in Deutschland geltenden und oben genannten Veränderungen hier im Lande gehören - auch in ihrer weltweiten Dimension - nicht nur dazu, sie sind vielleicht ganz langfristig sogar entscheidend
Denn es sind ja immer die Menschen, die in der Geschichte Veränderungen so machen, dass sie eben in unserer Geschichte und genauso auch in unserem Denken und Fühlen deutlich werden.
Nicht alle fühlen sich wohl in solchen Veränderungen. Andere übernehmen sie unkritisch oder sind so etwas wie Trittbrettfahrer jeder Veränderung, Spreu im Wind aller Wenden. Wieder andere fliehen die Veränderungen, bauen sich Idyllen auf, Idyllen als örtliche oder innere, dann mitunter pseudeoreligiöse Refugien oder solche irgendwelcher anderer meist psychologisch leicht zu verstehender Art. Auch gibt es Menschen, die aus dieser Angst in den Veränderungen, die jja bekanntlich die Seele auffrisst, mit Gewalt und Terror reagieren. Das gilt überall nicht nur dort, sondern auch hier mitunter, wobei Gewalt nicht erst anfängt, wenn Blut fließt, sondern schon längst davor im immer nur scheinbar sanften Gewand der Entfesselung psychischer Gewalt. Sind dies nicht immer die Reaktionen aus Angst und geistiger Verstörung im Prozeß der Veränderungen? So verschieden sind die Reaktionen auf die Veränderungen, dass sich kaum eine überschaubare Eindeutigkeit daraus ergeben kann. Deswegen ist das Ergebnis solcher Veränderungen, wie wir sie seit gut 40 Jahren erleben, der Verlust der Eindeutigkeit in unserem Leben, die wir verloren haben.
Die Welt der Wissenschaftler benennt das mit Worten wie gesellschaftliche „Ausdifferenzierung" und kultureller „Traditionsverlust". Was uns früher in Gemeinschaft band, hat uns jetzt entbunden. Und wie jede Entbindung, so ist auch diese Entbindung aus der Eindeutigkeit ein schmerzhafter Prozeß, der sich über einen langen Zeitraum erstreckt, manche meinen, die Entbindung dauere ein Leben lang, ja sie sei das eigentliche Leben.
Müssen wir das Leben also als einen ständigen Entbindungsprozeß erleben? Ich glaube, wir haben gar keine Chance, etwas anderes zu erleben. Wer das nicht als Leben erkennt, den bestraft früher oder später das Leben selber, wie ein berühmter Russe das so ähnlich einmal für die alte DDR sagte.
Ach ja, das will ich doch auch noch als Pfarrer kommentieren.
Israels historische Entbindung war zweierlei, einmal die Auswanderung des alten Abraham aus Haran und dann jene, die Israel als Sklaven aus der Hand der Ägypter befreite. Beide Entbindung stellt uns die Bibel als durch Gott veranlasst dar, der solche Entbindungen nicht ohne seinen Bund, seine von ihm ausgehende und somit sehr einseitige Anbindung an diese Menschen geschehen lassen wollte. Es scheint wohl zu stimmen, dass wir trotz aller Entbindung immer auch eine Anbindung brauchen. Wenn Gott sich in der Bibel einseitig allein aus eigenem Willen an Menschen anbindet, dann ist das keine neue Fesselung, sondern ein Angebot, auf das wir unsererseits frei antworten können, ob wir sie wollen und annehmen oder nicht. Entscheidend für uns als Menschen könnte dabei sein, dass in beiden Fällen der biblischen Entbindungsgeschichten, die Menschen sich als „wandernde" erfuhren. Ist dies vielleicht eine der Voraussetzungen im Leben, dass wir unsere Entbindung aus Altem und Eindeutigem erkennen müssen, dass wir den Lebensweg der Freien als den Weglauf von „Lebens-Wandernden" erkennen und lieb haben müssen, bevor wir uns auf so etwas wie Gottes Anbindung an unser herumwanderndes Leben einlassen können? Die ehemaligen Sklaven Ägyptens, die Israeliten, also die Juden, sie haben deswegen Gott zumindest in ihrer kritischen Prophetischen Lesart der großen Propheten Israels als den erfahren, der sich so angebunden hat an unsere ständige Veränderungen zeitigenden Lebenswege, dass er ein Vorauswandernder sei, der Wege anbietet. diese Wegeveränderungen konstruktiv und kreativ zu gestalten.
Manche halten sich fest an jedem noch so verdörrten Strohhalm längst abgegraster Weideplätze, andere wollen gerne zurück zum alten Leben, in der Bibel als die alten Fleischtöpfe Ägyptens bezeichnet. Die hängen dann auch gerne falschen Götzen früherer Zeiten an, finden den neuen Weg nicht, wollen nicht weiter ziehen. Für die fliehenden israelitischen Exsklaven bedeutete dies 40 Jahre Irrwege durch das Ödland der Wüste des Sinai.
Was das mit dem steten Wandel der Zeiten und unseren Umgang damit für Hessen nach der Wahl bedeutet, wird sich zeigen. Was das für unser Groß-Rohrheim bedeutet, wird sich ebenfalls zeigen. Was das für verschiedene Gruppen bei uns bedeutet, auch das wird sich zeigen. Dass dabei allenthalben viel Aufregung entsteht, ist wohl nicht vermeidbar. Schlimm wird es, wenn in diesem Wandel unseres Lebens Feindbilder aufgebaut werden, wozu ich als Pfarrer jetzt auch noch einiges sagen könnte über den Gott der Liebe. Das mit dem Aufbauen von Feindbildern ging übrigens noch nie gut, hat auch den Wandel nie in der Geschichte aufgehalten, hat nur verhindert, dass Menschen konstruktiv und kreativ den Wandel miteinander gestalten.
Allerdings, der oben zitierte Satz des Russen klingt mir auch noch im Ohr: „Wer zu letzt kommt, den straft das Leben!" Und um auch dies klar zu machen: Nicht Gott straft jenen, der lieber gestern bleiben will, obwohl er doch heute lebt. Gott hat mit diesem wohl eher Erbarmen als dass er straft. Es ist das eigene Leben und nichts als das eigene Leben, das straft.
Pfarrer Konrad Knolle
Februar 2008
Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben" (Jahreslosung)
Liebe Freunde der Kirchengemeinde,
Freunde brauchen wir allenthalben. Dieser Satz von Christus meint Freundschaft. Ich lebe und du sollst auch leben.
Also leben und leben lassen? Das mag eine rechte Perspektive für gute Freundschaft sein. Sie wird umso besser, wenn wir unter dem, was wir als „Leben" bezeichnen nicht nur das notwendige biologische und soziale Leben meinen, das zu gewährleisten allerdings selber schon eine großartige Einstellung wäre. Viele unsinnige Opfer würden damit vermeiden. Mehr noch, wir würden, nähmen wir sie uns als Motto für das Jahr 2008 zu Herzen, uns auf einen Weg der Achtsamkeit für einander begeben Diesen Weg zu gehen, ist wohl lobenswert und lebenswert. Das biologische und das soziale Leben zu schützen und zu waren wäre toll, auch wenn wir oftmals nicht direkt eingreifen können, Leben zu schützen, weil die Kräfte, die gegen das Leben gerichtet sind politisch zu groß für uns zu sein scheinen.
Doch ist das Leben ja viel mehr als das was wir mit unseren Augen sehen können. Das Leben hat eine Tiefe, die bis in die Wurzeln unserer grundsätzlichen Lebensfragen reicht. Die Hauptfrage ist dabei meist die nach dem Lebenssinn. Unser Leben wird ja nicht nur biologisch, sozial und wirtschaftlich gelebt, es wird auch erfahren, gefühlt, es besteht aus Gefühlen der Hoffnung und der Enttäuschung, der Liebe, ja, und auch der Bedrohung der Liebe durch Haß, es besteht aus der eigenen Erfahrung von Zuwendung und Schutz und Förderung. Wer von uns wollte leugnen, dass diese Erfahrungen unseres Lebens mindestens ebenso groß und tief, in unser Leben und wie wir es leben einschneidend sind? Psychologen wissen zu sagen, dass Lebensheilung oft darin besteht, dass in Herz und Sinnen verletzte und enttäuschte Menschen neue Zuwendung erfahren.
Das ist es, was Jesus hier meint: Er will mit diesem Satz Leben heilen. Weil er lebt, können wir auch leben. Weil er sich uns zuwendet, können wir leben. Weil er für uns da ist, können wir leben, Weil er uns im Leben nicht verlässt, auch wenn wir durch schwere Erfahrungen gehen müssen, können wir durch solche Erfahrungen hindurch schreiten und leben.
Dieses Leben bedarf einer gewissen Kunstfertigkeit im Leben. Diese Kunstfertigkeit heißt Vertrauen. Obwohl wir meist in unserem Leben wenig spüren von Jesu Lebensnähe zu uns - wir sind ja dazu meist zu beschäftigt mit unseren eigenen Sachen - wenn es dann mal schief geht mit unserem Leben, wenn wir belastet sind und den Kopf hängen lassen vor Sorgen, wenn uns keine Sonne lacht, kein wärmender Lichtstrahl Freude und Hoffnung für uns andeuten kann, wenn wir also mitten im dunklen Loch stecken mit unserem Leben, dann können wir vertrauen, dass Christus mit seinem Satz volle Geltung entfalten will, indem wir darauf vertrauen, dass er sein Leben mit unserem Leben parallel geschaltet hat. Da er sein Leben mit unserem parallel geschaltet hat, bietet er uns seine Freundschaft an.
Mit einem Freund gehen wir Fußball spielen, gehen mal in eine Kneipe, verbringen einen netten Tag mit ihm und gleiches auch mit einer guten Freundin. Wirkliche Freundschaft wird sich beweisen, ob der Freund oder die Freundin da ist, wenn es uns dreckig geht. In guten Zeiten haben wir meist viele gute Freunde, in den schlechten meist wohl weniger. Einer bleibt auf jeden Fall, auch wenn all anderen uns vielleicht verlassen haben.
Wie er dann bei uns ist, dass werden wir dann erfahren. Mag sein, in Gestalt eines letzten guten Freundes, einer letzten engen und engagierten menschlichen Freundschaft, wenn alle Freundschaftsstricke gerissen sind, dann ist er immer noch da. Das ist dann eine Erfahrung des Herzen, die wir nie wirklich beweisen können, sie wird erfahren, erfahren ganz tief in mir wie eine tiefe Wasserquelle in der Wüste. Die rettet Leben, stellt wieder auf die Füße, stärkt uns innerlich zum Weitergehen.
Dass Sie im nächsten Jahr, wenn es Not tut, solche, diese Quelle finden, dass wünsche ich Ihnen von Herzen.
Ihr Pfarrer Konrad Knolle
Spendenaufruf „Brot für die Welt 2007"
Nicht weiterblättern, sondern weiterlesen
Wieder und wieder sammeln die verschiedensten Organisationen für gute, karitative Projekte. Schon wieder ....? Alle Jahre wieder ...!
Ja, alle Jahre wieder rufen auch die Kirchen auf, einen kleinen Teil unseres Vermögens jenen zu geben, die unseren wenigstens relativen Wohlstand ebenfalls erwirtschaften, die aber nichts davon abkriegen.
Ganz besonders die Kleinbauern in der Dritten Welt leiden unter dem immensen Druck des globalen Marktes landwirtschaftlicher Produkte. Dieser globale Markt ist fest in den Händen der großen, weltweit tätigen Agrarkonzerne. Die Kleinbauern können oftmals die notwendigsten Sachen für ihre landwirtschaftlichen Betriebe nicht besorgen. Futter für die Rinder ist rar, Dünger für die Felder unerschwinglich, die Einfuhrzölle für ihre Produkte in die EU sind so hoch, dass sie keine Chance haben, ihre Sachen hier zu verkaufen, die lokalen Märkte sind durch Billigimporte auch für Lebensmitteöl kaputt gemacht. Da pflügt ein Bauer Jahr für Jahr sein Feld und was darauf wächst bringt ihm dennoch keine Frucht.
Was haben wir mit denen zu tun? Haben wir nicht genügend eigene Sorgen? Ist die EU-Agrarpolitik nicht auch für uns schwer zu ertragen?
Ja, viele auch unter uns leben am Rande des Existenzminimums. Die Armut in Deutschland wächst seit einigen Jahren rasant. Und sollen wir da noch etwas spenden für die Dritte Welt, wo doch auch bei uns so viel Not herrscht?
Ja, wir sind eingeladen, von unseren Mitteln auch den Armen in der Dritten Welt zu spenden, für kirchliche Organisationen, die sich sachkundig und sach- und fachgerecht um die Linderung der gröbsten Not dort einsetzen. Wir leben ja in einer Welt. Unsere Welt in Deutschland kennt die Möglichkeit, dass Menschen hier zu Lande für ihre Rechte eintreten. Viele Auseinandersetzungen unserer Politiker haben damit zu tun, dass bei uns um die gerechte Verteilung des Wohlstands gerungen werden kann und natürlich immer auch wieder gegen jene, die alles haben und nichts teilen wollen gerungen werden muss. Hier bei uns wird gerade in diesen Tagen und angesichts horrender Profite weniger darum gerungen, dass Menschen gerechter Weise teil haben wollen am hiesigen Wohlstand. Wir haben Lobbys, die sich dafür einsetzen, die politisch darum ringen, dass die Schere zwischen Armen und Reichen bei uns nicht weiter auseinander klaffen soll.
In den meisten Ländern der Dritten Welt gibt es diese Lobbys nicht.; und dennoch haben die Menschen ein Anrecht darauf, dass wir unseren Wohlstand mit ihnen gerecht teilen. Wir können nicht um Gerechtigkeit bei uns ringen, ohne zugleich auch für Gerechtigkeit weltweit zu ringen. Denn, soweit die Welt der Reichen, die Welt der globalen Konzerne längst schon, genauso wie die Finanzmärkte eine Welt geworden ist, so kann unser Ringen um Gerechtigkeit in dieser Welt nur dann erfolgreich sein, wenn wir dieses Ringen um Gerechtigkeit gemeinsam mit jenen gestalten, die am bitteren Ende all unserer Strategien und unserem Ringen, den allgemeinen Wohlstand der Menschen wieder her zu stellen leben und oftmals herber darben als wir es uns vorstellen können.
In vielen Ländern der Dritten Welt führt die Elendskatastrophe der Menschen dort zu politischen Verwerfungen und brutalen Bürgerkriegen. Es ist die Not der Menschen, die dazu führt, dass immer wieder zu den Waffen gegriffen wird, dass die Erfahrung der Unmenschlichkeit des alltäglichen Lebens dort Gangster, verbrecherische Maulhelden, aus- und aufgerüstet mit unseren Waffen, auch „Made in Germany", auf den Plan ruft, die solche Situationen mit der Gewalt der Waffen, für sich selber profitabel, ausnutzen wollen, oft unterstützt von eben jenen politischen und wirtschaftlichen Lobbys, die die internationalen Märkte beherrschen.
Eine jüngste Schlagzeile dokumentiert dies:
„Kleinwaffenexporte aus Deutschland auf Rekordhöhe - Waffenhandel boomt"
Der Bundesausschuss des „Friedensratschlag" mahnt: :
Deutsche Rüstungsexporte in die Dritte Welt sind anhaltend hoch
Kriegswaffenexport der Großen Koalition auf hohem Niveau
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Export von ausrangierten Bundeswehrwaffen gestiegen
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Kleinwaffenexporte in alle Welt auf Rekordniveau
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"Restriktive Rüstungsexportpolitik": Fehlanzeige
Anlässlich der Veröffentlichung des Rüstungsexportberichts 2006 durch die Bundesregierung am 7. November 2007 stellen die Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Lühr Henken (Hamburg) und Dr. Peter Strutynski (Kassel) fest:
Der reale Kriegswaffenausfuhrwert des Jahres 2006 in Höhe von 1,37 Mrd. Euro stellt den dritthöchsten Wert seit 1996 dar. Wir stellen fest, dass der deutsche Kriegswaffenexport leider in den vergangenen vier Jahren auf einem hohen Niveau bleibt und sich zu verstetigen droht."
Der Boom der erteilten Genehmigungen für den Export von Kleinwaffen in Drittländer (also außerhalb von NATO und EU) hält unvermindert an. Er bricht seit 2002 jährlich neue Rekorde. So auch 2006. Mit 15,6 Mio. Euro liegt der Wert um ein Viertel über dem des Vorjahres. Bekanntlich führt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz 95 Prozent der Getöteten heutiger Kriege auf den Einsatz von Kleinwaffen zurück.
Die Gruppe der Drittländer umfasst genau 97 Staaten und Gebiete. Darunter auch jene, die in Spannungsgebieten liegen, wie Chile, Bolivien und Peru, Kolumbien, Indien und Pakistan, Israel, Jemen, Jordanien, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, Südkorea und Taiwan.
Die Spendenaktion von Brot für die Welt ruft auf, die Alternative zum Handel mit Waffen insbesondere für die Ditte Welt konkret zu gestalten
Ihre Spenden helfen, die Not nicht nur zu lindern, sondern aktiv einen Beitrag für den Frieden zu leisten. Die Hilfe der Kirchen will den Kriegstreibern und Kriegsgewinnlern hier und dort das Wasser ihrer Profitgeilheit, die über Menschenleben hinweg schreitet als wären Menschen nichts anderes als Kriegsschrott abgraben. Sie will Beispiele setzen für Regeln für eine gerechte Welt, eine Welt, in der wir miteinander teilen, was Gott uns schenkt, nämlich diese eine Welt. Mit unserer Spende, mitunter nur wenig Euros, tragen wir dazu bei, diese Welt lebenswerter, ja lebenserhaltender zu gestalten.
Ihre Spende ist ein wichtiger Beitrag für den Frieden, für Menschenrechte, für Gerechtigkeit, für das Leben!
Die 49. Sammelaktion Brot für die Welt steht unter dem Motto"Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt".Im Mittelpunkt stehen die Rechte von Kleinbauern sowie die Themen Ernährungssicherheit und fairer Handel. Die Regeln des globalen Handelns haben mit Fairness wenig zu tun, sagte die Direktorin von „Brot für die Welt", Cornelia Füllkrug-Weitzel während des Eröffnungsgottesdienstes der Spendenaktion in Marburg.
Deshalb müssen die Spielregeln der Globalisierung geändert werden. Der Bischof der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, erinnerte in seiner Predigt daran, dass Brot für die Welt" den Gedanken der Solidarität unter den Menschen lebendig halte: „Teilen macht nicht ärmer, sondern schafft Leben für alle."
Spendentüten liegen in der Kirche aus.
Gerne können Sie auch direkt an Brot für die Welt spenden mit dem Stichwort „Gerechtigkeit"
Postbank Köln, Konto Nr. 500 500 500 , Bankleitzahl 370 100 50
oder auf das Konto der Evangelischen Kirchengemeinde Groß-Rohrheim,
RBank Groß-Rohrheim, Konto Nr. 1724, BLZ 509 613 12.
Eine Spendenbescheinigung senden wir Ihnen zu.
Pfarrer Konrad Knolle
Groß-Rohrheim
Weihnachten 2007
Ach ja, nun weihnachtet es wieder sehr. Die Menschen verkleiden sich wie zur Fasching, setzen sich die närrischen Santaclausmützen auf, manche blinken recht ansehnlich lustig digital gesteuert, andere hängen recht lasch und leger übers Ohr herunter. In den Kaufhäusern und Supermärkten finden wir schon lange die Auslagen für diese Hochzeit des Schokoladenkonsums, nicht zu vergessen das ganze Dekorzeug Made in China.
Ach ja, das waren noch Zeiten, als Weihnachten noch Weihnachten war und Advent noch die Zeit davor und fast unmittelbar nach Weihnachten nicht schon die Osterhasen schon auf ihren Auftritt warteten.
Kennen Sie noch den „Knecht Ruprecht" und den „Weihnachtsmann", den „Nikolaus" - oder nur noch Santaclaus made by CocaCola ?
Ich gehe jetzt auf die „Sechzig" zu, Wahrscheinlich hat es mit meinem Alter zu tun, dass ich jetzt manchmal wehmütig auf die Vergangenheit zurück schaue und bedauere, dass sie nicht mehr meine Gegenwart ist.
Aber das ist nun einmal so. Der Menschen Dinge ist ein Kommen und Gehen, nichts bleibt bestehen. Das hat natürlich damit zu tun, dass alle Dinge, wie auch alles Lebendige in der Natur, so auch wir Menschen den Gesetzen von Kommen und Gehen unterworfen sind.
Advent, da wird das wohl ganz deutlich. Wir bereiten uns auf das Kommen Gottes vor. Das feiern wir dann am Weihnachtsfest. Was das höchste Sein und der höchste Sinn alles Daseins ist, Gott, in dem alles seine Wurzel, sein Ursprung hat, der hat sich auf das eingelassen, was dieses Kommen und Gehen alles Lebendigen und Sächlichen ist. Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich selber: Gott, den wir als den Schöpfer, den Unendlichen bekennen, wird Geschöpf, wird endlich wie alles was wir sehen und in der Welkt begreifen können, nein er wird nicht so wie alles das endlich, er macht sich selber so endlich, dass er ein Anfang und ein Ende hat, genauso wie alles in unserer Welt. Darin erkennen wir die eigentliche Größe Gottes, dass er sich den Gesetzen alles dessen unterwirft, was hier auf der Erde kommt und geht, beginnt und endet, entsteht und vergeht.
Das verschwindet hinter dem Santaclaus-Jux, den wir in diesen Tagen wieder kommen sehen. Verschwindet es wirklich?
Wenn das stimmt mit alle dem Kommen und Gehen, und wenn das stimmt, dass Gott sich diesem Kommen und Gehen aller Dinge, aller Natur und aller Menschen unterwirft, dann müsste er eigentlich auch in diesem Santaclaus-Jux sein, wie in all unserer Freude und natürlich auch all unserer Trauer ebenfalls. Denn dann ist Gott auch in den lustigen Dingen, so auch in den Verkleidungen zur Weihnachtsmannzeit. Die kommen und gehen ja ebenfalls.
Ich will deswegen, trotz meines immer und unaufhaltsam älter Werdens nicht meckern und schimpfen darüber. Das würde ja bedeuten, dass ich das, was mir lieb geworden ist, seit mein Vater der Weihnachtsmann für uns Kinder in der Familie war, seit ich als Kind irgendwann zum ersten Mal entdeckte, dass dieser Weihnachtsmann, einen Ehering trug, ganz wie mein Vater und als mir dadurch deutlich wurde, dass dieser Weihnachtsmann deswegen bald nicht mehr der Weihnachtsmann, sondern eben der nur verkleidete eigene Vater war. Seine Rute war wie weggewischt, ich hatte keine Angst mehr vor dem Richterspruch dieses Nikolaus, ein Richterspruch, der urteilte über mein braves oder nicht braves Verhalten im vergehenden Jahr. Ich sagte auch artig keine Gedichte mehr auf und bald kam er denn auch nicht mehr, dieser Vater-Nikolaus.
Ist es nicht eigentlich ein Genuß, zu sehen, dass der Nikolaus als Santaclaus seine Macht verloren hat Heute, um ein Vielfaches klüger geworden, weiß ich, dass der alte Weihnachtsmann erzieherisch richtend und - symbolisch zwar nur, aber dennoch für mich als Kind auch strafend - darüber wachte, ob ich den bürgerlichen elterlich geforderten Kindertugenden der Artigkeit gehorchte oder nicht. Deswegen empfinde ich den Santaclaus-Jux als sehr befreiend. Er vermenschlicht den Heiligen Nikolaus - den Santa-Claus - verbreitet ihn unter alles Volk. Wie wir unter der Narrenkappe zur Faschingszeit frei sind, endlich einmal so kindlich zu sein, wie wir in unserer gesitteten Erwachsenenwelt sonst nie sein dürfen, so übernehmen unzählige Menschen die Nikolauskappe und signalisieren damit: Eine besondere Zeit der Freiheit, wieder zu sein wie die Kinder, lustig sich mit Nikolaus-Verkleidungen schmückend, bricht an.
Gibt es eine schönere Botschaft, wozu Gott uns zur Weihnachtszeit auch einladen will, dass wir werden wie die Kinder, denen ja bekanntlich das Himmelreich gehört, weil sie die Freiheit ihrer Kindlichkeit leben können?
Es ist alles hier auf der Erde gebunden an das Kommen und Gehen. Auch die heute modisch gewordene Nikolauskappenzeit wird eines Tages vergehen. Nimm's nicht so tierisch Ernst, lieber Pfarrer, sage ich mir, was Du damit heute erlebst. Sondern freue dich mit denen, die mit der Nikolauskappe herumziehen wie die Narren, die Kinder, denn es ist schön, ein solcher kindlicher Narr zu sein, auch der mit der Nikolauskappe. Diese Nikolaus-Narren erkennen für und mit uns heute, unbewusst wahrscheinlich, worum es zu Weihnachten auch geht: Wir sind frei geworden, zu sein, was wir sonst viel zu selten sein dürfen im Leben, Narren. Es sind die Narren, die der Welt zeigen, dass uns im wirklichen Leben vie zu viel verloren gegangen ist an Freiheit, ganz anders einmal auftreten zu dürfen in unserem Alltag, als es die gesittete Strenge, die uns in die ständige, uns in unserem Leben immer wieder bezwingende Forderung nach erwachsener Sittsamkeit und Ordnung des Alltags sonst erlaubt. Die Nikolauskappe ist die Hut, unter der wir sein können, eben wie die Kinder, ohne Angst vor Repressalien. Wir haben unseren Vätern die Nikolausverkleidung ausgezogen, haben ihnen unsere Angst, die Angst voller Respekt vor der Erwachsenenwelt (in der wir ja doch leben) entwunden und sie uns als eigene Verkleidung angezogen. Philosophisch und psychologisch nennte man das Emanzipation.
Die größte Emanzipation ist die, dass wir lernen können, dass alles Dasein den Gesetzen des Kommen und des Gehens unterworfen ist. Auch unsere lieb gewonnenen Traditionen, auch die Nikolauskappen werden eines Tages keine Narren-Mode mehr sein.
Die Weihnachtsbotschaft wird dennoch die gleiche bleiben, so sehr sich die Formen, in denen wir sie feiern immer wieder verändern werden. Die ist nämlich nicht solchen Formen unterworfen. Er hat sich unseren Formen und Narrheiten unterworfen, damit wir von ihm dadurch lernen können, dass er, Gott, mehr ist als unser Kommen und Gehen, mehr als das, was allein heute für uns so wichtig zu sein scheint, wie es ein Lied schön beschreibt: „Alles ist eitel, du aber bleibst, und wen du ins Buch des Lebens schreibst". (EG 543).
Das haben Narren ja auch gemeint, durch die Jahrhunderte hinweg: Nimm's nicht so Ernst, was du heute allem menschlichen und gesellschaftlichen Anschein nach bist und meinst sein zu wollen oder zu müssen, nimm nicht so Ernst, was andere Menschen aus dir heute in deinem Leben machen wollen. Das ist dem Kommen und Gehen unterworfen. Heute bist du unter deiner Kappe Santaclaus und morgen vielleicht, so es die Moden wollen, der Osterhase mit langen Ohren. Du aber bist und bleibst- bei Gott! - mehr als das, auch mehr als Menschen normalerweise sehen und begreifen, auch wozu sie dich machen wollen. Du bist eingebunden, trotz deines Kommen und Gehens in etwas, was wir Ewigkeit nennen. Das ist über beides, das natürliche Kommen und Gehen weit erhaben. Du bist aus der Sicht Gottes allzumal Mensch, die Krönung der Schöpfung. Lebe danach. Das kann dich bescheiden machen im Leben, und es kann ein großartiges, spannendes Leben möglich machen, beides zugleich. Ziehen wir also die Nikolausnarrenkappe auf und leben wir danach. Gottes Narren gehört die Welt wider den tierischen Ernst, den die Welt uns immer wieder eintrichtern will. Wider alles, was Menschen als Beständiges und für immer Bestehendes behaupten wollen.
Es ist übrigens besser, weil menschlicher, diese Narrenkappe zu tragen als den Helm.
Pfarrer Konrad Knolle
Volkstrauertag, 18.11. 2007, Groß-Rohrheim
Rufen wir uns in Erinnerung, was der Prophet Micha vor über 2500 Jahren sagte und was uns, die wir uns auf Gott in unserem Leben berufen noch heute gilt:
„Er wird unter den Völkern richten. ... Sie werden Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Micha 4, 3) Wo Menschen sich auf Gott berufen in ihrem Leben, können sie nicht sagen, sie hätten es noch nie gehört: Krieg darf und soll um Gottes willen nicht sein!" Auf diesen Text wurden wir am Siedepunkt des Kalten Krieges in den achtziger Jahren von der Friedensbewegung in der damaligen DDR hingewiesen, sie machten daraus eine bekannte Symbolzeichnung, die um die Welt ging. Erinnern wir uns: Macht Schwerter zu Pflugscharen!
Volkstrauertag 2007, wir gedenken der Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. 1922 fand erstmalig ein Gedenktag im damaligen Reichstag statt, vier Jahre nach jenem ersten großen Morden im Europa mit dem das 20. Jahrhundert sich ankündigte, dem Morden, das, der Millionen von Menschen tötete, zu Krüppeln machte, sie durch Senfgas blendete, das dennoch ein Morden war, in das auf allen Seiten Menschen fröhlich hineinzogen und voller Leid und Traurigkeit herauskamen, wenn sie ihn überlebt hatten. Die vor der Kriegtreiberei warnten, die Friedensbewegung hatte gewarnt, Berta von Suttner, Alfred Fried, Rosa Luxemburg, der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant und so manche andere wollten den Frieden, viele standen auf gegen den Krieg, schafften es noch kurz vorher (1907) die „Haager Landkriegsordnung" zu begründen, in der es hieß:
Die Staaten haben kein unbegrenztes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.
Ein einzigartiger Rechtssatz, ein Eingriff in die Souveränität von Staaten, ein Eingriff dagegen, Krieg zu führen, wie Strategen und Politiker das wollen.
Schon vergessen, worum es damals ging?
Schon vergessen, dass die Staaten schon sieben Jahre später sich genau dieses „unbegrenzte Recht" dennoch anmaßten?
Wer jubelte damals und wer weinte?
Aus dem Rachen des technischen Fortschritts des modernen Industriezeitalters kroch die Industrialisierung des Krieges hervor, mit all seinen brutalen Auswirkungen der industriell gefertigten Massenvernichtungsmittel, mit der tief eingebunden in das wirtschaftliche System bestehenden industrialisierten Kriegsmaschinerie. Das begann schon im Krimkrieg, wurde erstmals perfektioniert im amerikanischen Bürgerkrieg und erreichte - Gott bewahre! - wohl noch nicht den möglichen Höhepunkt im Morden der Kriege seit dem. So ist das 19. Jahrhundert Ursprung des totalen Kriegs. Alle Kriegsmächte lernten von diesem, wie man Meister darin werden kann, von der totalen Mobilmachung der Massen zum totalen Krieg zu gelangen. Das 20. Jahrhundert schließlich fand seinen Kriegsmeister, den totalen Krieg über die halbe Welt zu verbreiten. Und das 21. ... ?
Der Wahn des Krieges ist kein Wahn, sondern Wahnsinn als politischer Wille, den Menschen in die Hirne gedrückt als „historische Notwendigkeit" oder als „Schicksal" oder als „(immer nur scheinbar) Gerechter Krieg" oder als (genauso immer nur und hier vor allem) scheinbar „gottgewollter heroischer Waffengang", auch, neuerdings, als „Anliegen der Menschlichkeit". Die den Krieg wollen, sie entwickeln große Phantasie, den Krieg nicht als Morden von Menschen zu bezeichnen, sondern solches zu verschleiern. Ist es doch Basis eines jeden Krieges, was wir nie und nimmer ansonsten unter uns tolerieren würden wozu wir - ausserhalb des Krieges - selber auch unter keinen Umständen bereit wären, dass nämlich Menschen befähigt werden, Menschen zu töten, für welche politisch-ideologisch benannten Ziele auch immer. Und über allem stehen mit Argusaugen jene, denen der Krieg nicht Wahnsinn oder Wahn, sondern Profit und dafür auch wirtschaftliches Kalkül ist.
Das gilt bis heute uneingeschränkt.
Schon vergessen, was heute geschieht?
das Töten und das Leid des letzten europäischen Krieges in Jugoslawien in den 90er Jahren,
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das Töten eines diktatorischen Regimes in China bis zum heutigen Tag,
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das Töten durch islamistischen Terror,
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das Töten und das Grauen eines kaum wahrgenommenen Krieges im Sudan,
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das Töten des Völkermords in Ruanda mit unbeschreiblichen Grausamkeiten,
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das Töten im Kongo und auch das im Iran und Afghanistan.
Das Reden in Politik und Medien vom Krieg, der der Dritte Weltkrieg dann wohl sein soll!
Gilt das also bis heute uneingeschränkt, dass Menschen Morden dürfen und nennen es Krieg?
Nein, nicht uneingeschränkt! Der wachsende Wahnsinn fand seine Gegner von Anfang an, wir können der Toten nicht gedenken ohne nicht auch derer zu gedenken, die in den 200 Jahren seit dem mitten unter uns Widerstand leisten gegen diesen Wahnsinn bis heute. Sie wollten schützen, Leben retten, stellten sich dem Morden in den Weg, wurden verunglimpft, verfolgt, in die Gefängnisse gesperrt, ermordet.
Die das Leben auch der hier auf unseren Friedhöfen ruhenden Opfer, das der Gefallenen und zu Krüppeln geschossenen Bürger unserer Dörfer und Städte, das der 55 Mio Kriegstoten und der unzähligen Kriegsversehrten des Zweiten Weltkrieges schützen und retten wollten, die das Leben der Geschändeten und Gemordeten der Gewaltherrschaft der Nazis - Juden, Roma und Sinti, der politischen Opfer auch, das der Bombenopfer unserer Städte und all die anderen Leben gleichermaßen, auch das von Russen und Polen, Tschechen und Franzosen, der Engländer und der Amerikaner und welcher der Millionen von Menschen jener vielen Völker im Krieg - retten wollten, die jene 11 Millionen Menschen, deutsche Soldaten, vor dem Leiden einer langjährigen Kriegsgefangenschaft schützen wollten, die verhindern wollten, dass Ehen durch Krieg, Leiden und Gefangenschaft zerbrachen, dass Kinder zu Waisen, Frau zu Witwen wurden, die verhindern wollten, dass Bombenteppiche menschliches Leben hunderttausendfach unter sich begraben oder im Feuersturm den Flammen zum Fraß geopfert werden, auch sie, die in unserer jüngsten Geschichte den Frieden wollten, landeten in den Gefängnissen und KZs der Nazis, wurden gefoltert, erschossen, gehenkt, mussten fliehen, wurden beschimpft als Volksverräter Wehrkraftzersetzer.
Die von Anbeginn des Wahnsinns an für den Frieden stritten, ahnten noch nicht, dass die Kriegsbereitschaft der Menschen seit dem 8. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki eine Tötungsmaschinerie in Gang setzen würde, die selbst heute noch unsere Welt 40fach total vernichten kann, und dass es auch heute noch Menschen gibt, die mit diesem Wahnsinn Politik betreiben wollen. Das schreit zwar zum Himmel, ist aber nicht vom Himmel fallendes oder gar dort beschlossenes Schicksal, es sind nicht anonyme Kräfte; es sind heute wie alle Zeit vielmehr ganz seriöse Damen und Herren, denen man auf den Cocktailpartys dieser Welt oft begegnen kann. Und auch die Kriegstechnik fällt nicht vom Himmel, wie die Bomben aus den Wolken regnen, sondern wird geplant, entworfen und entwickelt in den Fabriken und Labors, immer noch meist in unserer sog. Ersten Welt. Um die Möglichkeiten eines Atomeinsatzes zu steigern und tatsächlich möglicher zu machen, ohne sich gar auch selber dabei in den Kosmos zu sprengen, galt es inzwischen kleinere Atomwaffen, sogenannte taktische, zu entwickeln, von den Miniraketen und Atomgranaten bis zu sog. Bunkerbomben, die, 100m tief ins Erdreich eingedrungen, erst dort, unterirdisch, gezündet werden.
Aufgewirbelter Staub, Erdreich und Trümmer die Strahlung verteilen sich über mehrere Quadratkilometer, wie gewollt, so auch geplant. Selbst vor fast schon handlichen zu nennenden, atomar ausgestatteten, großkalibrigen Patronenhülsen scheut die Kriegstechnik in Kooperation mit den Militärstrategen nicht zurück, Atomwaffen für den kleinen „Security-Einsatz", sie steigern die Gefahr nicht nur des Einsatzes solcher Waffen im Krieg, sondern öffnen das Tor für deren Verwendung durch alle mit dem Krieg als Möglichkeit handelnder Kräfte.
Die internationalen Organisation von Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs ( IPPNW) warnt vor den Folgen der Ausweitung der atomaren Gefahren im Falle eines Krieges, da diese neuen Waffen besonders die Zivilbevölkerung als einkalkulierte sog. Kolateralschäden meint.
Sind wir denn wahnsinnig geworden, diesem Kriegsgeschäft nicht in die Speichen zu greifen?
Doch weiter, was noch ahnten die für den Frieden stritten, damals noch nicht?
Sie ahnten nicht, dass eines Tages zigtausende von Kindersoldaten zu Mördern erzogen werden, sie ahnten nicht, dass die im Ersten Weltkrieg erfundene Chemikalien auch gegen Menschen in Auschwitz und genauso in Kurdistan verwendbar sind, dass sie im fernen Vietnam Natur und Menschen auf Jahrhunderte hin chemisch vernichten würden.
Was wussten sie mit der allergrößten Gewissheit, wie wir doch auch? Sie wussten, dass Krieg nicht erst anfängt mit dem ersten Schuß, sondern in der Bereitschaft zum Krieg im Denken, Planen, Wirtschaften und Handeln. Sie wussten, dass Krieg nicht sein soll um der Menschen und um Gottes willen. So beschworen die 1947 in Amsterdam versammelten Gründer und Gründerinnen des Ökumenischen Rats die Kirchen und die Christenheit.
Doch was ist Krieg? Ist es der Moment des ersten Schusses, der Moment der staatlichen Erklärung des Krieges - es gibt ihn kaum noch: Seit 1945 wurde kein Krieg mehr erklärt und gab es seit dem dennoch mehr Kriege als in den 100 Jahren zuvor. Liegt der Krieg wirklich begründet in der Bereitschaft der Mensch zu Aggression und Haß ? Gewiß auch. Ist er nicht schon gegenwärtig im Lernen der Menschen zum Krieg? Auch das ist gewiß. Kriege brauchen Menschen, Menschen zum Töten und Menschen getötet zu werden. Menschen machen den Krieg, nicht die Götter des Olymp.
Vergessen wir aber über all dies nicht: Die Sache des Krieges ist ein gutes Geschäft. Der Handel mit Kriegswaffen hat heute Ausmaße erreicht, wie nie zu vor, sagen uns die Friedensforschungsinstitute.
Die Rüstungsindustrie ist ein Wirtschaftszweig, der in Europa und den USA etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigenständige Industrie wurde.
Nach einer Analyse des Stockholmer International Peace Research Institutes exportierte Deutschland im Jahre 2005 Rüstungsgüter im Wert von 1,5 Milliarden Dollar, in nur einem Jahr erhöhte sich der Wert bis zum Jahre 2006 auf 3,9 Milliarden Dollar, womit Deutschland vom viertgrößten zum drittgrößten Kriegswaffenhändler der Welt wurde, hinter den USA (7,9) und Russland (6,6) und gefolgt in weitem Abstand vor Frankreich (1,6 Mrd. $). Dieses unser Land,, das sind wir (!) die wir wirklich und ganz und gar ehrlich niemandem etwas zu Leide tun wollen, wir, die wir einen eigenen Trauertag für Kriegsopfer miteinander begehen, wir und also dieses Land, von dem der Dichter Paul Celan in seinem Gedicht „Die Himmelsfuge" einmal sagte, dass aus ihm der „Tod als Meister" kam, es exportiert den Tod, die Befähigung zum Töten und Morden als Milliardengeschäft.
Es war immer eine kleine Zahl, die den Frieden und so die Menschen vor dem Kriegsmorden retten wollten. Sie standen und stehen bis heute meist ausserhalb der Machtzentren von Politik und Wirtschaft. Es geht im Widerstand für den Frieden um das Recht der Menschen zu leben, auch in Würde zu leben, dies Recht gilt es zu wollen und zu schützen. Und diese Menschen, die den Menschenfrieden retten wollen, sie haben gegen die Macht der Kriegswilligen dennoch viel erreicht, aus ihrem Ringen heraus entstanden UN-Charta, die internationalen Gerichtshöfe in Den Haag. Danken wir ihnen dafür heute an einem solchen Gedenktag!
Wir haben ja in Deutschland mehr als nur eine Ahnung. Wir wissen, gerade auch wir hier in Deutschland, was Krieg und Gewaltherrschaft ist! Dieser Tag heute soll uns daran erinnern! Wer heute noch von Krieg als Mittel der Politik spricht, wie einstmals Clausewitz, wer heute noch Krieg - egal wo und wie - einsetzt als Mittel der Politik, stampft über die Gräber der Opfer hinweg, hat nichts gelernt, weil er nicht hören will.
Wir sprechen oft von den Strukturen und Verhältnissen, die nicht so seien, wie die Friedensboten und Friedensbotinnen es gerne wollen. Aber es gibt auf Erden keine Strukturen und Verhältnisse, die nicht von Menschen gemacht sind und also dann auch von Menschen ganz und gar anders gemacht werden können, als dass Krieg und Gewalt herrschen kann..
Sind uns denn die 55 Mio Menschenopfer des Zweiten Weltkrieges in Europa, die etwa 10 Mio Opfer deutscher Gewaltherrschaft der Nazis, ja und auch die 50 Mio Opfer kriegerischer Mordbrennerei in des Zweiten Weltkriegs asiatischer Schlachten nicht genug, nicht endlich genug des Leidens unter menschlicher Gewalt und der politischen und wirtschaftlichen Bereitschaft zur massenvernichtenden Gewalt? Die Gerichte können nach begangener Tag richten; doch hat die drohende Strafe wohl kaum je einen Verbrecher an seiner Tat gehindert. Es ist wohl richtig, zu meinen, die Tat sei zu verhindern.
Heute ist ein Tag des Gedenkens. Wir würden fälschlich Gedenken, würden vor den Opfern als Zeugen ihres Leidens nicht bestehen können, wenn unser Gedenken nicht Trauer und unsere Trauer nicht leidenschaftliches Wollen gegen den Krieg wird. Unter jedem Kriegsgräberkreuz liegt ein Mensch, der einst lebte und leben wollte, wie wir. In jedem Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft ist eingebunden das schreiende Zeugnis unzähliger Mordopfer. Trauern wir um sie, dann trauern wir, weil sie nicht mehr leben und weil sie aus ihrem gewaltsamen Tode heraus uns zurufen, dass sie ja auch leben wollten wie wir - und es nicht durften, nicht etwa, weil es die Strukturen und Verhältnisse nicht erlaubten, sondern weil es Menschen, die den Krieg machten, nicht wollten.
Unser Gedenken heute ist Trauer um unsere Toten, es ist die Trauer auch um unsere Toten, es ist die Trauer um die Toten aller Kriege. Wenn wir am heutigen Volkstrauertag daran erinnern, dann daran, wie grausam und furchtbar die Menschen sind, die Kriege anzetteln und legitimieren. Wenn wir unserer Toten gedenken, dann rufen uns diese entgegen: Lasst die Menschen leben, wehret den Anfängen wehret dem Treiben und Tun. Sagt nicht, wir können ja doch nichts tun, denn es mag sein und ist schon so, dass es zu viele Menschen gibt, die als Opfer ganz und gar garaus sind und nichts mehr tun können. Nur ihr Tod mahnt uns noch zum Frieden, sie haben uns Lebende als ihre einzigen Zeugen - und Gott vor allem auch.
Pfarrer Konrad Knolle
November 2007
Zum Reformationstag am 31. Oktober 2007
490 Jahre Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers ist heute eine Provokation für beide Kirchen.
Auch wenn die Tatsache gern in Frage gestellt wird, dass Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirchentür in Wittenberg gehämmert habe - Martin Luthers 95 Thesen markierte eine Zäsur für Kirche UND Gesellschaft, die bis weit in unsere Zeit nachwirkt. Sie sind ein Anschlag gegen jede Knechtschaft im Namen der Freiheit, die Luther bei Christus gefunden hat.
Ihre Wirkmächtigkeit resultiert nicht daraus, dass ein Wittenberger Professor akademische Thesen an das schwarze Brett der Universität oder an die Kirchentür der Schlosskirche zu Wittenberg heftete. Ihre Wirkmächtigkeit resultierte auch nicht daraus, dass Luther sie mit untertänigstem Begleitschreiben dem Brandenburger Kurfürsten Albrecht übersandte.
Was ihnen die große historische Wirkung verschaffte war, dass sie von zahlreichen Unbekannten - meist einfachen Leuten oder ihren Freunden - raubkopiert und unautorisiert in ganz Deutschland verbreitet wurden. Die Idee wurde zur Wirklichkeit, entfaltete ihre Wirkung, weil sie die Massen ergriff, weil sie ins Schwarze vieler Gefühle dieser Zeit getroffen hatte, weil sie von Menschen als Summe ihrer Frustrationen mit Kirche und Staat, ihrer Ängste in ihren Gesellschaften, aber als Summe all ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte nach einer besseren Welt erfahren wurde. Der Protest von Wittenberg begründete das Ende einer Kirchlichkeit, die noch im tiefsten Mittelalter verwurzelt war, in weiten Teilen abergläubisch und in ihrer Spitze eingebettet in die Ränkespiele und die Brutalitäten und die furchtbaren Geschehnisse von afrikanischem Sklavenhandel und Völkermord an den Indianern Amerikas, die in dieser Zeit ihren Anfang nahmen.
Luthers Anschlag war wie eine Explosion: Es explodierten die Ketten, die das menschliche Gewissen banden an die Rechthaberei der Macht von Kirche und Fürsten. Einfache Leute, Bauern und Handwerker erkannten, dass sie unveräußerliche Rechte haben und forderten sie von den Herrschern zurück, tun das bis heute bei den Campesinos Lateinamerikas und den - wie moderne Sklaven - für Hungerlohn schuftenden Arbeitern und Arbeiterinnen, ohne Schutz durch Gewerkschaften, in Lateinamerika und Asien. Drei Viertel aller Jeanshosen auf dem Weltmarkt kommt aus solchen Sklavenstätten. Und schließlich: Der Anschlag der Thesen von Wittenberg, war ein erfolgreicher Anschlag auf den vollkommen unchristlichen Wahn der Gottesstaatlichkeit, er bedeutete den Anfang vom Ende des gottesstaatlichen Prinzips im Abendland, er setzte den Startschuß für die moderne Zeit, für die Forderungen der Menschenrechte, er befreite uns aus der „selbstverschuldeten Dummheit" (Kant über die Aufklärung) mit seiner Schrift „Über die Freiheit des christlichen Willens". Und ganz nebenbei sind jene 95 Thesen ein erstes Dokument unserer modernen deutschen Schriftsprache, später noch verfeinert in der Bibelübersetzung, sowie in seinen Lieddichtungen und seinen theologischen Schriften.
Kann ein Mensch das alles leisten? Nein, gewiß nicht. Unzählige wirkten als geistige „Zulieferer" an Gedanken und Arbeiten, viele hatten vorher schon die Tore des Protests aufgestoßen, manche endeten, wie Jan Hus, der Böhme, auf dem Scheiterhaufen., andere, wie der weithin unbekannte Priester, genannt der „Pfeiffer von Niklashausen" (bei Würzburg) oder der berühmte Bauernrevolutionär Thomas Münzer ebenfalls.
An Martin Luther wird auch heute noch erkennbar: Ein Christ, der den Konflikt mit staatlicher und kirchlicher Gewalt nicht scheute, vermochte die Welt zu verändern. Und so gilt auch heute noch: Christen oder eine Christinnen, die den Konflikt mit staatlicher und kirchlicher Gewalt nicht scheuen, vermögen die Welt zu verändern.
Dass Martin Luther dabei auch Bösem den Steigbügel hielt, und die aufständischen Bauern unter Berufung auf seine Reden gegen die Aufstände zu Tausenden auch als Unbeteiligte am Aufstand, als Unfreie, als leibeigene Landleute niedergemetzelt wurden von den Fürsten und ihrer Soldatestka. Dass sich 400 Jahre später die Nazis und ein naziverseuchtes, protestantisches gesellschaftliches Milieu und das diesem sich zugesellendes, protestantische Kirchenwesen später auf Luther berief, als die Juden Europas und Nordafrikas als „vogelfrei" in die Gaskammern getrieben wurden , ihre Synagogen verbrannt wurden, ist ihm vielleicht nicht direkt vorzuwerfen, auch wenn entsprechende Aussagen von ihm vorliegen, wohl aber gehört auch dieses böse Kapitel der Menschheitsgeschichte in die Wirkungsgeschichte dieses Menschen.
Dennoch: Das Beispiel Martin Luthers, sein Kampf gegen das Kirchenunwesen gegen die böse und ungerechte Machtentfaltung der Fürstengewalten seiner Zeit, macht uns deutlich:
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Eine Kirche, die sich in Nabelschau übt und die Verkündigung der durch Christus geschenkten Freiheit der Unterwerfung unter Zeitgeist und Herrschaft opfert wird alsbald von den Herrschenden und dem Zeitgeist den Mächten dieser Welt geopfert.
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Eine Kirche, die ihren Machtanspruch durch ein selbstbezogenes Zementieren vermeintlich ewiger Wahrheiten gegen die Welt behaupten will, wird in und mit dieser Welt untergehen.
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Die Wahrheit, die wir mit Christus verbinden ist nicht die Wahrheit der Macht, der Gewalt und der Herrschaft. Wer sich mit diesen verbündet geht unter mit ihnen.
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Auf jeden einzelnen kommt es an, den Mut zu finden, sich mit der Freiheit eines Christenmenschen für Würde und Freiheit und Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen.
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Es gibt Freiheit und Gerechtigkeit auch ohne und oftmals gegen die Kirche - aber es gibt sie nie ohne Christus.
Martin Luthers damalige fundamentale Kritik an der römischen Kirche provoziert bis heute die beiden großen Konfessionen in der Bundesrepublik: Sich an dem großen Reformator und den vielen anderen Bekannten und Unbekannten mutig ein Beispiel zu nehmen und die Welt zu verändern heißt erkennen, dass ein Christ, eine Christin, der den Konflikt mit staatlicher und kirchlicher Gewalt nicht scheut, vermag Welt und Kirche zu verändern - das lehrt sein Beispiel und das anderer bekannter und unbekannter Zeugen vor und nach ihm auch für unsere Zeit.
Pfarrer Konrad Knolle







