rohrheim im mittelpunkt
Ein Verein steht vor dem Ruin

Freitag, 20. Februar 2009 06:28 Uhr
URL: http://www.buerstaedter-zeitung.de/region/biblis/6167939.htm
Bürstädter Zeitung
Vor einigen Wochen war im Sonntags Echo der Spaziergang am Rhein entlang von Gernsheim nach Biblis empfohlen. Die Pappelallee an der Hammeraue war abgebildet. Eine Landschaft, die es in nächster Zeit wohl nicht mehr geben wird.
Es wüten bereits die Holzfällertrupps in dem Naturschutzgebiet. Kurz vor dem AKW ist links und rechts des Leinpfades bereits eine baumlose Steppe entstanden. Ein erschütterndes Bild für jeden Naturliebhaber. Hier werden nicht nur einzelne kranke Bäume gefällt sondern ganze Baumreihen auf einen Schlag vernichtet.
An der Entfernung kranker Bäume scheint man gar nicht interessiert. Pilzzerfressene Baumstümpfe läßt man stehen. Wohl als Zeichen für den Wanderer, dass hier Gutes getan wurde oder doch eher weil es dafür keine Geld gibt? Diese massiven Holzfällarbeiten geschehen in einem ausgewiesenen Naturschutzgebiet indem es dem Spaziergänger nicht erlaubt ist den Weg zu verlassen oder ans Rheinufer vorzudringen. Eine Farce.
Mein Verständnis eines Naturschutzgebietes war es, dass eben da die Landschaft möglichst unverändert erhalten und daher unangetastet bleiben soll. Denn was nun entsteht sind Brennnesselmeere die nichts mehr mit dem ursprünglichen Landschaftsbild gemein haben. Die Argumentation die unter Hitler gesetzten Pappeln seien krank und schlagreif kann nicht überzeugen. Auf den Wiesen, auf denen sie stehen, stören sie niemanden, selbst wenn sie krank sind. Denn kein menschliches Wesen darf einen Fuß dahin setzen weil es sich eben um ein Naturschutzgebiet handelt. Und die abgestorbenen, landschaftsverschandelnden Stümpfe läßt man ja offensichtlich stehen. Was geschieht hier also? Konnten die Pappeln doch noch gewinnbringend veräußert werden?
Über den Zustand der Bäume weiß man schon lange Bescheid, man hätte daher an den Wegen bereits frühzeitig Kranke entfernen und sanft mit einer passenden Wiederaufforstung beginnen können. Mitnichten.
Jahre nach der letzten Rodungsaktion wurden winzige, dünne Stämmchen gesetzt. Das Billigste was es wohl zu kaufen gab. Kein Kleingärtner würde diese Stämme auswählen. Den Verantwortlichen ist es ja egal wie es hier aussieht und das erst die nächste Generation eventuell wieder in einer halbwegs attraktiven Umgebung leben darf. Den anderen aber wird hier die Heimat zerstört.
Die Landschaft meiner Kindheit, die ich hoffte auch unserem Kind nahe bringen zu können, es wird sie nicht mehr geben. Vielleicht entfernt man wenigsten das nutzlose Schild am Anfang des Weges, welches uns nicht erlaubt die Strände zu betreten. Aber das läßt man besser stehen. Zuwiderhandelnden kann man dann noch ein wenig Geld aus der Tasche ziehen.
Anja Klein
die väter der groß-rohrheimer ortsmitte haben den durchblick aufgelöst

von jeher hat die menscheit einen natürlichen bedarf nach einem mittelpunkt: in der familie, in der gesellschaft, in ort und stadt.
im südhessischen groß-rohrheim ist der mittelpunkt ein rechter winkel – mitten im ort. die groß-rohrheimer haben eben schon immer weiter gedacht, haben versucht, sich vom runden aufs eckige zu bewegen.
rechte winkel haben etwas gradliniges. wer mit dem auto auf den rechtwinkligen rohrheimer orts-mittelpunkt zufährt, dem wird schlagartig klar: hier herrscht ordnung.
hier könnte der urmaßstab des 90-grad-winkels herkommen. ohne den hätte pythagoras seinen lehrsatz knicken können. rohrheim hat also was, was nicht jeder hat. und ordnung hat noch nie geschadet. sie gibt der jugend und den älteren halt.
doch findig, wie der groß-rohrheimer ist, hat er sich mit der reinen ordnung im zentrum seines gesellschaftlichen lebens nicht begnügt. an den stammtischen haben sie mit rauchenden köpfen überlegt, wie man den rechten winkel interessanter gestalten könne.
was rauskam, darf mit fug und recht – nicht – als der weisheit letzter schluss angesehen werden. die rechtwinkel-denker konnten sich in erster instanz lediglich darauf verständigen, dass "die strenge im ortszentrum", wie sie die akkuraten 90 grad im winkel zwischen rhein- und kornstraße nannten, "aufgelöst" werden solle.
das scheint ihnen gründlich gelungen.
wo früher ein schlichter rechter winkel war, ist jetzt ein schilderwald. streng ist's jetzt nicht mehr im zentrum. wenn einer während der autofahrt alles auf einmal erfassen will, rammt er ein uraltes fachwerkhaus, das dem schilderwald als träger dient.
durchblick sieht anders aus.
wenn man etwas länger nachdenkt, dämmert einem, was hier stattgefunden hat:
die väter des schilderwalds haben – nach schildbürger-art – den durchblick im ortszenttrum aufgelöst, damit man den blick für größere dinge schärfen kann – wenn man nicht an der hauswand klebt.
© valentin strohschnitter
der rohrkolben hat etwas für sich
ein groß-rohrheimer bei der "musterung"

woher ich komme?
das andere ohr schmunzelt trotzdem.
mehr noch – die augen fahren an mir herunter, bis zur körpermitte. wobei die an meiner herkunft interessierte person es gerne vermiede, dass ich ihr beim mustern auf die schliche komme.
"sie werden nix sehen – wir sind ziemlich normal gebaut, in jeder beziehung".
wieder schmunzeln.
"betrachten sie die sache doch mal so: es gibt millionen von namen für orte. beispielsweise tsingtao in china. das war mal für ein paar jahre um 1900 deutsche kolonie. weiß der teufel, was der name bedeutet. einen tsingtauer würden sie mit ihrem blick nicht so mustern, oder – es sei denn sie wüssten, dass tsingao so viel wie groß-rohrheim bedeutet".
aber scherz beiseite: tsingtao heiß nicht groß-rohrheim. glück für tsingtao.
andererseits: die groß-rohrheimer – der name kommt von den stattlichen rohr-kolben im rohrheimer ried – haben eigentlich auch viel glück.
"angenommen, wo groß-rohrheim liegt, läge wixhausen – jetzt gucken sie aber aus der wäsche!"
wixhausen ist ganz in der nähe. die leute von dort antworten auf anfrage: "wir kommen aus wixhausen".
da müssen antwortende(r) und fragessteller(in) durch.
die rohrheimer kümmern sich wenig darum, was die wixhäuser im wappen haben. sie sind stolz auf ihren groß-rohrheimer rohrkolben im orts-emblem.
und noch was: "angenommen, wir groß-rohrheimer kämen aus klein rohrheim – mit welchem, mitleidigen blick würden sie mich dann mustern?".
so gesehen, hat groß-rohrheim doch eine ganze menge für sich.
© valentin strohschnitter
leasing-hosen müssen nicht sein
stellen sie sich aber jetzt mal vor, sie wollen in urlaub fahren, und es fehlen die richtigen beinkleider. das gibt's, obwohl die meisten klamotten satt im schrank hängen haben. also geht's auf die suche nach einem fachgeschäft, das kleider verleiht – speziell hosen.
nix schwerer als das in groß-rohrheim. die dienstleistungsbranche wächst zwar dort ordentlich – aber kein schwein denkt bisher daran, beinkleider auf zeit zu vermieten.
das frustet.
die sache mit der leihhose geht somit in erster instanz in die hose, muss vertagt werden.
im wormser kaufhof – sie werben dort mit überzeugenden angeboten, günstigen preisen, bewährter markenqualität sowie kompetenter und freundlicher beratung (originalton kaufhof) – hängt glücklicherweise ein passables hosenmodell über der stange. es ist so, wie es sich nicht nur der rohrheimer mann wünscht: unauffällig, dankbar und – nicht zuletzt – nicht zu teuer. die farbe tritt eher in den hintergrund.
vergessen die lästigen gedanken an leasing-klamotten. besitz hat was für sich.
im urlaub hält der cord-stoff, der beine und bauch wärmt, was er versprochen hat. eine gute woche – hin und wieder ausgelüftet – ist er zuverlässiger partner, zeigt kaum spuren von verschmutzung, hat die form gehalten, sieht manierlich aus und riecht auch nach der heimkehr erträglich.
die frau lobt: guter kauf – doch jetzt wird das ding erst einmal gewaschen.
der träger war mit dem cord fast schon verwachsen. wehmütig folgt der blick den beinkleidern auf dem weg in die waschmaschine.
wie kann man nur auf den gedanken kommen, sich hosen gegen geld zu leihen.
© valentin strohschnitter





